3D-Drucker fertigen Hüftgelenke, Zahnkronen, Hörgeräte, Spielzeug, Maschinen-, und Flugzeugteile, Roboter sogar ganze Autos. Warum also keine Häuser? 

Es war ein Erdbeben, das den französischen Professor Benoit Furet auf die Idee brachte, ein Haus aus dem 3D-Drucker zu konstruieren. Denn nach der Naturkatastrophe in Neapel 2015 brauchten die Menschen binnen weniger Stunden ein neues Dach über dem Kopf. Was zunächst als notdürftige Behausung gedacht war, ist inzwischen ein lebenswertes Projekt in einem weltweiten Wettstreit. Denn inzwischen gibt es rund um den Globus Baustellen, auf denen riesige Materialdrucker Beton zu Wänden und schließlich zu Häusern schichten – schneller und billiger als mit herkömmlicher Technik. 

Im niederländischen Eindhoven wird derzeit eine ganze Wohnsiedlung aus dem Drucker errichtet. Schon 2017 hatte das dänische Start-up 3D-Printhuset in Kopenhagen in zwei Tagen einen 50 Quadratmeter großen Büropavillon gedruckt. Und seit einem Jahr bietet die chinesische Firma WinSun gedruckte Fertighäuser an. Die günstigsten Wohnhäuser gibt es schon für umgerechnet 5.000 Euro. Erst kürzlich druckte das Unternehmen in einem Industriepark eine zweistöckige Villa mit insgesamt 1.100 Quadratmeter Wohnfläche. Für die Füllmasse wurde Bau- und Industrieschutt verwendet, der so recycelt wird. Der Bauschutt, schnell trocknender Zement und ein spezielles Härtungsmittel werden gemischt und erhitzt und durch Kanülen geleitet. Düsen spritzen dann auf den Millimeter genau die vom Computer entworfenen Wände und Dachteile. Der Druckprozess dauert einen Tag. Dann werden die Elemente an herkömmliche Stahlträger gesteckt, mit Drahtgestellen verbunden, die Hohlräume mit Isolierstoffen gefüllt und Fenster eingebaut. Das braucht weitere fünf Tage. Nach dem gleichen Prinzip baute WinSun jetzt einen fünfstöckigen Wohnblock. Er ist das bislang größte Objekt aus einem 3D-Drucker. 

„Bis man hierzulande ein komplettes Haus aus einem Guss drucken kann, wird es noch einige Jahre dauern“, sagt Klaudius Henke, Architekt am Lehrstuhl für Holzbau und Baukonstruktion der Technischen Uni München. Dennoch sieht auch er die Zukunft im 3D-Druck. „Man spart Material, das kostet weniger und schont die Umwelt.“, sagt er. „Außerdem können wir beim Druck schon Dämmmaterial einbauen oder Schächte und Kanäle für Lüftung, Wasser und Strom, und man kann die Bauteile individuell gestalten.“ Nicht nur Henke und sein Team versuchen, die perfekte Zusammensetzung für den druckbaren Baustoff zu finden. Denn fast überall wird im additiven Schichtbauverfahren gedruckt, bei dem das Material Schicht für Schicht aufgebracht wird. Es muss also zunächst flüssig sein, schnell aushärten, aber biegsam sein und viel Zugkraft aushalten. In Henkes „Druckertinte“ ist neben Zement und Wasser noch Holz, was die Teile leichter macht und gleichzeitig dämmt. Im französischen Nantes setzt man auf Kunstharzschaum, der zunächst den Beton in Form hält und später als Dämmung dient. Obwohl aber bisher immer noch die tragenden Elemente das Hauptproblem sind, soll in Dubai jetzt der erste 3-D-Wolkenkratzer gedruckt werden. Saudi-Arabien hat angekündigt, in den kommenden Jahren 1,5 Mio. Wohnungen zu drucken. In Eindhoven soll spätestens 2024 die Siedlung fertig und der Hausdruck massentauglich sein. Weltweit wird der Betondruck-Branche bis 2023 ein Wachstum um 317 % auf knapp 1,5 Mrd. Euro zugetraut. 

Die digitale Revolution hat endlich auch den klassischen Hausbau erreicht und wird in der Baubranche keinen Stein auf dem anderen lassen. Neue Materialien und Techniken werden ebenso erforderlich sein wie die Veränderung von Arbeitsprozessen. Das wiederum wird neue Berufszweige und Zulieferbranchen hervorbringen, was auch Anlegern neue Investitionschancen bietet. Zudem werden Kosten und Ressourcen geschont und vielleicht auch Wohnen wieder bezahlbar gemacht. Doch noch schöner ist die Vision, dass sich durch Krieg oder Naturkatastrophen zerstörte historische Altstädte schneller wieder aufbauen ließen und kommunale Schmuddelecken einfach neu gedruckt werden könnten.

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