Auf der weltgrößten Fachmesse der Lebensmittel- und Getränkebranche zieht sich das Thema Nachhaltigkeit wie ein roter Faden durch die Messehallen. Von alternativen Proteinquellen bis zu veganen Speckchips zeigt die Lebensmittelindustrie auch in diesem Jahr, was demnächst im Supermarktregal liegen könnte.  
Zum 100. Jubiläum der Ernährungsmesse Anuga werden in Köln Produktinnovationen aus der ganzen Welt vorgestellt. Mehr als 7.500 Aussteller, die meisten aus dem Ausland, zeigten die neuesten Food-Trends. Etwa 165.000 Fachbesucher verkosten, was morgen in unseren Supermarktregalen stehen könnte. Jedes Jahr schaffen allein in Deutschland rund 40.000 Neuheiten den Sprung in den Handel. Doch genau so viele Produkte verschwinden auch wieder aus den Regalen.
Ein zentrales Thema in diesem Jahr ist „Frei von“. Die Bezeichnung wird als Kategorie zunehmend beliebter. 2018 wiesen 23 % aller neuen Lebensmittel einen „Frei von”–Hinweis auf. Glutenfreie Produkte stechen innerhalb dieser Gruppe heraus. 2018 entfielen gut 58 % in diesem Segment auf glutenfreie Produkte, wohingegen vegane Produkte mit einem durchschnittlichen Jahreswachstum von 30 % seit 2014 eine Wachstumsspitze hinlegten. Nach Regionen betrachtet liegt Europa bei der Einführung neuer „Frei-von“-Produkte vorne, während in Nordamerika im Vergleich zu Europa beinahe halb so viele neue Produkte eingeführt werden. Neben gluten-, zucker- oder laktosefreien Produkten spielt natürlich das Thema fleischlos eine große Rolle. Hier hat sich in den vergangenen Monaten Beyond Meat zu einem der jüngsten Szene- und Börsenstars entwickelt. Die ursprünglich zu 25 $ je Aktie ausgegebenen Anteilsscheine legten in Spitze auf 234,90 $ je Aktie zu. Mittlerweile hat sich der Kurs um die 130 $-Marke eingependelt. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Interesse an Beyond Meat zurückgeht. Ganz im Gegenteil: Als Lidl als einer der ersten deutschen Supermärkte die Burger-Patties der Amerikaner testweise in den Verkauf nahm, waren diese bereits nach wenigen Stunden vergriffen. Es folgten Netto und Edeka, und auch hier sind die veganen Burger-Patties zumeist nach nur wenigen Tagen ausverkauft. Exklusiv auf der Anuga präsentiert Beyond Meat eine vegane Bratwurst. Die „Beyond Sausage“ besteht aus Erbsen-, Favabohnen- und Reisproteinen in einer Pelle aus Algen. Darüber hinaus experimentiert das Unternehmen derzeit an einem Hähnchen- und Schweinefleisch-Ersatz. Die Umsatzzahlen geben Beyond Meat Recht: Alleine in den ersten 6 Monaten schossen die Erlöse um ganze 256 % auf 107,5 Mio. $ nach oben. Allerdings steht mit –16,09 Mio. $ auch noch ein dicker Verlust in der Bilanz.
Das Thema Ersatzprodukte ist mittlerweile auch bei den großen Fleischproduzenten rund um den Globus angekommen. Nur einige Stände neben Beyond Meat findet sich mit Tyson Foods einer der größten Fleischverarbeiter der Welt. Neben den Klassikern wie Rind, Schwein oder Hühnchen zeigen die Amerikaner hier auch ihre vegane Version von Chicken-Nuggets der eigenen pflanzlichen Produktlinie „Raised & Rooted”. „Die heutigen Verbraucher suchen nach mehr Proteinoptionen. Deshalb entwickeln wir neue Produkte für die wachsende Zahl von Menschen, die sich für alternative Ernährungsweisen öffnen. Wir bleiben unserem weiter wachsenden, traditionellen Fleischgeschäft fest verpflichtet und gehen davon aus, ein Marktführer für alternative Proteine zu werden, ein Sparte, in der wir mittlerweile ein zweistelliges Wachstum verzeichnen und was eines Tages ein Milliardengeschäft für unser Unternehmen werden könnte.”, so Tyson Foods CEO Noel White.
Hanf ist das Trendprodukt schlechthin – in Getränken, Schokoriegeln oder in Snacks findet sich die Pflanze mittlerweile. Die nicht börsennotierte Tiefkühlkostfirma Schne-Frost aus Löningen im Münsterland bietet knusprige, vegane Sticks. Kichererbsen, Mais, Karotten, Pastinaken und Erbsen sind hier mit Hanfsamen verfeinert. Doch auch die Großen der Branche sind bereits auf den Hanf-Zug aufgesprungen: Der amerikanische Getränkekonzern Constellation Brands ist mit einem Jahresumsatz von mehr als 7 Mrd. $ das größte Wein-Unternehmen der Welt und der größte Anbieter von Alkohol in den Vereinigten Staaten. Seit August 2018 gehören dem Konzern zudem 38 % an dem kanadischen Cannabis-Produzenten Canopy Growth. Constellation Brands möchte Cannabis als Geschmacksrichtung bei alkoholischen Getränken einführen. Auch die fünftgrößte Brauerei der Welt, Molson Coors, steigt ins Geschäft mit alkoholfreien Cannabis-Getränken ein. Es existiert ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem kanadischen Cannabis-Produzenten Hexo Corp. Geplant sind nichtalkoholische Getränke mit Cannabis-Aromen. Noch befinden sich die Produkte allerdings in der Entwicklungsphase. Einen Schritt weiter ist hier bereits Heineken. Der niederländische Brauereikonzern hat mit „Hifi-Hops“ ein marktreifes Produkt. Das alkoholfreie Bier wird neben Hopfen auch mit Cannabis­extrakten gebraut. Allerdings ist das Getränk aktuell nur in Kalifornien erhätlich.
Neben originellen und neuen Lebensmitteln und Getränken haben sich viele Hersteller auch dem Thema nachhaltige Verpackungen angenommen, so auch der Konsumgütergigant Unilever. Zwar war das britisch-niederländische Unternehmen auf der Anuga vor allem durch seine Profi-Ausstattersparte Unilever Food Solutions vertreten, doch auch hier ist das Thema Plastikreduzierung bereits angekommen. Insgesamt will Unilever den Anteil an Neuplastik in seinen Verpackungen bis 2025 halbieren.
Generell scheinen die Anbieter in diesem Jahr gerade bei den Getränken frei nach dem Motto zu agieren: „Geht nicht, gibt‘s nicht“. So findet man hier japanischen Matcha-Tee in Kapseln für die Nespresso-Maschine, Kaffee versetzt mit Kohlensäure und ein Teegetränk aus Rotklee, Brennesseln oder Löwenzahn, das auf den vielsagenden Namen „Unkraut“ getauft wurde. Eine exponierte Stellung nimmt dabei das Münchener Start-up Air Up ein. Die Firma produziert Flaschen, die einen kleinen, mit Aromen gefüllten Ring in ihren Trinkhalmen enthalten. Damit wird purem Wasser Geschmack verliehen – und zwar allein über den Duft des Aromarings. Branchengrößen wie Nestlé oder Danone sollen bereits Interesse an dem Start-up gezeigt haben.
Auch das Thema Insekten steht erneut auf dem Messe-Speiseplan. Das dänische Unternehmen Wholi Foods etwa präsentiert ein Knäckebrot auf Insektenbasis, bestehend aus Grillenmehl. Bei Essento aus der Schweiz gibt es kleine Bällchen aus Mehlwürmern, denen Kichererbsen, Bulgur, Spinat oder Rote Beete zugesetzt werden. Wer es lieber süß mag, der findet bei Entis aus Finnland getrocknete Langfühlerschrecken, überzogen mit Schokolade. Die meisten Unternehmen, die sich auf die Verwendung von Mehlwürmern, Grillen und Co. in Lebensmitteln spezialisiert haben, sind jedoch Start-ups oder kleine Unternehmen. Börsennotierte Firmen finden sich in diesem Segment zwar derzeit noch nicht, doch die Börse war schon immer ein Trendspiegel. Daher dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich der erste Insekten-Verarbeiter aufs Parkett traut.   
Auch wenn sich nicht jeder Food-Trend durchsetzen wird, können sich Anleger mit ausgewählten Lebensmittelherstellern langfristige Renditen ins Depot holen.

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