Es ist einer der umstrittensten und am wenigsten verstandenen Sektoren der Finanzmärkte: die virtuelle Welt der Kryptowährungen, Blockchain und ICOs. Alle wollen mit dabei sein, ohne zu wissen, was genau sich hinter dieser digitalen Verlockung verbirgt. 

Ähnlich wie zur Jahrtausendwende die Worte „Internet“ oder „Dotcom“ die Investoren elektrisierten, sind es derzeit Begriffe wie „Bitcoin“ und „Blockchain“, auf die Anleger abfahren. Egal was es ist, es muss nur irgendwie mit einer virtuellen Währung zu tun haben. Der Boom kommt nicht von ungefähr, denn in Zeiten von Nullzinspolitik sucht das Kapital weltweit nach alternativen Anlagemöglichkeiten. Da sind auch Kryptowährungen ein interessantes Spekulationsobjekt. 

Der erste Bitcoin wurde am 3. Januar 2009 unter einem Pseudonym von einem oder mehreren Internet-Nerds errechnet. Der Name Bitcoin setzt sich aus dem engl. Wort für die digitale Dateneinheit im Computer (Bit) und Münze (Coin) zusammen. Doch so einfach wie der Name ist das dahinterstehende Verschlüsselungssystem nicht. Bitcoins werden per komplexem Algorithmus errechnet. Der Clou: Jede neu „geschaffene“ Münze beruht auf ihrem Vorgänger, ist aber zugleich aufwendiger als diese zu errechnen. Am Ende stehen dann viele Milliarden Rechenvorgänge, um eine weitere virtuelle Münze zu erschaffen (vgl. ES 6/2014). 

In den ersten vier Jahren wurden 10,5 Mio. Bitcoins geschaffen. Diese Anzahl wird alle vier Jahre halbiert, sodass in den darauffolgenden vier Jahren 5,25 Mio. Stück erstellt wurden, danach 2,625 Mio. usw. Auf diese Weise nähert sich die Gesamtzahl der Bitcoins bis ca. 2033 der 21 Mio.-Grenze an, wo das Generieren neuer Bitcoins sein mathematisches Ende findet. Wie sich aber schon jetzt zeigt, ist nicht etwa die Geldmenge problematisch, sondern die Konvertierung in eine Realwährung. Bei Kursen von über 7.000 US-Dollar für eine Einheit scheint kaum noch Spielraum nach oben zu sein, zumal nur wenige Menschen Bitcoins im täglichen Leben tatsächlich nutzen. 

Inzwischen hat sich um Bitcoin herum ein blühendes Biotop von weiteren Kryptowährungen, den sog. Altcoins (Alternative Coins), gebildet. Zu ihnen gehören Ethereum, Ripple, Litecoin, Steem, Iota oder Dash, die alle ebenfalls stark im Wert gestiegen sind. Im Windschatten dieser virtuellen Währungen haben es sogar einige Unternehmen bis an die Börse geschafft. Die wohl bekannteste ist die Bitcoin Group. Diese wiederum ist zu 100 % an der Bitcoin Deutschland AG beteiligt, die in Kooperation mit der Fidor Bank die Internetseite www.bitcoin.de betreibt. Die Seite ist seit 2011 der einzige in Deutschland zugelassene Handelsplatz für Bitcoin. Bei einem Umsatz von 1,1 Mio. Euro in 2016 stieg die Aktie der Bitcoin Group zeitweise auf Kurse um die 80 Euro und wurde damit am Markt mit 400 Mio. Euro (!) bewertet. 

Noch skurriler wird es bei den sog. ICO (Initial Coin Offering). Bei diesen virtuellen Börsengängen geben digitale Start-ups ihren Anlegern keine Aktien aus, sondern lediglich Token. Diese Token sind ein projektbezogenes Zahlungsmittel, vergleichbar mit einem Casino-Chip. Das kann ein Gutschein sein oder ein Zugang zum Netzwerk. So können junge Unternehmen bereits ihr Produkt verkaufen, bevor es überhaupt existiert. Und statt Börsenprospekt lesen die Investoren das Whitepaper, eine 20 bis 30 Seiten lange Ideensammlung. Mit der Zeichnung erhalten die Investoren eine Beteiligung an möglichen künftigen Gewinnen oder einen Zugang zu irgendeinem zukünftigen Service. Kürzlich hat ein US-Softwareentwickler bei Anlegern mit dem Versprechen geworben „ihr Geld jemandem im Internet zu geben und dafür komplett nutzlose Gutscheine zu erhalten“. Im Ergebnis kamen sage und schreibe 200.000 Dollar von Anlegern zusammen. 

Viele Investoren finanzieren derzeit Start-ups, die sich Geschäftsmodelle rund um die Blockchain, der Technologie hinter den Bitcoins, ausdenken. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um eine Kette von Datensätzen, die miteinander verbunden sind und aufeinander aufbauen. Wird eine neue Transaktion getätigt, werden deren Daten an die bestehende Kette angehängt. Die Transaktionen sind auf keinem zentralen Server, sondern auf vielen Einzelrechnern gespeichert. Jede neue Transaktion überprüft die vorherige, baut darauf auf und wird gespeichert. Diese Technologie wird sowohl für sämtliche Kryptowährungen benutzt als auch für Tokens. Das befeuert natürlich die virtuellen Börsengänge. 

Gab es nach Branchenangaben 2016 ganze 46 virtuelle Börsengänge, liegt die Zahl im laufenden Jahr 2017 schon bei ca. 270. Dabei wurden mit vagen Versprechungen über 3 Mrd. (echte) Dollar eingesammelt. Mehr als 360 ICOs sind in Planung. Selbst der ehemalige US-Börsenmakler Jordan Belfort („The Wolf of Wall Street“) warnt vor dem Hype um die ICOs. Sie seien „der größte Betrug aller Zeiten“. Die Blase werde „sehr vielen Leuten im Gesicht explodieren“, so Belfort. Er selbst hatte in den späten 1980er-Jahren eines der größten US-Brokerhäuser aufgebaut und Gelder in Milliardenhöhe verwaltet. 1997 brach seine Firma zusammen, und er saß wegen Betrugs 22 Monate im Gefängnis. Das Vorgehen der ICO-Verkäufer erinnere ihn an die Taktiken, mit denen auch seine Firma groß geworden war, sagt Belfort: Den Markt schnell aggressiv aufmischen, Begehren bei Anlegern wecken und sich dann möglichst schnell aus dem Staub machen, bevor der Preis der verkauften Anlagen zusammenbricht. Und in der Tat ähneln die ICOs den sog. „blind pools“ der 70er- und 80er-Jahre. Damals warben diese Gesellschaften Anlegergelder ein, ohne ihre Investment-Strategie offenzulegen. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass viele „blind pools“ das Geld nie reinvestiert hatten, während die Börsenhändler großzügige Gebühren kassierten. 

Ein Indiz für die geringe Tragfähigkeit vieler ICO-Geschäftsmodelle liefert auch eine Analyse der Branchenseite „Token Report“. Demnach kommt nur einer von zehn Token nach seinem Verkauf tatsächlich in Gebrauch. Die meisten der bei ICOs verkauften Gutscheine werden also gar nicht für das beworbene System verwendet, sondern dienen allein der Spekulation. Von 226 analysierten Plattformen nutzen lediglich 20 die im Krypto-Börsengang ausgegebenen Token auch für den Betrieb. Die große Mehrheit der neuen, in den Whitepaper skizzierten Plattformen scheint also real nicht zu funktionieren. Dennoch muss man sehen, dass die virtuellen Börsengänge zugleich auch eine Finanzierungsmöglichkeit für junge Finanztechnologie-Start-ups bieten, die sich den üblichen, teuren Weg über Banken und Börsen nicht leisten können. 

Während jedoch die traditionellen Kapitalmärkte inzwischen strengen Regulierungen unterliegen, gelten diese für die virtuellen Börsengänge bislang nicht. Allerdings schlagen Regulierer auf der ganzen Welt inzwischen Alarm. Kryptowährungen und ICOs werden entweder untersagt, wie z.B. im September in China, oder in das Finanzsystem eingepasst. So hat Japan am 1. April Bitcoin als offizielle Währung anerkannt. Mit der Legitimation der Kryptowährung unterliegt sie zugleich einer strengeren Regulierung. Am 1. November gab die US-Aufsichtsbehörde SEC eine Warnung vor Investitionen in Unternehmen heraus, die sich über ICOs finanzieren. In der EU gibt es bislang noch keine Regulierung zu ICOs. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann kann sich allerdings vorstellen, dass man künftig mit Kryptowährungen auch Finanzprodukte erwirbt. Er räumt aber auch ein, dass die Zentralbanken ohne Bargeld negative Zinsen problemlos durchsetzen könnten.

Kryptowährungen, Blockchain und ICOs werden die Kapitalmärkte revolutionieren. Doch wie jede junge Revolution bringt auch diese Wildwuchs hervor und fordert Opfer. Es empfiehlt sich daher, zunächst auf der Hut sein und nicht blind jeden Hype mitzumachen.