Seit dem 1. Juli müssen sich deutsche Anleger mit einem neuen Begriff beschäftigen – der Börsenäquivalenz. Obwohl viele Aktienbesitzer davon bisher noch nie etwas gehört haben, ist das Thema nicht neu. Es handelt sich dabei um eine Vereinbarung der EU mit sog. Drittstaaten – also Ländern, die wie die Schweiz nicht zur EU gehören. Um die Handelstätigkeiten mit diesen Nicht-EU-Staaten zu ermöglichen bzw. zu erleichtern, muss die EU deren Gesetze und Mechanismen als gleichwertig mit den eigenen anerkennen. Dies gilt auch beim Handel mit Wertpapieren. 

Die Anerkennung der Schweizer Börse (Börsenäquivalenz) wurde von Seiten der EU jedoch bisher nur befristet gewährt. Knackpunkt für eine nochmalige Verlängerung war dabei nicht etwa die Börsenregulierung selbst, sondern politischer Beziehungsstress zwischen den Nachbarn. Seit Mai 2014 verhandeln Deutschland und die Schweiz bereits über ein neues gemeinsames Rahmenabkommen. Aus Sicht der EU war der Vertrag bereits ausgehandelt, aber die Schweizer zierten sich dennoch, es zu unterschreiben. Sie wollten noch „Klärungen“ zu den drei Punkten staatliche Beihilfen, Lohnschutz und Unionsbürgerrichtlinie. Für die Eidgenossen sind diese Themen für die bevorstehenden Parlamentswahlen im Oktober durchaus relevant. Doch mit Blick auf die aktuellen Brexit-Verhandlungen mit den Briten durfte auch die EU gegenüber anderen Drittstaaten nicht zu sehr nachgeben. Der Streit spitzte sich mit dem Auslaufen der Börsenanerkennung der SIX zum 30. Juni naturgemäß zu und eskalierte. D.h., die EU-Kommission hat die Börsenäquivalenz nicht über das Monatsende hinaus verlängert. Ab dem 1. Juli 2019 dürfen somit Marktteilnehmer aus der Schweiz keine europäischen Werte mehr über die Schweizer Börse SIX kaufen und verkaufen. Der Schweizer Bundesrat hat wiederum mit Gegenmaßnahmen reagiert und zeitgleich den Handel von Schweizer Wertpapieren in der EU mittels Notfallverordnung verboten. Mit dieser gegenseitigen Börsenblockade steht nun eine Patt-Situation im Raum. 

Was bedeutet das für deutsche Anleger?

Zunächst einmal stellten viele Anleger fest, dass seit Montag dieser Woche auf dem elektronischen Handelssystem Xetra oder an den Börsenplätzen Frankfurt und Stuttgart für Schweizer Aktien keine Kurse mehr gestellt wurden. Das gilt auch für Schwergewichte wie Nestlé, Roche oder Novartis. Damit findet dort auch kein Handel dieser Aktien mehr statt. Eine Ausnahme bilden Aktien mit einem Doppellisting: LafargeHolcim, ABB, Aryzta, BB Biotech und Cie Financiere Tradition. Diese Titel können auch weiterhin sowohl in der EU (wenn auch nicht an allen Börsen) als auch in der Schweiz gehandelt werden. Verbriefte Derivate, Anleihen, Fonds und ETFs, denen Schweizer Basiswerte zugrunde liegen, können ebenfalls weiter über die Börse Stuttgart gehandelt werden. 

Anleger, die in der Vergangenheit Aktien von Schweizer Unternehmen über einen europäischen Handelsplatz außerhalb der Schweiz kauften, haben nun zwei Alternativen:

1. Entweder sie warten eine Einigung ab, können aber in dieser Zeit ihre Schweizer Aktien nicht in Deutschland handeln. Wie lange sich jedoch bilaterale Schlichtungsgespräche hinziehen werden, ist ungewiss. 

2. Sie lassen ihre Schweizer Aktienbestände auf eine Schweizer Lagerstelle umbuchen, vorausgesetzt, die Depotbank hat einen Zugang zur Schweiz. Anschließend können die Werte sofort in der Schweiz gehandelt werden. Dieser Vorgang ist an sich unproblematisch, kann aber trotzdem auch schon mal eine Woche dauern. Zudem lassen sich viele Banken den Lagerstellenübertrag bezahlen. 

Generell können Privatanleger aber weiter in Schweizer Aktien investieren, denn die meisten Depotbanken arbeiten jetzt schon mit Korrespondenzbanken an den jeweiligen Lokalbörsen zusammen, weil ihre institutionellen Kunden ausländische Aktien ohnehin an den Heimatbörsen handeln – schon wegen der höheren Liquidität.

Es sieht ganz danach aus, dass sich die EU einmal mehr mit ihrer Politik selbst Schaden zufügt und ihre Taktik nicht aufgeht. Wer es auch erfunden hat, er hat der ohnehin schon kümmerlichen Aktienkultur in Deutschland einen Bärendienst erwiesen.

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