Als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) schrieb Mario Draghi am 10. März 2016 Geschichte, als er um die Mittagszeit der Weltpresse seinen „irren Masterplan“ (vgl. ES 11/16) vorstellte. Mit einem ganzen Maßnahmenkatalog wollte die EZB der Konjunktur im Euro-Raum auf die Sprünge helfen und eine drohende Deflation abwenden. So konnten seit Sommer 2016 Banken zinslos neues Geld bei der EZB aufnehmen, auf Einlagen Strafzinsen verlangen, und die Europäische Zentralbank selbst schraubte ihr seit 2015 laufendes Anleihenkaufprogramm noch einmal ordentlich hoch. Zwar konnten sich Banken und auch Unternehmen nun billig refinanzieren, doch die Schuldenquote stieg. Die Sparer waren ohnehin von Anfang an die Dummen. Doch alle Warnungen blieben ungehört. 

Am 9. Juli veröffentlichte der Europäische Ausschuss für Systemrisiken (ESRB) seinen Jahresbericht für die Zeit vom 1. April 2017 bis 31. März 2018. Die Experten benennen darin vier ernsthafte Gefahren für die Stabilität des europäischen Finanzsektors, die sich vor allem aus der Überschuldung von Ländern, Unternehmen und Haushalten in der EU ergeben. So seien in manchen EU-Ländern die Verschuldungsquoten nicht gesunken, sondern eher gestiegen. Eine Normalisierung der Risikoaufschläge hätte einen deutlichen Zinsanstieg zur Folge, was die weltweiten Finanzierungsbedingungen verschlechtern und die Volkswirtschaften belasten würde. Ein solcher Zinsanstieg hätte starke Auswirkungen auf hoch verschuldete Wirtschaftsakteure wie Staaten, Unternehmen und private Haushalte. Als Gefahr für die Finanzstabilität betrachtet der ESRB außerdem die anhaltende Bilanzschwäche von Banken, Versicherern und Pensionsfonds. Zu dieser Schwäche aber hat die lockere Geldpolitk der EZB maßgeblich beigetragen. 

Diese Erkenntnisse sind an sich nicht neu. Sie sind jedoch deshalb von besonderer Brisanz, weil das Expertenteam des ESRB von keinem Geringeren geleitet wird als von Mario Draghi selbst – dem Präsidenten der EZB. Welch tragische Doppelrolle!

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