Für manche sind es die Kuckuckseier im Depot, für uns sind es die Favoriten 2017: Aktien, deren Chartkurven in den vergangenen Monaten deutlich nach unten wanderten. Doch man sollte diese unterschätzten Werte nicht vorschnell abschreiben. 

Die Bilanzsaison in Deutschland war für das Geschäftsjahr 2016 ein Erfolg. Die Unternehmen schütten in 2017 Dividenden in Rekordhöhe aus. Eine Vielzahl von Aktien ist inzwischen recht heiß gelaufen. Um jetzt noch attraktive Renditen zu erzielen, lohnt sich der Blick auf die scheinbaren Kuckuckseier am Markt. Gemeint sind Werte, deren Bewertung unter Wasser steht. Bei diesen Papieren besteht die Chance, dass der Kurs allmählich dreht oder dass sie übernommen werden. Bestes Beispiel hierfür ist Stada, bei denen ganz aktuell Bain und Cinven zuschlugen (s.S.7).

Auch Biotest, die lange vom Markt vernachlässigt wurden, haben inzwischen die Käuferfraktion angelockt (s.S.6). 

Bei Klöckner & Co hat sich Großaktionär Friedhelm Loh kürzlich die Sperrminorität gesichert. Interessant dabei, einige Gesellschaften des Unternehmers passen perfekt zu Europas größtem Stahlhändler. Das bietet Spekulationsspielraum. Weiterer Pluspunkt für KlöCo ist die bereits fest verankerte Digitalisierung der Lieferungs- und Leistungskette, wovon andere Konzerne derzeit nur träumen können. 

Der Kurs von ElringKlinger dümpelt seit geraumer Zeit unter seiner 200-Tage-Linie. Mit der jüngsten Erholung wurde diese nicht nur nach oben durchbrochen, sondern auch der Abwärtstrend ausgestoppt. Höchste Zeit, sich zu positionieren. 2015 hatten volle Auftragsbücher und zu geringe Kapazitäten im Schweizer Werk für Abschirmtechnik teure Sonderschichten und andere Sonderkosten mit sich gebracht. 2016 wurden erneut ao Kosten von 11 Mio. € verbucht. Inzwischen ist das Werk wieder profitabel, allerdings soll die Kostenstruktur noch weiter optimiert werden. ElringKlinger schaffte es in 2016 immerhin, den operativen Cashflow auf –4 (–65) Mio. € zu verbessern und kommt auf eine Eigenkapitalquote von 47,2 %. Im Transformationsprozess der Automobilbranche von Verbrennungsmotoren zum Elektroantrieb hat sich ElringKlinger gut positioniert. U.a. stellt man Komponenten für Batterien und Brennstoffzellen her, was bis dato allerdings noch keine schwarze Zahlen einbringt. In diesem Jahr soll der Bereich den Turnaround schaffen. Leichtbauteile, Komponenten für den Elektroantrieb, Hitzeschilde und Spezialdichtungen werden auch in der Akkutechnik und für den Brennstoffzellenantrieb benötigt. Mit dem Segment Zylinderkopfdichtungen werden derzeit nur rd. 13 % der Umsätze eingefahren. In der Akkutechnik sowie im Leicht- und Formbau ist Vorstandschef Stefan Wolf auch Zukäufen gegenüber nicht abgeneigt. Derzeit wird der Entwicklungsdienstleister Hofer integriert. Über eine Tochter des Unternehmens will ElringKlinger komplette elektrische Antriebsstränge fertigen. Durch die Elektromobilität, die Erweiterung des Ersatzteilgeschäfts in China und Nordamerika plus die Produktion von Kunststoffmodulen für die Medizintechnik strebt man bis 2020 Erlöse von gut
2 Mrd. € an. 

Aus der Mode sind derzeit die Ahlers-Aktien. Das familiengeführte Modeunternehmen hat schwierige Zeiten hinter sich. Durch die Trennung vom Ladenhüter Gin Tonic sind die Herforder eine Bilanzaltlast los. Allerdings verbuchte der Herrenausstatter für das Geschäftsjahr 2015/16 (30.11.) einen Umsatzrückgang auf 238 (242) Mio. €. Mit dem Umsatzminus von 1,7 % schnitt er aber immer noch besser ab als der Branchendurchschnitt mit 2,5 %. Zwar kletterte der Jahresüberschuss auf 2,5 (1,4) Mio. €, allerdings sank der operative Cashflow deutlich von 13,4 auf 4,9 Mio. €. Der HV am 3. Mai wird eine gekürzte Dividende auf 0,15 (0,20) € für die Stämme und auf 0,20 (0,25) € für die Vorzüge vorgeschlagen. Allerdings wurde die Ausschüttung im Vj. noch zu mehr als der Hälfte aus der Substanz gezahlt. Im Q1 hatten Umsatzverschiebungen in das Q2 u. die fehlenden Beiträge von Gin Tonic und dem Private Label-Geschäft einen Erlösrückgang um 4,7 % auf 63,1 Mio. € zur Folge. Das Konzernergebnis nach Steuern schrumpfte um 17 % auf 2,9 Mio. €. Die Auslieferungsverschiebungen ausgeklammert, hätte man mehr verdient. An der Gesamtjahresprognose wurde nicht gerüttelt: Sie lautet auf eine stabile Umsatzentwicklung und ein konstantes bis leicht verbessertes Konzernergebnis. Ahlers setzt deutliche Akzente in der Branche und geht z.B. nicht den Trend zu einem immer weiter steigenden Retail-Geschäft mit. Damit haben Gerry Weber und Hugo Boss bereits schlechte Erfahrungen gemacht. Für Ahlers steht neben einer engeren Zusammenarbeit mit dem Fachhandel eine stärkere Konzentration auf den Online-Handel auf der Agenda. Auf diesen entfällt bisher nur ein Umsatzanteil von 4 %. Daher wurde im Februar der Vorstand wieder von 2 auf 3 Mitglieder ausgebaut. Für Firmenchefin Stella Ahlers ist der E-Commerce nicht die einzig selig machende Lösung, sondern die sinnvolle Verknüpfung von Online und stationärem Einzelhandel. Mit den drei Kernmarken Pierre Cardin, Baldessarini u. Pioneer will man im lfd. Geschäftsjahr wieder verstärkt in Osteuropa punkten. Die Ahlers-Aktie hat ebenso wie auch Hugo Boss ein frisches Kaufsignal gegeben. Damit ist bei beiden Titeln der Turnaround angelaufen. 

In den letzten Monaten trug auch die BayWa-Aktie keine Früchte. Die wachsende Preisvolatilität im Agrarhandel hat den Münchnern zugesetzt. Inzwischen hat sich Deutschlands größter Agrarhandelskonzern entschlossen, stärker in das Thema Handelsabsicherungsgeschäfte (Hedging) einzusteigen. Außerdem wird der Kapitaleinsatz bei extrem volatilen Produkten (z.B. Soja) deutlich reduziert. Im Gegenzug setzt BayWa -verstärkt auf die Energiesparte und auf höhermargige Produkte im Obst- und Ge-müse-bereich. In diesem Zusammenhang wurde Anfang März ein Joint Venture in Abu Dhabi geschlossen. Bei dem Gemeinschaftsunternehmen geht es um die Produktion von hochwertigem Fruchtgemüse, wie etwa -Tomaten, für die Vereinigten Arabischen Emirate. Damit will der SDAX-Konzern sein Geschäft weiter diversifizieren, um die Abhängigkeit vom schwankungsanfälligen Massengeschäft mit Weizen, Mais und Sojabohnen zu reduzieren. Im Vorjahr setzte man zwar mit 15,41 (14,9) Mrd. € wieder mehr um, das Nettoergebnis sank jedoch auf 53 (63) Mio. €. Immerhin konnte der Cashflow auf 209 (19) Mio. € deutlich verbessert werden. Die Aktionäre erhalten eine konstante Dividende von 0,85 €. Nicht zuletzt die attraktive Dividendenrendite von 2,8 % spricht für ein BayWa-Engagement.

Der Portalbetreiber Scout24 hat sich inzwischen wieder nahezu bei seinem IPO-Preis von 30,00 (akt.: 30,90) € eingefunden. Ende 2016 setzten die Dt. Telekom und der Finanz-investor Hellman & Friedman den SDAX-Titel mit ihrer Platzierung von 7 Mio. Aktien zu 32 € unter Druck. Nach wie vor hält die Dt. Telekom 10,2 % an der früheren Tochter, Hellman & Friedman kommt auf 25,2 %. In 2016 schraubte Scout24 bei Erlösen von 442,1 (393,6) Mio. € seinen Überschuss um 13,9 % auf 84,3 Mio. € hoch. Die Eigenkapitalquote verbesserte sich dabei auf 46,5 (42,4) %. Für das lfd. Geschäftsjahr avisiert der Anbieter von Online-Immobilien und Automobil-Marktplätzen ein hohes einstelliges organisches Umsatzwachstum und einen Anstieg der Ebitda-Marge aus gewöhnlicher Geschäftstätigkeit um rd. 1 %. Das war dem Aktienmarkt zuletzt zu wenig, und auch die Ankündigung einer erstmaligen Dividende von 0,30 € für 2016 (HV: 08.06.) brachte keine Impulse. Dabei ist Scout24 durch die führende Marktposition, hohe Markenbekanntheit und starke Nutzerreichweiten im deutschen und europäischen Markt hervorragend positioniert. Auch der Ausblick für den Online-Werbemarkt bleibt positiv, da die digitale Kommunikation weiter voranschreitet. ImmobilienScout24 sowie AutoScout24 partizipieren vor allem von der Verschiebung der Marketingbudgets von Print-Medien zu Online-Medien. Scout24 ist bereits erfolgreich im digitalen Zeitalter angekommen. Die Aktie ist klar unterbewertet. Spätestens bei Kursen von 26 bis 28 € sollte eine Bodenbildung stattfinden. Das sollten Anleger im Auge haben, bevor sie den Einstieg wagen. 

Auf zum mutigen Stock Picking!