„Beim Brexit gibt es nur Verlierer, er bietet keinem einen Mehrwert“, sagte Barnier dem Deutschlandfunk. Ziel sei es nun, einen geordneten Austritt Großbritanniens aus der EU auszuarbeiten. Man müsse aber gut auf alles vorbereitet sein. Mit Blick auf die Möglichkeit, dass die EU und die britische Regierung bis zum 29. März 2019 kein Austrittsabkommen ratifiziert haben, fügte der Franzose hinzu: „Das schließt auch ein No-Deal-Szenario mit ein.“ Die EU habe Großbritannien schon früh eine „einmalige Partnerschaft“ nach dem Brexit angeboten. „Aber das darf nicht zulasten dessen gehen, was wir sind“, unterstrich er.

Barnier und sein britischer Verhandlungspartner Dominic Raab halten es für möglich, dass sich die Gespräche bis in den November hinziehen und damit die bisherige Frist bis zum EU-Gipfel im Oktober nicht zu halten ist. Eile ist deshalb geboten, weil bis zum Austrittstermin Ende März 2019 auch die nationalen Parlamente sowie das EU-Parlament dem Abkommen noch zustimmen müssen. Das Problem der irisch-nordirischen Grenze nannte Barnier „den sensibelsten Punkt“ in den Verhandlungen. Es müsse eine Lösung gefunden werden, den Warenverkehr zwischen dem EU-Staat Irland und dem zu Großbritannien gehörenden Nordirland zu kontrollieren, ohne die Grenze wiederaufzubauen.

Das sorgt auch in der Wirtschaft für Unsicherheit. Die deutsche Finanzaufsicht BaFin stellt Notmaßnahmen für einen harten Brexit in Aussicht, um ein Chaos in der Finanzbranche nach einem ungeordneten EU-Ausstieg Großbritanniens zu verhindern. „In einem solchen Fall drohen schlimme Konsequenzen für die Finanzwirtschaft“, warnte BaFin-Chef Felix Hufeld. Sollten die Briten die EU tatsächlich ohne eine Klärung der rechtlichen Bedingungen verlassen, würde die BaFin mit vorübergehenden Erlaubnissen und gegebenenfalls zeitlich begrenzten Duldungen arbeiten, um Bankgeschäfte noch im vollen Umfang möglich zu machen. „Aber das wären kurzfristige Fixes, um Chaos zu vermeiden, das wären keine Trostpflaster“, erläuterte er.

Hufeld bekräftigte seine Forderung an die Branche, sich umfänglich auch auf einen harten Brexit vorzubereiten. Bei den großen Instituten sehe er da wenige Probleme. Hier liefen die Vorbereitungen auf den Stichtag Ende März 2019 zu. „Im mittleren und kleinen Bereich wird aber einiges nicht gemacht derzeit, aber das ist unter Finanzstabilitätsgesichtspunkten nicht tödlich“, schränkte Hufeld ein.

Mit dem Brexit ändert sich für Banken, die bislang überwiegend am größten europäischen Finanzplatz London aktiv sind, die Geschäftsbasis grundlegend. Viele haben bereits entschieden, an welchen Standort in der EU sie wegen des Brexits Mitarbeiter verlagern und gegebenenfalls neue Aktivitäten aufbauen. „Über 25 Anträge auf eine Banklizenzierung in Deutschland bearbeiten wir aktuell“, so Hufeld. Der deutsche Finanzplatz Frankfurt wird ebenso wie Paris, Dublin und Amsterdam vom Teilabzug vieler Banken aus London profitieren.

Unter anderem hat die US-Investmentbank Goldman Sachs entschieden, ihre Präsenz in Frankfurt deutlich auszubauen. Rund 500 Mitarbeiter würden insgesamt verlagert, ein Großteil davon nach Frankfurt, sagte Deutschland-Chef Wolfgang Fink.

Die britische Großbank HSBC verlagert die europäischen Geschäfte von 7 Niederlassungen, die derzeit der Londoner Muttergesellschaft angegliedert sind, nach Frankreich. Damit gehen diese Bereiche an die französische Tochter der Großbank.

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