Am vergangenen Samstag traf sich Europa auf dem Kapitolshügel von Rom im geschichtsträchtigen Konservatorenpalast und feierte sich und seinen 60. Geburtstag. Europahymne und ein blaues Tischtuch mit riesigen gelben Sternen dienten als standesgemäßer Rahmen, um jeden der anwesenden Staatslenker bei seiner Unterschrift unter die „Erklärung von Rom“ ins rechte Licht zu rücken. Und das war noch nie einfach. 

Was 1957 als sog. „Römische Verträge“ mit sechs Unterzeichnerstaaten begann, ist zwischenzeitlich auf eine Großfamilie von 28 Staaten angewachsen. In gleichem Maße wuchsen aber auch die Probleme und noch schneller Bürokratie und Selbstverwaltung. Vom Krümmungsradius der Salatgurke, über den Abstand von Grillroststäben, die elektrische Leitfähigkeit von Waldhonig, bis hin zu einer 54 Seiten umfassenden Schnullerkettenverordnung bietet das Kuriositätenkabinett der Brüsseler Bürokraten vieles, dessen Sinnhaftigkeit dem Normalsterblichen wohl für immer verschlossen bleiben wird. „Die EU muss deutlich machen, dass sie sich auf die großen Dinge konzentriert, nicht auf das Kleinklein“, meinte daher auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. „Die Leute mögen das nicht.“ 

Aber auch auf dem großen Parkett tut sich die EU schwer. Die Überschuldung Griechenlands, Banken- und Eurokrise, unkontrollierte Flüchtlingsströme – Brüssel konnte stets die Flächenbrände nur ein wenig eindämmen, nicht aber löschen. Die nationalen Alleingänge nahmen stetig zu, der Protektionismus ebenfalls: Polen will mehr Rechte, Ungarn über seine Grenzen selber bestimmen. Die Niederlande und Luxemburg wollen auf ihre Steuermodelle nicht verzichten. Tschechien möchte keine Flüchtlinge aufnehmen, die Griechen wollen mehr Geld und Frankreich mindestens so viel zu sagen haben wie Deutschland. Um die eigenen Interessen durchzusetzen, droht jedes Mitglied stets mit Boykott des großen Ganzen. Dann wird viel geredet und verhandelt, noch mehr gegessen und getrunken und am Ende ein weichgespülter Konsens präsentiert. Bis zum nächsten Treffen. 

Um der zunehmenden sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheit der EU-Mitgliedsländer zu begegnen, braucht es daher mehr als eine einseitige und falsch verstandene Solidarität innerhalb der Gemeinschaft, wie jüngst auch Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem feststellte: „Als Sozialdemokrat halte ich Solidarität für äußerst wichtig. Aber wer sie einfordert, hat auch Pflichten. Ich kann nicht mein ganzes Geld für Schnaps und Frauen ausgeben und anschließend Sie um Ihre Unterstützung bitten.“ 

Als Erste haben die Briten nun genug von diesem Europa. Sie wollen raus aus der EU. Seit ihrem Beitritt 1972 – 1963 hatte Frankreichs Präsident Charles de Gaulle noch per Veto den Beitritt Großbritanniens verhindert – sehen sich die Briten von Brüssel vornehmlich gegängelt und in ihrer nationalen Selbstbestimmung derart beschnitten, dass sie nun im Alleingang ein „global agierendes“ Großbritannien installieren möchten. Und schon liebäugeln auch andere Mitgliedsländer offen mit der britischen Idee. Daher sucht man nun innerhalb der EU händeringend nach einer Formel, wie es gemeinsam weitergehen kann. Beim Sondergipfel in Rom am 25. März haben die 27 verbleibenden EU-Staaten einen Ausblick auf die kommenden zehn Jahre gegeben: „Wir werden gemeinsam handeln, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Intensität, dort, wo es notwendig ist, bewegen uns aber in die gleiche Richtung (…), die Tür offen lassend für jene, die später dazu kommen wollen.“ 

Es ist wohl das erste Mal, dass nicht Gemeinsamkeit, sondern Unterschiedlichkeit zwischen den EU-Mitgliedsstaaten festgeschrieben wird. Ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten ist auch nicht das Lieblingsszenario der EU-Kommission. „Mein Lieblingsszenario wäre, dass wir alles zu 27 machen. Aber wenn es nicht geht, dann geht es nicht“, so Jean-Claude Juncker. 

Es bleibt zu wünschen, dass der Kater nach den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Römischen Verträge nicht allzu groß ist und die EU zukünftig nicht weiter bröckelt. Denn bei aller berechtigten Kritik, die EU steht auch für 60 Jahre Frieden in Europa.