Seit ein paar Monaten tönt es laut und kämpferisch aus dem Vaterland von Sultan Osman I und Staatsgründer Kemal Atatürk. Ihr gefühlter Nachfolger Recep Erdogan poltert gegen jeden, der Bedenken gegen seine präsidialen Allmachtsabsichten hegt. Egal, ob eigene Bevölkerung, andere Regierungen oder die EU – den Kritikern wird mit Vergeltung und harter Bestrafung gedroht. Da spielt es auch keine Rolle, dass die EU zwischen 2007 und 2013 dem Land insgesamt 4,8 Mrd. Euro zur „Förderung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“ überwiesen hat. Auch die Milliardensummen für die Beherbergung von Flüchtlingen oder die Nato-Hilfe zur Sicherung der türkischen Grenze können ihn da nicht milder stimmen. Ankara zockt auf die nationale Karte, um das Wahlvolk hinter sich zu scharen. Und nichts hilft da besser als ein äußerer Feind. Das wissen aber auch andere Regierungschefs. So hat der niederländische Premier Mark Rutte unlängst seinen Ton gegenüber Ankara verschärft, um vor der am Mittwoch anstehenden Parlamentswahl noch ein paar mehr Wählerstimmen für sich zu bekommen. Auch in Deutschland werden wir feststellen, dass mit dem nahenden Bundestagswahltermin im September der Ton schärfer werden wird.

Danach aber, wenn alle Wahlen gelaufen sind, werden Handel und Wandel wieder den Vorzug erhalten. Das gilt insbesondere für die Türkei, deren Kreditwürdigkeit von den Ratingagenturen wie Standard & Poor‘s und Fitch auf Ramschniveau gesetzt wurde. Für sie ist die EU als größter Absatzmarkt ihrer Produkte (über)lebenswichtig. Ruf nach Vergeltung und Strafe? Alles nur getürkt.