Es war wohl politisch gewollt, dass die Ergebnisse der zweiten Haushaltsbefragung des Eurosystems zu Finanzen und Konsum erst am 23. Dezember 2016 von der Europäische Zentralbank (EZB) veröffentlicht wurden, nur in Englisch und mit gefühlten hundert Quellenangaben zum Selbersuchen. Wer liest schon einen Tag vor Weihnachten derart komplexe statistische Erhebungen? Doch diese sind in der Tat lesenswert und haben eine Explosionskraft, die selbst das Berliner Feuerwerk zum Jahreswechsel in den Schatten gestellt hätte.

Die erste Befragung dieser Art wurde im Jahr 2010 durchgeführt. Ihr Ziel war es, „die finanzielle Lage und das Konsumverhalten privater Haushalte im Euro-Raum zu messen.“ Für die Ergebnisse der nun veröffentlichten zweiten Erhebung wurden 2013 und 2014 insgesamt 84.000 Haushalte in 18 Ländern des Euro-Raums sowie in Polen und Ungarn befragt. Als Vergleich diente der sog. Medianwert des Vermögens. Um diesen zu ermitteln, werden die Haushalte zunächst nach dem Vermögen sortiert. Das Vermögen des Haushalts in der Mitte dieser Reihe stellt den Medianwert dar. Ziel dieser Vorgehensweise ist es, die Ausreißer sowohl nach unten als auch nach oben zu glätten. Denn die sonst üblichen Durchschnittswerte für das Vermögen sind durch besonders vermögende oder arme Haushalte verzerrt. 

Das mediane Nettovermögen in der Euro-Zone ist seit der ersten Befragung 2010 um 10,5 % auf 104.100 Euro gesunken. Die deutschen Haushalte allerdings kommen gerade einmal auf ein medianes Nettovermögen von 60.400 Euro, während es im Pleite-Land Zypern schon bei 266.900 Euro liegt. Reicher sind nur noch die Einwohner Luxemburgs mit 437.000 Euro. Ärmer als die Deutschen sind nur noch die Bevölkerungen der Slowakei, Estlands und Lettlands. Sogar das mittlere Vermögen der Griechen liegt über dem der Deutschen. 

Die Deutschen haben zwar halb Europa vor der Pleite gerettet, aber die Menschen in europäischen Krisenländern wie Zypern, Griechenland oder Spanien sind deutlich reicher als in Deutschland. Denjenigen, die wieder behaupten, diese Ergebnisse wären dennoch verzerrt, ist entgegenzuhalten, dass bei der Erhebung Institutionelle und Fremdkonten nicht berücksichtigt wurden. Selbst die EZB stellte am Ende nüchtern fest, „dass die Vermögensverteilung – wie bereits in der ersten Befragung und wie auch in anderen entwickelten Regionen der Fall – schief ist.“ 

Wie „schief“ das Vermögen wirklich verteilt ist, lässt sich u.a. am Anteil des Vermögens ablesen, das den vermögendsten 10 % gehört. Je höher dieser Wert ist, desto größer ist der Abstand der 10 % vermögendsten Haushalte vom Median, also der Mitte der Verteilung. Auch diese Größe zwischen den vermögendsten 10 % und dem Rest der Haushalte wurde von der EZB ermittelt. 2014 verlief die Grenze in Europa bei 496.000 Euro, in Deutschland bei 468.000 Euro. Allerdings liegt hier der Medianwert des Nettovermögens ja schon weit unten, der Abstand ist also extrem groß.

Der EZB-Report gibt sich aber nicht nur mit der Feststellung des Ist-Zustandes zufrieden, sondern er analysiert auch die Ursachen. Ein wichtiger Grund für das Auseinanderklaffen der Vermögenslage im Euro-Raum ist demnach die Art der Geldanlage. In Deutschland besitzt zwar nahezu jeder Haushalt irgendeine Form von Finanzvermögen, aber dazu zählen auch Giro- und Sparkonten. Fast alle befragten Haushalte in Deutschland verfügten über ein Girokonto, drei Viertel über ein Sparkonto bei einer Bank oder Bausparkasse. 46 % der Haushalte hatten 2014 zudem Vermögen in Form von privaten Rentenversicherungen oder kapitalbildenden Lebensversicherungen. Das ist politisch so gewollt und über Jahrzehnte gesteuert – und unrentabel. 

Nur 10 % der deutschen Haushalte besaßen 2014 Aktien, Tendenz weiter fallend (s. Abb. S.2). Der Anteil der Haushalte, die Fonds besitzen, ist seit 2010 sogar von 17 auf 13 % gesunken. Dagegen setzen immer noch
75 % auf Sparanlagen oder Bausparverträge. Während sich die Nettovermögen bei mehr als der Hälfte der Wertpapierbesitzer seit 2010 um mehr als 38.000 Euro erhöhten, gab es bei den Haushalten ohne Aktiendepot einen Zuwachs von gerade einmal 2.500 Euro oder sogar Rückgänge.

Ähnlich sieht es beim Vergleich der Haushalte mit und ohne Immobilienbesitz aus. Während die deutschen Haushalte mit Immobilienbesitz zwischen 2010 und 2014 Zuwächse beim gesamten Nettovermögen von mehr als 33.500 Euro verzeichneten, mussten sich die Mieter mit Zuwächsen von weniger als 1.000 Euro begnügen bzw. Rückgänge hinnehmen. Der EZB zufolge wohnen im Euro-Raum zwar gut 60 % aller Privathaushalte in den eigenen vier Wänden, in Deutschland sind es aber gerade mal 44 %. Das ist der niedrigste Wert überhaupt. In Spanien haben fast 83 % Wohneigentum, in der Slowakei sogar 90 %. 

Und noch ein Unterschied kristallisiert sich heraus: Während sich in Italien und Zypern der Aktien- und Immobilienbesitz auf viele Haushalte verteilt, liegt dieses Vermögen in Deutschland bei einer nur kleinen Gruppe, die damit auch überproportional vom Anstieg der Aktienkurse und Immobilienpreise profitieren konnte. Dafür besitzen hierzulande 75 % der Haushalte Fahrzeuge. Ihr durchschnittlicher Wert liegt bei 13.200 Euro, der von Immobilien bei 231.400 Euro. 

Die Deutschen sind also nicht nur im internationalen Vergleich deutlich ärmer als andere, ihre Vermögensschere geht auch
besonders weit auseinander. Fazit der Deutschen Bundesbank: „Das Nettovermögen der privaten Haushalte in Deutschland war 2014 ungleich verteilt, der Median der Nettovermögen im internationalen Vergleich niedrig und das Anlageverhalten der Haushalte eher konservativ.“ Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, dass sich dieser Trend durch die Aufnahme von knapp
1,5 Mio. Flüchtlingen in den letzten beiden Jahren weiter ausprägen wird. Diese sind in der Erhebung nämlich noch gar nicht mit erfasst. 

Gerade vor der Bundestagswahl im Herbst sind diese Ergebnisse natürlich Zündstoff. Doch statt sie zu verstecken, sollte sich die Bundesregierung endlich der Realität stellen und die politischen Konsequenzen ziehen. 

Um den sozialen Frieden zu wahren und den Wohlstand der eigenen Bevölkerung zu sichern, muss Berlin endlich die Zeichen der Zeit erkennen und den Kauf von Aktien und Immobilien massiv fördern, statt unrentable Sparanlagen zu subventionieren.