Besucher rangeln sich am Eingang, um noch in den Saal eingelassen zu werden. Szenarien, die bei einem Rockkonzert nicht ungewöhnlich sind, bei einer Messe allerdings seltsam anmuten. Noch dazu, wenn es sich um eine Finanzmesse handelt. Beim 23. Börsentag in Hamburg war der Besucheransturm so groß, dass die Vortragssäle nicht ausreichten, um all den Interessierten Platz zu bieten. Der ES besuchte die diesjährige Veranstaltung am 3. November.  

Einmal im Jahr findet an nur einem einzigen Tag in Hamburg eine Finanzmesse statt, die ehrenamtlich und unentgeltlich organisiert wird. In der schönen alten Handelskammer erleben Privatanleger Aktienkultur zum Anfassen. Was die Politik nicht zu Wege bringt, schaffen die Studenten des Hanseatischen Börsenkreises der Universität zu Hamburg (HBK) zusammen mit der Hamburger Wertpapierbörse und der Handelskammer Hamburg. So präsentierten sie am vergangenen Samstag den mehr als 5.000 Besuchern 80 Aussteller – von A wie Active Trades oder B wie BaFin, D wie Deutsche Bundesbank, F wie Fintego, M wie Morgan Stanley bis hin zu Z wie Zinspilot. Dazu gab es 70 Fachvorträge – kostenlos und hochrangig besetzt. Nirgendwo sonst in Deutschland kann man so kompakt Informationen aus erster Hand erhalten, Fragen stellen und mit Profis diskutieren. Ab 10 Uhr fanden in allen verfügbaren Börsenräumen Vorträge und Podiumsdiskussionen zu den Schwerpunktthemen der Geldanlage in Zeiten von Null- und Negativzinsen, zur Altersvorsorge mit Aktien und Indexfonds/ETFs sowie zu Gold und Immobilien statt. Aber auch Themen wie Blockchain und Robo Adviser waren gefragt. 

Egal, für welchen Vortrag sich die Anleger entschieden – die Kapazitäten reichten oft nicht aus. So war es auch beim Fachvortrag „Kurschancen bei ausgesuchten Nebenwerten der deutschen Börse“. Obwohl die Veranstalter dafür bereits den größten Raum reserviert hatten, war der Andrang so groß, dass etwa 30 Interessierte draußen bleiben mussten. Kein Wunder, denn Referent Bernd Günther, Geschäftsführer der Idunahall, hatte gleich drei hochkarätige Gäste: 

Zunächst stellte Stavros Efremidis, der die Immobiliengesellschaft WCM erfolgreich mit aufgebaut und im letzten Jahr mit Gewinn an einen Mitbewerber veräußert hat, sein neues Projekt vor – die Godewind Immobilien AG. Ausgehend von einer Analyse des aktuellen Immobilienmarktes in Deutschland erläuterte der Vorstandschef, warum aus seiner Sicht ein Neustart in diesem Sektor nur noch im Bereich der Büroimmobilie Sinn macht. Daher habe man sich bei Godewind auf dieses Asset fokussiert und dabei speziell auf Immobilien, die etwas veraltet sind und bei denen die Mieten unter dem Marktniveau liegen. Mit diesem Geschäftsmodell, einem Börsenmantel und einigen hundert Millionen Euro an Verlustvorträgen war die Godewind Anfang April an der Börse gestartet und hatte 375 Mio. Euro bei nationalen wie internationalen Investoren eingesammelt. Diese hatten vor allem auf die Erfahrung von Stavros Efremidis vertraut, der selbst „bis über beide Ohren mit Godewind-Aktien versorgt ist“. 

Nach fast sieben Monaten war es erst im zweiten Anlauf gelungen, ausgewählte Immobilien in Düsseldorf, München und Frankfurt im Gesamtwert von knapp unter 300 Mio. Euro zu erwerben. Kürzlich hatte die Gesellschaft den Kauf einer zweiten Immobilie in Frankfurt gemeldet. Dabei handelt es sich um das Frankfurter Airport Center, das mit dem Terminal 1 am Frankfurter Flughafen verbunden ist. Bis zum Ende des Jahres soll das Godewind-Portfolio bis auf 400 bis 500 Mio. Euro und im kommenden Jahr bis auf 1 Mrd. Euro ausgebaut werden. 

Ein Mietgeschäft ganz anderer Art betreibt die in Hamburg ansässige Albis Leasing AG. Ob Kassensysteme, Großküchentechnik, EDV, Kopierer, Werkstattausrüstung, Ladeneinrichtung, Sicherheitstechnik, Kaffeemaschinen, Sportgeräte oder Medizintechnik – Albis ermöglicht Leasing und Mietkauf für fast alles, was im Mittelstand gebraucht wird. Dabei konzentriert sich Albis auf das Leasinggeschäft im Small-Ticket-Bereich, d.h. auf Leasingverträge mit einer Größe von durchschnittlich 8.500 Euro. Gerade in diesem kleinvolumigen Bereich ist es wichtig, dass der Kunde schnell einen Leasingvertrag erhält. „Wir entscheiden Verträge von 500 bis 20.000 Euro innerhalb von 20 Minuten“, so Vorstandssprecher Bernd Dähling, worin er auch den zentralen Wettbewerbsvorteil der Albis Leasing sieht. Daher erwartet der Vorstand ein jährliches organisches Wachstum von 15 bis 25 %. Zum 30. Juni lag der Wert bei ca. 13 %. Die eigene Refinanzierung konnte man im 1. Hj über einer ABS-Transaktion mit einem Volumen von 15 Mio. Euro mit der Bremer Kreditbank (BKB) sowie mit der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) zur Finanzierung des bundesweiten Leasinggeschäfts nur für EDEKA-Händler in Höhe von max. 50 Mio. Euro gut absichern. 

Schließlich warb noch der Vorstandsvorsitzende der Freenet AG, Christoph Vilanek, für sein Unternehmen. Im Bereich Mobilfunk hat Freenet fast 7 Mio. Postpaid-Kunden unter Vertrag – je Kunde mit einem durchschnittlichen Umsatz von 21,50 Euro monatlich und einer Vertragsbindung von 24 Mo-naten, was das Geschäft skalierbar macht. Und so stellte der Vorstandsvorsitzende den Aktionären auch für das Geschäftsjahr 2018 sowie andeutungsweise auch für 2019 eine stabile Dividende von 1,65 Euro in Aussicht. Den massiven Kursrückgang der Freenet-Aktie um ca. 33 % in diesem Jahr sollten Anleger in die allgemeine Marktsituation einordnen. So sei der Telekommunikationssektor generell unter die Räder gekommen. In Krisenzeiten allerdings zeichne sich gerade diese Branche durch eine relative Stärke aus, denn „telefoniert wird immer“. 

Offensiv und selbstbewusst nahm Christoph Vilanek zur Kritik von Medien und Anlegern Stellung, mit Sunrise und Ceconomy zu teure Beteiligungen eingegangen zu sein. An Sunrise habe man sich mit 25 % beteiligt, um in den Schweizer Markt einzusteigen. Das Unternehmen ist gesund, hat gute Umsätze und einen hohen Cashflow. Die 10%-Beteiligung an Ceconomy sei die strategische Konsequenz aus der operativen Geschäftstätigkeit, die Freenet mit der Media-Saturn-Mutter verbindet. Schließlich ist Freenet in allen Media-Saturn-Märkten mit eigenen Ständen vertreten. Die Gerüchte zu einem möglichen Verkauf der Sunrise-Beteiligung wollte Vilanek weder bestätigen noch dementieren. 

Beim Thema internetbasiertes Fernsehen wurde der Vorstandsvorsitzende dann wieder gesprächiger. Auf die Frage des ES, ob er hier die Telekom als Konkurrenten fürchte, kam ein klares: „Nein, im Gegenteil! Die Telekom macht für uns das Thema eher prominent“. In Deutschland gibt es 40 Mio. Haushalte, davon ist bisher nur ein Bruchteil mit dem Thema vertraut. Vilanek sieht daher Freenet und die Dt. Telekom in einer Art Interessengemeinschaft. Beide treten gegen Kabel- und Satellitenfernsehen an und müssen hier Pionierarbeit leisten. Und der Markt ist groß genug für beide. Freenet werde noch in diesem Jahr mit exklusiven Fernsehangeboten kommen, ließ der gebürtige Österreicher und Wahlhamburger schließlich noch durchblicken. 

Abschließend ließ es sich Bernd Günther nicht nehmen, seine aktuellen Hidden Champions aus dem Nebenwertesektor zu benennen, wie z.B. die Elbstein AG mit ihrem umfangreichen Grundbesitz in Mönchengladbach, den Automobilzulieferer ElringKlinger sowie die Einbecker Brauhaus AG, bei der er eine „dicke Dividendenerhöhung“ und Übernahmefantasie sieht.

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