Ganze 10 Stunden musste Facebook-Chef Mark Zuckerberg für den Datenmissbrauch durch Cambrigdge Analytica vor dem US-Kongress Rede und Antwort stehen (vgl. ES-Randnotizen 13-14/18 und ES 15/18, S. 2/3). 

Dem wollten Europas Politiker natürlich nicht nachstehen und bestellten Zuckerberg auch zu sich nach Brüssel. Wie es sich für einen Star gehört, zierte er sich zunächst, lenkte letztendlich aber doch ein. Schließlich ist der FB-Kundenstamm in Europa mit knapp 380 Mio. Usern beträchtlich größer als der in den USA mit lediglich 240 Mio. Nutzern. 

Ganze 70 Minuten sollte Zuckerberg den Fraktionschefs des Europaparlaments für die Befragung zur Verfügung stehen. Zeit genug, um den Chef der Datenkrake mal so richtig zu „grillen“, wie im Vorfeld aus Brüssel zu hören war. Und damit auch nichts schiefgeht, hatte man extra für diese Anhörung ein eigenes Format geschaffen. Eine Stunde lang durften Europas Volksvertreter ihre bohrenden Fragen stellen, um sich diese dann von Zuckerberg beantworten zu lassen. Im Sinne der Transparenz wurde das Hearing live übertragen. 

Und durchsichtig wurde es für die Zuschauer allemal: Gute 7 Minuten dauerte allein der Auftaktmonolog von Parlamentspräsident Antonio Tajani. Dann erhielt Zuckerberg die Gelegenheit, die Welt aus seiner Sicht zu erklären. Exzellent vorbereitet las er einen vorformulierten Text ab – und sagte nichts. Man habe „nicht genug getan, um Missbrauch zu verhindern“ und „das war ein Fehler, es tut mir leid“. Dann noch ein Loblied auf die Leistungen von Facebook. Alles nichts Neues, aber weitere 15 Minuten waren futsch. 

Der Liberale Guy Verhofstadt benötigte 6 Minuten, um eine einzige Frage zu formulieren, doch auch die anderen standen ihm in langatmigen Fragestellungen nicht nach. Viel zu gern hören sich die Politiker selber reden und wetteiferten an diesem Tag darum, dem Promi Zuckerberg die schlauste aller Fragen zu stellen. Am heikelsten war wohl die Frage der deutschen Fraktionsvorsitzenden der Linken, Gabriele Zimmer. Sie brachte zumindest den Simultandolmetscher mächtig ins Schwitzen, wie aus Zuckerbergs überraschtem Gesichtsausdruck unschwer zu erkennen war. Vielleicht lag es daran, dass Zimmer ihre Frage mit einem Zitat aus Goethes Zauberlehrling einleitete: „Herr die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los. Ist es Zeit, den Stecker zu ziehen bei Facebook?“ Ob der US-Amerikaner Mark Zuckerberg eine englische Fassung in Reim und Versmaß auf sein Ohr bekam, ist ebenso ungewiss wie die Ernsthaftigkeit der Frage von Frau Zimmer. 

Als Zuckerberg dann endlich wieder an der Reihe war, hatte er nur noch 8 Minuten. Zuckerberg konnte sich nunmehr aussuchen, auf welche der zahlreichen Fragen er überhaupt antworten wollte. Nachfragen waren ohnehin nicht vorgesehen. Schnell waren die geplanten 70 Minuten um. Zuckerberg hatte gesagt, was er sagen wollte, seine Antworten waren routiniert. Im Gegensatz zu den EU-Parlamentariern ist er Profi und hat nicht gepatzt. Großzügig war er eine Viertelstunde länger geblieben, bevor er selbst die Anhörung beendete und damit deutlich machte, wer der Chef der Party ist. Zwischen Tür und Angel gelang es Tajani gerade noch, Zuckerberg die Zusage abzuringen, die offen gebliebenen Fragen von seinen Mitarbeitern beantworten zu lassen. 

Ein zufriedener Zuckerberg verließ an jenem 22. Mai 2018 gegen 19:45 Uhr die groß angekündigte „Grillparty“ und ließ ratlose Gastgeber zurück. Was am Ende übrig bleibt? Kein Fleisch, aber eine dicke, fade Soße!

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