Um die Jahrtausendwende – als die Eu- phorie am damaligen Börsensegment „Neuer Markt“ ihren Gipfelpunkt er- reichte – wurde die deutsche Aktienbörse von einer regelrechten Flut an Neuemissionen überschwemmt. Diese Zeiten sind längst vorbei, und sie wer- den auch nicht wiederkommen. Das heißt aber nicht, dass der deutsche IPO- Markt zu Grabe getragen wurde. Die diesjährigen deutschen, wenngleich auch sehr überschaubaren Neuzugänge sind jedenfalls durchaus reizvoll.

Am 15. September 2000 meldete die Giga- bell AG als erstes Nemax-Unternehmen Insolvenz an und ließ damit die Dotcom-Blase mit einem lauten Knall zerplatzen. Zu diesem Zeitpunkt war die Aktie gerade einmal rd. ein Jahr am Aktienmarkt gelistet. Die Idee hinter dem Neuen Markt, jungen Wachstumsunternehmen den Weg an die Börse zu ebnen, entpuppte sich als riesige Verlustnummer. Im März 2003 war der Neue Markt nach nur sechs Jahren bereits wieder traurige Geschichte. Rd. 14 Jahre nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes rief die Dt. Börse letzten Monat ein neues Segment für Wachstums- und kleinere Unternehmen ins Leben. „Scale“ ersetzte zum 1. März den „Entry Standard“. Um ein Desaster wie in Zeiten des Neuen Marktes zu verhindern, wurden zahlreiche Schutzmechanismen ein- gebaut und die Anforderungen hochgeschraubt. „Ich bin zuversichtlich, dass das neue Segment entscheidend dazu beitragen kann, dass wir wieder mehr Börsengänge von jungen innovativen Wachstumsunter- nehmen in Deutschland sehen“, äußerte sich der frühere Wirtschafts- und heutige Außenminister Sigmar Gabriel zum Scale-Einstand optimistisch.

Die Feuerprobe hatte Scale vergangenen Freitag mit seinem ersten Börsendebüt, und zwar dem von IBU-tec Advanced Materials (DE000A0XYHT5). Und eigentlich lief es auch ganz gut an: Die Aktie des Forschungs- und Produktionsdienstleisters für anorganische Stoffe startete an ihrem 1. Handelstag bei 17,10 €, fiel dann allerdings im weiteren Tagesverlauf zeitweise unter ihren Ausgabepreis von 16,50 (akt. Kurs: 16,43) €. Dieser war damit bereits am unteren Ende der ursprünglichen Zeichnungsspanne zwischen 16 und 20 € festgelegt worden. Dadurch flossen dem Unter- nehmen über die Ausgabe neuer Aktien brutto 16,5 Mio. € zu. Eigentlich hatte sich IBU-tec 18 Mio. € versprochen. Nichtsdestotrotz sieht Unternehmenslenker Ulrich Weitz sein Unternehmen als Eisbrecher für Scale. IBU-tec agiert auf einem attraktiven Wachstumsfeld. So werden die produzierten Materialien des Unternehmens z.B. in Kata- lysatoren zur Abgasreinigung bei Verbrennungsmotoren verbaut. Zudem ist man im Bereich E-Mobility unterwegs. Hier werden Werkstoffe für Lithium-Ionen-Batterien her- gestellt. Im vergangenen Jahr generierte IBU-tec mit rd. 150 Mitarbeitern einen Umsatz von 17,7 Mio. € und verdiente dabei vor Zinsen und Steuern (Ebit) 4,1 Mio. €. Im August will das Unternehmen seine Zahlen zum 1. Halbjahr präsentieren. Spekulativ durchaus reizvoll.

Einen furiosen Start lieferte die Aktie der MBB-Tochter Aumann (DE000A2DAM03) vor rd. zwei Wochen am Prime Standard ab: Zu einem Kurs von 42 € ausgegeben, startete die Aktie mit 48,20 € und gewann seither zunehmend an Fahrt (akt. Kurs: 54,20 €/vgl.hierzu auch letzte Ausgabe, S.6). Inzwischen wurde auch der Greenshoe von 780.000 weiteren Anteilsscheinen ausgeübt, womit der Streubesitz jetzt auf 46,4 % kommt. Die Börse setzt bei Aumann ganz klar auf die E-Mobility-Fantasie. Das mittelständische Unternehmen stellt automatisierte Fertigungslinien und Spezialmaschinen zur Drahtwicklung her, etwa für in Elektromotoren befindliche Spulen. Im vergangenen Geschäftsjahr 2016 machte der Bereich E-Mobility 27,2 % des Konzernumsatzes aus, der um 67 % auf 156,0 Mio. € durchstartete. Organisch erreichte das Plus noch 28,2 %. Das bereinigte Ebit schaltete von 12,4 Mio. auf 19,3 Mio. € hoch, sodass die Ebit-Marge auf 12,4 (10,2) % kam. Der Auftragseingang kletterte auf 190,1 (141,2) Mio. €, womit der Wachstumspfeil weiter klar nach oben zeigt. Kein Wunder, dass MBB mittelfristig Mehrheitsaktionär der Cash-Maschine bleiben will. Trotz der bereits ambitionierten Bewertung (Marktkapitalisierung: 759 Mio. €) sollte man bei Aumann Kursrücksetzer zum Einstieg nutzen.

Nachdem die Publikumsöffnung am Frankfurter Aktienparkett vor rd. 13 Jahren gescheitert war, versucht es der Erfurter Halbleiter-Auftragsfertiger X-Fab (ISIN: BE0974310428) nun an der Pariser Euronext – als einer der größten diesjährigen Börsengänge in der europäischen Technologiebranche. Die Papiere wurden in einer Spanne zwischen 8,00 und 10,50 € feilgeboten (Ausgabepreis lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor). X-Fab erhofft sich Einnahmen von bis zu 492 Mio. €. Ein Großteil der frischen Mittel soll in die Erweiterung von Fabriken in Deutschland, Frankreich, Malaysia und den USA fließen. Anders als die großen Massenhersteller fertigt X-Fab genau auf den Kunden zugeschnittene sog. analog/mixed-Signal-Halbleiter. Dabei stellt der Bereich Autoindustrie den größten Umsatzträger. Von den 2016er Gesamterlösen in Höhe von 512,9 (331,1) Mio. $ entfielen rd. 211 (181) Mio. $ auf diesen Sektor. Der 2016er Ge- samt-Profit preschte auf 46,0 (13,4) Mio. $ vor. X-Fab-Hauptaktionärin, die belgische Beteiligungsgesellschaft Xtrion NV, wird keine Aktien abgeben und damit nicht an ihrem 61,4%igen Anteil rühren. Die Notizaufnahme der X-Fab-Aktie wird für den 6. April er- wartet. Wenn der Kurs nicht zu weit vorprescht, kann man noch zugreifen (Aktie auch in Frankfurt handelbar).

Der Folienhersteller Klöckner Pentaplast hat sich die New Yorker Wall Street für seinen Börsengang aus- geguckt. Dort erhofft man sich eine größere Nachfrage nach seinen Papieren und damit eine höhere Bewertung. Die notwendigen Dokumente wurden bereits eingereicht. Auch der Industriekeramik-Hersteller CeramTec versucht es lieber in den USA. Ungeachtet des- sen sollte man diese beiden Neuemissionen auf jeden Fall im Auge behalten. Bei Siemens ist man sich noch unschlüssig, ob es für die Medizintechnik-Tochter Siemens Healthineers nun New York oder aber Frankfurt werden soll. Bei Vapiano wurden zuletzt Gerüchte hochgekocht, wonach das IPO in Frankfurt nach der Sommerpause serviert werden soll. Flankiert wird die Publikumsöffnung demnach angeblich von der UniCredit, der Berenberg Bank und Barclays. Die anvisierten Einnahmen von rd. 200 Mio. € sollen in die Finanzierung des weiteren Wachstums fließen. Laut Insidern strebt die 2002 gegründete Restaurant-Kette in diesem Jahr ein Ebitda zwischen 30 und 35 Mio. € an.