Globalisierung und Freihandel galten lange Zeit als Schlüssel zu blühendem Handel und Wohlstand. Inzwischen aber sind Nationalismus und Protektionismus wieder hoch im Kurs. Ob Russland, China, Großbritannien oder die USA – sie alle wollen ihre Waren günstig exportieren, aber den eigenen Wohlstand vor dem Rest der Welt abschirmen. „Mein Land zuerst“, lautet nicht erst seit Donald Trump das Motto der großen Wirtschaftsnationen. Aber auch wenn jeder nur noch an sich denkt, den oft zitierten Handelskrieg wird es nicht geben. 

Ob NAFTA, EFTA, ASEAN, CETA, TPP, TTIP, EWR – oder wie auch immer die Freihandelsabkommen heißen. Sie alle haben das gleiche Ziel: das Wachstum und den Wohlstand ihrer Mitglieder zu fördern und den Handel und die wirtschaftliche Zusammenarbeit zu vertiefen. Handelshemmnisse wie Zölle oder Import-Kontingente sollen fallen und die Wirtschaft dadurch angekurbelt werden. Das Dilemma aber ist, dass Nationalstaaten Grenzen und jeweils unterschiedliche Regeln haben. Hyperglobalisierung erfordert jedoch, die nationalen Grenzen abzubauen und nationale Politik zugunsten der Internationalisierung zu begrenzen. Daher sehen inzwischen viele mit dem Abschluss der Freihandelsabkommen das Sterben der Nationalstaaten besiegelt. Das wollen sie verhindern. Denn Menschen haben „das Bedürfnis, zu einer Gruppe ... zu gehören, die kleiner ist und weniger kosmisch als die gesamte Menschheit“, heißt es im ´New Yorker´.

Den Anfang machte der neue US-Präsident Donald Trump. Er kündigte in einer seiner ersten Amtshandlungen das Transpazifische Freihandelsabkommen TPP auf. Das Freihandelsabkommen NAFTA mit Mexiko und Kanada, das Trump als den „miesesten Deal überhaupt“ bezeichnete, will er zügig neu verhandeln. Und sollten die Partnerländer sich einem „fairen Deal“ verweigern, so werde Amerika das Abkommen kündigen. Auch alle weiteren Handelsabkommen sollen auf den Prüfstand kommen. Trump macht sie für die Jobverluste in den USA verantwortlich. „Amerikaner sollen bei Amerikanern kaufen und Amerikaner sollen Amerikaner einstellen“, propagiert der US-Präsident lauthals seine Linie. Unternehmen, die in den USA produzieren, sollen Vorteile erhalten. Solche, die im Ausland herstellen, müssen zukünftig mit hohen Strafzöllen rechnen. 

Den Chinesen wirft Trump unlautere Subventionspolitik und Währungsmanipulation vor. Die betroffenen Güter will er mit hohen Strafzöllen belegen. Ein 76 Jahre altes Gesetz erlaubt es Trump, Importzölle bis zu
50 % eigenmächtig per Dekret zu verhängen. Es gibt kein Limit für die Zahl der Dekrete, die ein US-Präsident erlassen kann. Franklin D. Roosevelt z.B. hat in seinen drei Amtsperioden 3.721 solcher Anordnungen erlassen. Donald Trump zeichnete schon in der ersten Woche vier „Executive Orders“ und acht „Präsidentschaftliche Memoranden“ ab, mehr als jeder andere Präsident. 

Derzeit liegen die durchschnittlichen Zölle für Handelsgüter weltweit bei etwa 3 % des Warenwertes. Einseitig verhängte Zölle von angekündigten 35 % und mehr könnten das empfindliche Gleichgewicht aber zerstören und auch Amerika massiv schaden. Diese Erfahrung musste schon Trumps Vorgänger Obama machen. Er störte sich in seiner Amtszeit an den chinesischen Billigreifen für Fahrzeuge und verhängte für sie einen Strafzoll von 35 %. China wiederum antwortete darauf mit einem Einfuhrzoll von 100 % auf US-amerikanische Geflügelprodukte. Der Geflügelexport der USA nach China brach daraufhin um ca. 90 % ein. Der amerikanische Verlust wurde auf ca. 1 Mrd. $ beziffert. 

Studien zeigen, dass ein Handelskonflikt mit den USA für China gesamtwirtschaftlich weit besser zu verkraften wäre als für die Vereinigten Staaten. Das Reich der Mitte ist zudem mit über 1,3 Billionen (!) Dollar einer der größten Gläubiger der USA (s. Abb.). Da Peking aber auch den größten Teil seiner Devisenreserven in Dollar angelegt hat, werden wohl beide Seiten nach ein paar Scharmützeln einen ausgedehnten Handelskrieg abblasen. Auch muss sich China unsicher sein, welche Position die EU einnehmen würde. 

Großbritannien dagegen hat genug von der EU und geht nun den harten Brexit an (s. ES Randnotizen 4/17). In den Niederlanden wartet der Rechtspopulist Geert Wilders mit einem ähnlichen Programm auf, in Italien ist es Beppe Grillo – in Frankreich Front National-Chefin Marine Le Pen. Doch in London wird man sich einen Alleingang sehr genau überlegen. Zwar erklärte Premierministerin Theresa May, dass man auf jegliches Abkommen mit der EU verzichte, sollten die Verhandlungen nicht zur britischen Zufriedenheit verlaufen. Auf der anderen Seite wird sie versuchen, Russland oder die USA mit ins Boot zu holen. Und in der Tat: Sowohl Washington als auch Moskau haben London bereits ihre Hilfe angeboten. Die gibt es jedoch nicht umsonst. Während Russland verlangen wird, dass sich das Königreich nicht mehr am EU-Boykott beteiligt, werden die USA auf einen außenpolitischen Gleichschritt drängen. Wie kostspielig ein solches Abenteuer sein kann, hat nicht zuletzt der Golfkrieg gezeigt. 

Großbritannien wird sich also entscheiden müssen, wo es am preiswertesten wegkommt und letzten Endes sogar festellen, dass es sich nicht vollständig von der EU abwenden kann. Es wird also letztendlich einige unliebsame wirtschaftliche Zugeständnisse an den „Kontinent“ geben.

Trotz aller nationalen Bestrebungen auf allen Erdteilen konzentrieren sich die liberalen Demokratien derzeit darauf, Ruhe zu bewahren und die Globalisierung nicht völlig aufzugeben. Die Europäer beschwören ihre eigenen Stärken. Australien, Japan und Neuseeland wollen ein TPP notfalls auch ohne die USA. China, schon jetzt die Nummer Zwei der Weltwirtschaft, bietet sich als Gegengewicht zu den unberechenbar gewordenen Vereinigten Staaten an und präsentiert sich als Vorkämpfer des Freihandels. Auf der anderen Seite könnten Trumps Drohungen auch der Ausgangspunkt für eine groß angelegte Einigung zwischen den USA, Russland und China sein – ein Deal zwischen den Großmächten.

Trumps Aktionismus wird zwar zeitweilig die Volatilität an die Märkte zurückbringen, das bisherige Wirtschaftsgefüge wird er aber nicht zerstören. Anleger sollten mit ihren Investitionen jetzt den internationalen Geldströmen folgen.