Es war das große Ziel: Volkswagen sollte der größte Autokonzern der Welt werden. Und diesem Ziel opferten sie alles – das Image der deutschen Autobauer, Tausende Arbeitsplätze, das Geld der Aktionäre und nicht zuletzt die Wahrheit. Doch statt Aufklärung gilt weiter: Freie Fahrt für Martin Winterkorn & Co. Nun verfügt erstmals ein deutscher Richter, bisher unter Verschluss gehaltene Dokumente offenzulegen. Diese Unterlagen belegen, dass der VW-Chef höchstpersönlich schon im Mai 2014 über die Manipulationen im Konzern informiert war. 

„Es ist nicht zu verstehen, warum ich nicht frühzeitig und eindeutig über die Messprobleme aufgeklärt worden bin“, so Martin Winterkorn gekonnt inszeniert vor dem Unter-suchungsausschuss zur Aufklärung der Dieselaffäre. Und am Ende der Aufführung verteilten Union und SPD dann auch prompt die gewünschten „Persilscheine“. Alle Behörden hätten einwandfrei gearbeitet und die Regierung alles getan, was möglich ist, um den Abgasskandal aufzuklären. „Lückenlose Aufklärung war und ist jetzt das Gebot der Stunde“, schwadronierte Winterkorn weiter. Denn „was passiert ist, macht die Menschen wütend - mich auch.“ – Und wie wütend es die Menschen macht, die wegen der Gier einiger weniger Autobosse ihr Geld und ihren Job verloren oder im guten Glauben ein Auto kauften, mit dem sie bald nicht mehr in ihre eigene Stadt fahren dürfen! Doch das interessiert einen Herrn Winterkorn nicht, dem sein beheizter Koi-Teich mehr am Herzen liegt. Stattdessen vernebelt er seine „lückenlose Aufklärung“ mit Umsatzmeldungen und der Feststellung, ehrlich gearbeitet zu haben. Tatsachen, die man von einem Vorstandsvorsitzenden wohl grundsätzlich erwarten darf. „Mein Team und ich haben Umsatz und Gewinn vervielfacht, viele neue Jobs geschaffen - nicht durch Betrug, sondern durch harte und ehrliche Arbeit“, so Winterkorn.

Von der Manipulation an Autos habe er nichts gewusst. Er, der ehemalige Ingenieur und jetzige Konzernchef, allseits gefürchtet wegen seiner peniblen Fragen und seiner Detailkenntnis, will nichts gemerkt haben? Winterkorn kümmere sich um jede Kleinigkeit im Konzern, ihm entgehe nichts und sein Perfektionismus dulde keine Fehler, heißt es in Wolfsburg. Und dennoch will er als Letzter von den Vorgängen erfahren haben? Selbst den Technikern in den Werkstätten fernab der VW-Zentrale war irgendwann aufgefallen, dass da mit den Werten etwas nicht stimmt. Denn bei der Motorleistung und den Grenzwerten für Stickoxid benötigten die Dieselmodelle weit mehr Harnstoff als sie es offenbar sollten. 

Wie der ES in seiner Ausgabe 43/15 berichtete, war die Tübinger Anwaltskanzlei TILP die erste, die wegen des Dieselskandals Klage gegen Volkswagen einreichte. ES-Abonnenten konnten zu einem geminderten Pauschalpreis ihre individuelle Sachlage prüfen lassen und ggf. ihre Ansprüche anmelden. Inzwischen vertritt die Kanzlei vor den Landgerichten in Braunschweig und Stuttgart weit über 1.000 Anlegerklagen gegen VW. Ihre Schwesterkanzlei vertritt im Musterverfahren vor dem Oberlandesgericht Braunschweig den Musterkläger gegen VW. Die erste mündliche Verhandlung wurde dort auf den 03. September 2018 anberaumt. „Die von unserer Kanzlei erstrittene Herausgabe der jetzt vorgelegten Dokumente hat die Erfolgschancen der VW-Kläger erneut erhöht, denn sie belegen unseren Tatsachenvortrag vor Gericht“, betont TILP-Anwalt Axel Wegner. 

Konkret geht es um einen Brief des damaligen Chefs für Qualitätssicherung, Frank Tuch. Er hatte am 22. Mai 2014 direkt an Martin Winterkorn geschrieben. Dieses Schreiben war Winterkorn zum Monatsende in seinem „Wochenendkoffer“ mit weiteren wichtigen Chefsachen zur Durchsicht mitgegeben worden. Auszugsweise heißt es dort:

„Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Winterkorn, 

in der Anlage erhalten Sie 1. die Information zu Überschreitungen der NOx-Emissionen bei Real Driving Emission Tests (RDE) in den USA. … Bei den Messungen an VW Fahrzeugen … wurden die NOx-Grenzwerte deutlich überschritten (Faktor 15 bis 35). Die ICCT hat VWGoA die Testergebnisse übergeben und um eine entsprechende Kommentierung gebeten. In der Aggregatentwicklung ist eine Task-Force gegründet worden. Über die weiteren Entwicklungen und die Diskussion mit der Behörde werde ich berichten.“

Wie wichtig Tuch das Thema war, macht er allein dadurch deutlich, dass er erklärte, dass „eine Task-Force gegründet worden“ sei. Zudem fügte er seinem Schreiben die Notiz von Bernd Gottweis bei, ebenfalls datiert auf den 22. Mai 2014. Sie trägt die Überschrift: „Überschreitung der NOx-Emissionen bei Real Driving Emission Tests (RDE) in USA …“. Allein mit der Überschrift macht Bernd Gottweis, Leiter des Ausschusses für Produktsicherheit und enger Vertrauter von Winterkorn, auf die Problematik aufmerksam, dass bei Straßentests in den USA der vorgeschriebene Emissionswert überschritten werde. In der Notiz selbst findet sich dann noch der direkte Hinweis auf die verbotenen Abschalteinrichtungen (defeat device), mit denen VW die Abgase auf den Prüfständen künstlich senkte. Wörtlich heißt es dazu:

„Das ICCT hat VWGoA (EEO) die Ergebnisse ihrer gemessenen „off cycle emissions“ und ihre parallel im FTP-Test ermittelten (Vergleichs)Werte zur Verfügung gestellt und um Kommentierung der hohen Grenzwertüberschreitungen gebeten. In einer Telefonkonferenz hat die Behörde CARB zusätzlich weitergehende Untersuchungen angekündigt, konkrete Fragen der Behörde … liegen EEO bereits vor.

Eine fundierte Erklärung für die dramatisch erhöhten NOx Emissionen kann den Behörden nicht gegeben werden. Es ist zu vermuten, dass die Behörden die VW Systeme daraufhin untersuchen werden, ob Volkswagen eine Testerkennung in die Motorensteuergeräte-Software implementiert hat (sogenanntes defeat device) und bei einem erkannten „Rollentest“ eine andere Regenerations- bzw. Dosierungsstrategie fährt als im realen Fahrbetrieb.

In der Aggregatentwicklung werden derzeit geänderte Softwarestände entwickelt, mit denen sich die RDE reduzieren lassen, jedoch werden hiermit die Grenzwerte ebenfalls nicht unterschritten.“

Selbst angesichts dieser erdrückenden Beweislage ist Martin Winterkorn um eine Erklärung nicht verlegen. Schließlich habe er nicht immer alle Unterlagen auch tatsächlich gelesen, die er in seinem „Wochenendkoffer“ mitgenommen habe. Statt Einsicht hagelt es Vorwürfe gegen die Justiz, und die Vorlage weiterer Unterlagen wird verweigert. Man fühle sich öffentlich vorverurteilt, klagt der Volkswagen-Konzern und startet einen Gegenangriff gegen den unliebsamen Richter Reuschle. Die VW-Lobby versucht nun die Flucht nach vorn und will Reuschle wegen seiner „problematischen Verhaltensweise“ kaltstellen. Dabei hatte der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch schon lange vorher Winterkorn schwer belastet. Piëch hatte bei einer Befragung ausgesagt, er selbst habe Ende Februar 2015 von einem Informanten den Hinweis erhalten, dass VW Probleme in den USA habe, weil das Unternehmen mit einer Software die Abgaswerte manipuliere. Er habe daraufhin Winterkorn angesprochen. Doch dieser habe ihm versichert, dass ein solches Papier aus den USA nicht existiere. 

Aus Gerichtsunterlagen in den USA geht hervor, dass Winterkorn den ehemaligen Verantwortlichen für Umweltfragen in den USA, Oliver Schmidt, zu sich ins Büro bestellte, als der Dieselbetrug aufzufliegen drohte. Winterkorn wollte von ihm wissen, was es schlimmstenfalls in den USA kosten würde. Bis zu 23 Mrd. Dollar soll Oliver Schmidt damals vorgerechnet haben – fast exakt die Summe, die VW bis heute tatsächlich in den USA zahlen musste. Während Oliver Schmidt in den USA inzwischen zur Höchststrafe von sieben Jahren Haft und 400.000 Dollar Geldstrafe verdonnert wurde und aus Wolfsburg seine Kündigung erhielt, kam der Rest der Clique in Deutschland bisher ungeschoren davon und kassiert munter weiter Pensionsgelder und sogar Boni.

Die Glaubwürdigkeit der deutschen Autobauer wurde in den Dreck getreten, Aktionäre haben ihre Altersvorsorge verloren, Hunderttausende Dieselfahrer können ihre Autos nicht mehr nutzen. Es ist an der Zeit, endlich die Wahrheit zu erfahren – und zwar nichts als die Wahrheit!

 

 

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