Während sich die USA immer weiter abschotten und Europa sich mit der Selbstzerstörung beschäftigt, gewinnt die alte Handelsmacht China immer mehr an Stärke. Die Architektur der Welt verändert sich, und Europa muss sich entscheiden, wo es in dieser Welt stehen will. 

Selig und selbstverliebt umarmt Donald Trump gerade die amerikanische Flagge, und Europa zerlegt sich in Machtkämpfen selbst, da tagt in Peking der größte Wirtschaftskonvent der Welt – der Nationale Volkskongress Chinas. Noch bis zum 15. März werden 3.000 Delegierte die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ziele des Landes für das laufende Jahr abnicken. Denn die Entscheidungen sind im Vorfeld längst gefallen. Doch als Ministerpräsident Li Keqiang zum diesjährigen Auftakt den sog. Rechenschaftsbericht verlas, da ging es längst nicht mehr nur um China,  sondern auch um die wirtschaftliche Zukunft von Europa, vielleicht sogar der ganzen Welt. Denn wer ökonomische Macht besitzt, hat auch politischen Einfluss. Und China ist gerade dabei, zum Zentrum der Macht zu werden und ganze Regionen den eigenen Zielen zu verpflichten. So hatten mitten in der Euro-Schuldenkrise chinesische Investoren 2009 den Hafen von Piräus und ein Viertel des portugiesischen Stromnetzes übernommen. Sechs Jahre später hinderte ausgerechnet Griechenland die EU daran, eine UN-Erklärung gegen  Menschenrechtsverletzungen in China zu unterstützen. 

Mit der „Belt and Road“ (vgl. ES 48 und 49/17) wird somit nicht einfach die Seidenstraße wiederbelebt, sondern sie ist eine Vision von der künftigen wirtschaftlichen und politischen Stellung Chinas in der Welt. Europa ist groß und wohlhabend, aber schon lange fehlt es dem alten Kontinent an eigener Dynamik, an Einigkeit ohnehin. Im Rahmen des gigantischen Infrastrukturprojekts versucht China daher, vor allem die 16 osteuropäischen Staaten wirtschaftlich und politisch an sich zu binden. Jedes Jahr trifft sich Chinas Premier mit diesen Ländern zu einem 16-plus-1-Gipfel, unter ihnen auch Deutschlands unmittelbare Nachbarn Polen und Tschechien. Sie erhalten von China großzügig Kredite – etwa für den Bau eines Superschnellzugs zwischen Budapest und Belgrad (vgl. ES 48/17). Mit Italien gewinnt China nun womöglich erstmals ein EU-Gründungsmitglied für sich. Am 22. März könnten mehrere Absichtserklärungen zwischen den beiden Ländern im Rahmen der Neuen Seidenstraße unterzeichnet werden. 

Nur einen Tag vorher findet der nächste EU-Gipfel statt. Hier sollte nun endlich die Haltung Europas zu China definiert werden. Denn derzeit mutiert Europa immer mehr zum modernen Chinatown – und mittendrin Deutschland. Als Exportweltmeister ist Deutschland inzwischen zum Hauptempfänger chinesischer  Wachstumsimpulse geworden. Das Reich der Mitte ist der drittgrößte Abnehmer von Waren „Made in Germany“, nach den USA und Frankreich. 2018 wurden Produkte im Wert von mehr als 93,1 Mrd. Euro dorthin geliefert, was einem Zuwachs von 8,1 % zum Vorjahr entspricht. „Wir werden noch so fleißig, noch so toll, noch so super sein können – mit 80 Millionen Einwohnern werden wir nicht dagegen ankommen, wenn sich China entscheidet, dass man mit Deutschland keine guten Beziehungen mehr haben will“, musste auch Angela Merkel eingestehen. Kein Wunder, lag doch das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern 2018 bei 199,3 Mrd. Euro. 

Wenn China nun für 2019 mit einem Wirtschaftswachstum zwischen 6 und 6,5 % das niedrigste Wachstum seit drei Jahrzehnten erwartet, dann sind davon vor allem die Deutschen betroffen. Prompt hat die OECD auch ihre Wachstumsprognose für die deutsche Wirtschaft von 1,9 auf 1,3 % gekappt. Eine Simulation ergab zudem, dass eine weitere  Verlangsamung des chinesischen Wachstums um weitere 2 % die Eurozone sogar in eine Rezession schieben würde. Bereits in den letzten beiden Dekaden hatte China das Wachstum der Weltwirtschaft am meisten beeinflusst, denn in den vergangenen zwölf Jahren hat sich sein Außenhandel mehr als verzehnfacht. Experten gehen davon aus, dass die EU schon 2027 und die USA 2038 von China abgehängt werden. Spätestens dann wäre es die stärkste Wirtschaftsmacht der Welt. 

Gerechnet nach Kaufkraftparität hat das Reich der Mitte die USA bereits 2016 als größte Wirtschaftsnation abgelöst. Der europäisch-asiatische Handel ist ungefähr dreimal so groß wie der transatlantische Handel. „Made in China 2025“ heißt die Strategie, nach der die Volksrepublik in zehn Schlüsselbranchen in kurzer Zeit eine führende Rolle einnehmen will. Wo eigene Technik dabei fehlt, wird sie eben im Ausland eingekauft. Das ist der Plan, der Kauf des Roboterherstellers Kuka und des Fahrzeugsitzeherstellers Grammer die Realität. 

Um die eigene Stärke zu erhalten, kündigte Li gleich ein ganzes Bündel an Maßnahmen an, so z.B. Abgaben- und Steuersenkungen im Gesamtvolumen von fast 300 Mrd. Dollar. Dies wird die privaten Haushalte entlasten und die Ausgabenspielräume der Firmen erhöhen. Bisher liegt die Steuer- und Abgabenlast  bei den Unternehmensgewinnen bei 65 %, die Sozialabgaben bei 40 %.  Vor allem die Industrie, der Verkehrssektor und der Bau sollen gestützt werden. Dazu werden nicht nur 120 Mrd. Dollar in Züge und Zugstrecken sowie ca. 270 Mrd. Dollar in den Bau von Autobahnen und Wasserwegen gesteckt, sondern auch die Mehrwertsteuer von 16 auf 13 % im verarbeitenden Gewerbe und von 10 auf 9 % im Transport- und Bauwesen abgesenkt. 

Zwar steigt das Haushaltsdefizit dadurch um weitere 0,2 Prozentpunkte auf 2,8 % der Wirtschaftsleistung, gleichzeitig steigt aber die Profitabilität der Unternehmen. Das dürfte China nicht nur als Handelspartner, sondern auch für Investoren wieder interessant machen. Der Hang Seng hat zudem technisch die wichtige 200-Tage-Linie nach oben durchstoßen, was zusätzlich ausländisches Kapital anlockt. Stimulierend wirkt dabei ebenfalls, dass die „Negativ-Liste“ der Sektoren, in denen ausländische Unternehmen bisher nicht investieren dürfen, gekürzt werden soll. Damit wolle man vor allem exportorientierten Firmen helfen, ihre Beschäftigten zu halten, so Li, der zudem eine Öffnung des Finanzmarktes versprach. Überhaupt ist eine Wende in Richtung Privatsektor erkennbar. Von diesem Kurswechsel dürfte erneut die deutsche Wirtschaft profitieren. Schätzungen zufolge könnten in diesem Jahr die Exporte nochmals um bis zu 5 % wachsen und damit mehr als doppelt so stark wie die deutschen Ausfuhren insgesamt. Gerade erst hat der deutsche Chiphersteller Dialog Semiconductor einen neuen Auftrag des chinesischen Smartphone-Herstellers Huawei an Land gezogen. Auch wenn  zum Volumen des Auftrags nichts bekannt wurde, legte der Kurs der Aktie nach der Meldung kräftig zu.  

So viel ist sicher: Die Europäer brauchen ein Konzept zum Umgang mit der neuen Großmacht China. Anleger dagegen sollten auf das Momentum setzen und dem Geld folgen. Hier ergeben sich in den nächsten Jahren gerade bei europäischen Werten profitable Chancen.  

 

 

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