Der deutsche IPO-Markt (Initial Public Offering) war im Auftaktquartal 2018 gut besucht. Mit Siemens-Healthineers und DWS waren direkt zwei große Neuzugänge am Start, und auch die nächsten Kandidaten sind vielversprechend!

Das Volumen der Neuemissionen stieg in den ersten 3 Monaten 2018 weltweit um 25 %. Mit 10,2 Mrd. $ fiel das IPO-Geschäft in New York am höchsten aus. Direkt dahinter schaffte es der deutsche Aktienmarkt mit einem umgerechneten Emissionserlös von 8,5 Mrd. $. Insgesamt wagten bisher 7 Unternehmen den Schritt auf den hiesigen Aktienmarkt, wobei Siemens Healthineers und DWS Group schon in der oberen IPO-Liga mitspielen und als Türöffner für weitere Neuzugänge am Aktienmarkt gelten.

Die Abspaltung des Medizintechnikgeschäfts von Siemens, die Siemens Healthineers, brachte es alleine auf 4,2 Mrd. € und war damit 2018 auch bisher der weltweit größte Börsengang. Die Dt. Bank-Tochter DWS sammelte immerhin 1,8 Mrd. € ein. Für den Börsenplatz Deutschland war es somit das erfolgreichste Quartal für Neuzugänge seit dem Jahr 2000. Analysten halten für das lfd. Geschäftsjahr insgesamt 18 Neuzugänge an den deutschen Börsen für realistisch. Allerdings dürfte es sich dabei überwiegend um kleine und mittlere Unternehmen (KMU) handeln. 

In den vergangenen Jahren haben nur wenige Unternehmen die Börse als Kapitalbeschaffung genutzt. Im internationalen Vergleich zählte Deutschland bei der Zahl der Börsengänge zu den Schlusslichtern. Dadurch ließen Unternehmen die Chance verstreichen, durch diese Art der Finanzierung gleichzeitig den Bekanntheitsgrad sowie die Reputation des Unternehmen und seiner Produkte zu steigern.

Allerdings scheitern die IPO-Pläne häufig schon an der mangelnden Infrastruktur. Emissionsbanken, die auch Firmen mit einem Marktwert von unter 100 Mio. € zu einem Börsenstart verhelfen, gibt es beispielsweise nur sehr wenige. Hinzu kommen die herrschenden Regularien, die viele Unternehmen abschrecken und überfordern. Klassisches Beispiel ist die EU-KMU-Missbrauchsrichtlinie, mit der IPOs eigentlich erleichtert werden sollen. Die Ausdehnung der Richtlinie auf Freiverkehrssegmente, wie den neu eingeführten Scale-Markt, ist jedoch kontraproduktiv. 

Die hohen Bewertungen an den Börsen und die damit steigende Investitionsbereitschaft der Anleger lockt inzwischen trotzdem immer mehr Unternehmen an. Grundsätzlich ist die IPO-Pipeline 2018 noch gut gefüllt. Das Blatt kann sich jedoch schnell wieder wenden, wenn sich die Stimmung am Börsenparkett eintrübt. Das gesamtwirtschaftliche Umfeld, geopolitische Spannungen und die Zinsentwicklung sind Indikatoren, die den Aktienmarkt noch im lfd. Jahr deutlich belasten können und damit auch der IPO-Welle ein jähes Ende setzen würden. So folgten auf die beiden letzten großen Boomjahre 2000 und 2007 leider stets große Rücksetzer.

Deutschland ist allerdings in einer Sondersituation, weil sich hier viele Investitionsentscheidungen aufgestaut haben. Deshalb könnte 2018, wie sich bisher abzeichnet, in Deutschland das beste IPO Jahr seit Langem werden.

Ab dem 9. Mai sucht Cloud-Telefonanbieter Nfon (ISIN: DE000A0N4N52) Anschluss im Prime Standard der deutschen Börse. Bis zum 8. Mai will das Unternehmen neue und alte Aktien im Umfang von bis zu 138 Mio. € bei Investoren unterbringen. Dabei peilen die Münchener eine Preisspanne von 15,60 bis 19,60 € an. Die Zahl der angebotenen Anteilsscheine hängt vom Platzierungspreis ab. Nfon soll der Börsengang rd. 50 Mio. € in die Unternehmenskasse spülen. Im Höchstfall käme es zu einem Streubesitz von 68,9 %. Bisher wurden Anteile von den Wagniskapitalgebern Milestone Venture Capital und Earlybird, die auf Start-ups spezialisiert sind, gehalten. Begleitet wird das IPO von Berenberg, Baader Bank und Oddo BHF.  In 2017 kletterten die Umsätze der Telekomfirma um 17 % auf 35,7 Mio. €, und beim Ebitda wurde die Gewinnschwelle erreicht. Vorstandschef Hans Szymanski sieht die Chancen für Nfon im Umbruch der Telefonie. Alle großen europäischen Telefongesellschaften haben angekündigt, die ISDN-Technologie abzuschalten. Durch die Telefonanlage in der Cloud sei eine eigene Unternehmensanlage unnötig, so Szymanski weiter.

Das Geschäftsfeld von Nfon ist spekulativ reizvoll, allerdings wurde auch gerade erst die Gewinnschwelle erreicht. Der Börsen-neuling kommt zunächst auf die Beobachtungsliste.

Mitte des Monats will der wissenschaftliche Fachverlag Springer Nature (ISIN: DE000SPG1003) sein Börsendebüt in Frankfurt geben, das nach Siemens Healthineers das zweitgrößte in Deutschland würde. Die Emission soll 1,6 Mrd. € schwer sein, davon fließen dann 1,2 Mrd. € an das Unternehmen. Der Rest geht an die Altaktionäre. Gesellschafter Holtzbrinck will bei der neuen KGaA dominierender Aktionär bleiben. Der Finanzinvestor BC Partners plant, innerhalb von 2 Jahren alle Aktien zu verkaufen. Federführend wird der Börsengang von J.P. Morgan und Morgan Stanley gemanagt. In Zeiten rückläufiger Auflagenzahlen sind es gerade ausgewählte Fachmedien, die noch rentabel arbeiten. Dazu zählt auch Springer Nature, der im Übrigen nichts mit dem Axel Springer Verlag zu tun hat. Die Ansprüche des Verlages an die Veröffentlichungen der Wissenschaftler sind enorm. Sie müssen eine detaillierte Prüfung durchlaufen und auch dann kann es sich der Verlag immer noch leisten, 50 bis 60 % der wissenschaftlichen Texte nicht zu veröffentlichen. 

In 2017 setzte das Unternehmen mit seinen Publikationen rd. 1,64 Mrd. € um und erzielte ein Ebitda von 551 Mio. €. Platziert werden soll nun eine Kapitalerhöhung über 1,2 Mrd. €, um Schulden abzubauen. Neben seiner weit fortgeschrittenen Digitalisierung will Springer auch als Dividendenzahler punkten. Für 2018 sind dafür bereits 110 Mio. € eingeplant. In Zukunft soll die Hälfte des bereinigten Gewinns ausgeschüttet werden. 

Der international anerkannte Wissenschaftsverlag und Vorreiter in Sachen Digitalisierung ist mit seiner potenziellen Bewertung von 6 Mrd. € ein heißer MDAX-Anwärter. Bei der Zeichnung dabei sein!

Die Beteiligungsgesellschaft Mutares will über die Börse bei ihrer Tochter STS Group Kasse machen. Mit dem Startschuss für die Neuemission im Prime Standard wird Ende Mai gerechnet. Als Konsortialführer wurden Hauck & Aufhäuser sowie Mainfirst Bank benannt. Das Angebot soll die Ausgabe neuer Aktien aus einer Barkapitalerhöhung im Volumen von 50 Mio. € umfassen.

STS entwickelt, produziert und vertreibt Kunststoffkomponenten und -systeme sowie Akustikteile, vor allem für Pkw und Nutzfahrzeuge. Nach vorläufigen Zahlen erwirtschaftete das Unternehmen in 2017 bei Erlösen von 425 Mio. € ein bereinigtes Ebitda von 24 Mio. €. Mit den Mittel aus dem Börsengang soll die Expansion in China und Nordamerika, die Ausdehnung der Produktion nach Osteuropa sowie die weitere Automatisierung finanziert werden. Bei dem STS-IPO steigt man zunächst nicht zu, sondern wartet ab, bis die Aktien an der Börse die ersten Rücksetzer aufweisen.

Auch der Bremsenhersteller Knorr-Bremse sieht sich für einen möglichen Börsengang gut aufgestellt. Allerdings gibt sich Vorstandschef Klaus Deller noch vorsichtig. „Es bleibe eine vorrangig zu prüfende und voranzutreibende Option.“ Das Familienunternehmen mit Heinz Hermann Thiele als Oberhaupt ist weltweit führender Hersteller von Zug- und Nutzfahrzeugbremsen. In 2017 setzte Knorr mit 6,2 Mrd. € 13,5 % mehr um. Das Ebit legte trotz der Sonderbelastungen, wie der gescheiterten Übernahme der schwedischen Haldex-Gruppe, um 2,5 % und der Überschuss um 5,5 % auf 580 Mio. € zu. Für 2018 peilt das Management bei mindestens 6,4 Mrd. € Erlösen eine etwas höhere Gewinnmarge an. 

Aus der Start-up-Schmiede Rocket Internet rechnet man in den kommenden Monaten ebenfalls mit mindestens einem weiteren Börsenaspiranten. Neben dem bekannten Onlinemöbelhändler Home24 gilt Jumia als heißer Anwärter auf einen Börsenplatz in Deutschland. Das E-Commerce-Start-up startete in Afrika im Jahr 2012 und ist inzwischen nach eigenen Angaben die größte afrikanische Online-Plattform, die neben einer Buchungsplattform u.a. ein Online-Bezahlsystem und einen Lieferdienst für Essen bietet. RI hält rd. 28,4 % an dem Unternehmen. Jumia baute seinen Umsatz 2017 auf 93,8 Mio. € aus, rutschte aber noch tiefer in die Verlustzone. Das Geschäftsmodell ist sicherlich vielversprechend. Allerdings sollte auch das Zahlenwerk stimmen, um bei einem möglichen IPO dabei zu sein. 

Erholt sich die Börse wieder auf breiter Front und es entsteht wieder ein freundlicheres Aktienumfeld für Neuzugänge, könnte womöglich auch der Textildiscounter Takko in den nächsten Monaten den Börsenlaufsteg betreten. Der Finanzinvestor Apax soll bereits Credit Suisse und die Dt. Bank mit der Emission betraut haben, ist aus Unternehmenskreisen durchgesickert. Nach der Übernahme durch die Beteiligungsgesellschaft Apax geriet Takko ins Trudeln und litt unter einer hohen Schuldenlast. Zuletzt erholten sich die Ergebnisse wieder etwas. Im November brachte der Konzern seine Refinanzierung unter Dach und Fach. Der Discounter ist nun lt. eigenen Angaben für die nächsten 6 Jahre finanziell abgesichert. 

Urlaubslaune will Homes & Holiday an den Aktienmarkt bringen. Auch dem Franchise-Immobilienmakler, der sich auf Ferien-immobilien spezialisiert hat, zieht es 2018 an die deutsche Börse. Innerhalb ihres Geschäftsmodells bietet die Gruppe alle Dienstleistungen an: vom Maklergeschäft, über Kauf- und Langzeitmiete bis hin zur Ferienvermietung. Der Fokus für die Immobilien liegt derzeit noch auf Spanien und Deutschland. In 2017 wurden Verkaufsumsätze von 120 Mio. € generiert. Weitere Details sind noch nicht bekannt. Bei diesem IPO kann man getrost eine Auszeit nehmen.

Auch andere große DAX-Unternehmen prüfen derzeit offenbar die Abspaltung von Konzernsparten wie es Siemens und Dt. Bank bereits vollzogen haben. Die Dt. Post erwägt offenbar das IPO für den Street Scooter, um so den Ausbau ihrer erfolgreichen E-Mobilitätssparte zu finanzieren. 

In der Automobilbranche bahnt sich bei VW und Daimler etwas an. Inzwischen denken die Wolfsburger laut über einen möglichen Börsengang der Lkw-Sparte nach. Angeblich verspricht sich der Konzern durch einen möglichen Börsengang rd. 6 bis 7 Mrd. € einzunehmen, um dafür ein Viertel der Truck & Lkw-Sparte abzugeben. 

Auch in Stuttgart wird das Szenario einer Abspaltung des Truck-Segments durchgespielt. Mit der Kombination von MAN und Scania entsteht schließlich ein starker Konkurrent für Daimler Trucks. Innerhalb des derzeitigen Konzernumbaus wird aus der Lastwagensparte eine „rechtlich selbstständige Einheit“ gebaut. Dass am Ende auch ein Teilbörsengang der Lastwagensparte stehen könnte, bestreitet bei Daimler niemand mehr. Theoretisch könnten die Nutzfahrzeug-Sparten von VW und Daimler dann Anfang nächsten Jahres gemeinsam mit viel PS an der Börse starten.

Auf seiner Hauptversammlung in der letzten Woche verkündete dann noch Continental, dass der Autozulieferer erwägt, seine Antriebssparte auszugliedern und einen Teil davon an die Börse zubringen. 

In diesem Jahr hat es sich bisher nicht gelohnt, direkt bei der Zeichnung dabei gewesen zu sein. Kein Kurs einer Neuemission ist nach dem Börsengang schon so stark gestiegen, dass man nicht immer noch hätte zusteigen können. Im Gegenteil, bei den meisten bietet sich inzwischen eine bessere Einstiegsgelegenheit. Auch bei den anstehenden IPOs kann man nach diesem Muster verfahren. Lediglich bei Springer Nature könnte sich die frühzeitige Zeichnung lohnen.

 

 

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