Streamingdienste haben den Musikkonsum revolutioniert und den internationalen Musikmarkt wieder in Schwung gebracht. Im vergangenen Jahr erzielte die Musikindustrie erstmals mehr Geld mit Streaming als mit dem Verkauf von Tonträgern. Bei dieser Erfolgsmelodie werden auch Investoren hellhörig. 

Mit dem Internetzeitalter brachen zunächst harte Zeiten für die Musikindustrie an. Raubkopien wurden munter im Internet weiter- gereicht, ohne dass die Branche einen Cent verdiente. Erst mit dem iPod und den iTunes-Downloads von Apple konnten die Verbraucher wieder überzeugt werden, Geld für Musik zu bezahlen. Der nächste Schritt war das Streaming, bei dem die Titel gar nicht erst auf dem Endgerät gespeichert werden müssen, sondern direkt aus dem Netz abgespielt werden. 

Seit 2010 liegt das jährliche Umsatzplus bei der Onlinebereitstellung von Musiktiteln (Streaming) international im zweistelligen Plusbereich. Der Erfolg von Streamingdiensten stoppte zugleich die Talfahrt des Musikmarktes. In 2017 erzielte die internationale Musikindustrie erstmals mehr Geld mit Streaming als mit dem Verkauf von Tonträgern. Auch in Deutschland, dem drittgrößten Musikmarkt der Welt, hat Audiostreaming im 1. Halbjahr 2018 mit einem Zuwachs von 35,2 % die CD überholt. Mit einem Marktanteil von 47,8 % ist es damit, wie in anderen Ländern auch, größtes Umsatzsegment in der Branche, so der Bundesverband der Musikindustrie. 

Der Erfolgssong wurde von dem heutigen Marktführer Spotify (ISIN: LU1778762911) mitgeschrieben. Und das, obwohl das Start-up aus Schweden, das nach dem Deal mit den Musikkonzernen im Oktober 2008 in mehreren europäischen Ländern online ging, nicht der erste Streamingdienst weltweit war. Das Unternehmen, das bisher immer Verluste schrieb, notiert seit April an der Börse in New York und hat inzwischen weltweit 83 Mio. zahlende Kunden. Hinzu kommen über 100 Mio., die den mit Werbung unterbrochenen Gratisdienst nutzen. Spotify arbeitet außerdem noch mit nicht so bekannten Künstlern zusammen – diese können mittlerweile auch Titel direkt und ohne Label auf die Plattform bringen. Im 3. Quartal 2018 schaffte Spotify erstmals den Breakeven. Bei einem Umsatzzuwachs um ein Drittel auf 1,35 Mrd. $ stand unterm Strich ein Gewinn von 43 Mio. $, nachdem im Vorjahreszeitraum noch ein Verlust von –394 Mio. $ verbucht werden musste. Allerdings ist in den Q3-Zahlen 2018 auch eine Steuergutschrift für die Neubewertung der im Besitz befindlichen Aktien des asiatischen Konkurrenten Tencent Music in Höhe von 125 Mio. $ enthalten. Immerhin stieg die Zahl der Abonnenten um 5 %. 

Die Schweden versuchen vehement, die Nr. 2 in der Musikstreamingbranche – Apple Music (ISIN: US0378331005) – auf Abstand zu halten. Der US-Rivale kommt auf ca. 40 Mio. zahlende Abonnenten und schaffte damit innerhalb kurzer Zeit eine Steigerung um 25 %. Der US-Konzern setzt seine hohen finanziellen Mittel für den Ausbau des Streaminggeschäfts ein. So wurde zuletzt die Musikerkennungs-App Shazam übernommen. Außerdem kaufte Apple das Start-up Asaii. Das Unternehmen bietet laut eigenen Angaben eine „automatisierte A&R- und Musikanalyseplattform“ an. A&R steht für „Artists and Repertoire“, also das Auffinden und Betreuen von Künstlern bei einem
Mu-sik-label. Apple sieht sich mittlerweile auch als Plattform für neue Künstler – im Rahmen der Apple-Music-Abteilung sind inzwischen auch Musikverlagsexperten beschäftigt. Die großen Streamingplattformen streiten sich bereits seit Längerem um Exklusivinhalte, um noch attraktiver zu werden und sich weiter von der Konkurrenz abzugrenzen. 

Ein Pluspunkt für Apple ist, dass der Konzern mit dem iPhone und anderen Geräten neben der gestreamten Musik auch direkt die entsprechende Hardware mitliefert. Spotify ist dieser Vorteil im Übrigen bewusst. Daher kooperiert der Konzern mit Samsung. Die Spotify-App soll auf den neuen Smartphones der Südkoreaner vorinstalliert sein. Nicht nur Apple, auch die anderen Tech-Riesen wie Amazon, Facebook oder die Alphabet-Tochter YouTube wollen an dem milliardenschweren Musikstreamingmarkt mit verdienen. Amazon rangiert derzeit auf Platz 3 hinter Spotify und Apple. Bei dem US-Internetkonzern können Kunden Millionen von Titeln über ihr Primeangebot und ohne Werbung streamen. 

Die Alphabet-Tochter (ISIN: US02079 K3059) Google taucht in offiziellen Statistiken kaum auf, obwohl der Suchmaschinenbetreiber schon seit 2011 Google Play Music am Start hat. Diese App ist ab Werk bereits auf vielen Smartphones und Tablets mit Android-System vorinstalliert. Ebenfalls in der Alphabet-Welt zu finden, ist die Videostreamingplattform YouTube. Der Dienst bietet lt. Brancheninsidern doppelt so viel Musik wie alle anderen Musikstreamingdienste zusammen an und finanziert sich ausschließlich durch Werbeschaltungen. Mit Youtube Music (ohne Videos) startete Google in diesem Jahr einen weiteren Streamingdienst mit zwei Angeboten. Die Version mit Werbung ist kostenlos, die werbefreie Variante im Abonnement ist kostenpflichtig. Abonnenten von Google Play Music bekommen automatisch YouTube Music Premium dazu. Es könnte aber schwierig werden, Nutzer davon zu überzeugen, für einen YouTube-Dienst zu bezahlen. Denn der Erfolg der Plattform beruht bisher gerade eben auf dem Faktor, dass sie kostenlos ist. Am Markt geht man davon aus, dass der Großteil der YouTube-Music-Nutzer sich daher für die werbefinanzierte Version entscheiden wird. Branchenkenner sind sich außerdem einig, dass YouTube dieses neue Modell nur anbietet, um mit Musiklabels weiter im Geschäft zu bleiben. Es wird angezweifelt, dass der Alphabet-Ableger es zu einem führenden Musikabo-Service bringen wird. Jedoch könnte der Konzern in Verbindung mit Google Play Music noch einiges im Musikstreaming-Bereich vorhaben.

Ein weiterer großer Player hat seinen Auftakt am Aktienmarkt verschoben. Der chinesische Musikstreamingdienst Tencent Music hat Insidern zufolge seinen milliardenschweren Börsengang wegen der Turbulenzen an den Märkten zunächst gestoppt. Die Musiktochter des Techgiganten Tencent Holdings fährt bereits Gewinne ein. Das Unternehmen, das die Streaming-Apps QQ Music, Kugou und Kuwo sowie den Karaoke-Dienst WeSing betreibt, zählt mehr als 800 Mio. monatliche Nutzer. Tencent Music hält auch an Spotify eine Minderheitsbeteiligung. Ist die Tencent-Music-Aktie zu einem fairen Kurs in New York platziert, könnte sich hier ein Einstieg lohnen. Der ES wird zu gegebener Zeit darüber berichten. 

Weitere Musikstreamingdienste zieht es an die Aktienbörsen. So gilt auch der französische Anbieter Deezer, der zum Portfolio von Access Industries gehört, immer wieder als heißer Kandidat für ein IPO. 

Dafür will sich ein „Veteran“ des Musik-streaminggeschäfts vom Aktienmarkt verabschieden. Der bereits im Jahr 2000 gegründete US-Musikstreamingdienst Pandora (ISIN: US6983541078) hatte immer stärker unter der aufkommenden Konkurrenz (Spotify, Apple Music usw.) zu leiden und suchte bereits seit Längerem einen Käufer. Mit dem Satellitenradio-Netzwerk Sirius XM (ISIN: US82968B1035) wurde ein Interessent gefunden. Ausschlaggebend dürfte die Pandora-Reichweite gewesen sein. Das Netzwerk kommt auf rd. 70 Mio. Nutzer. Das Sirius XM bringt 36 Mio. Kunden in den USA mit. Es steht noch die Genehmigung der Kartellbehörde aus. Geht alles glatt, könnte die Übernahme im 1. Quartal 2019 vollzogen werden. Sirius XM ist bereit, für Pandora die stolze Summe von rd. 3,5 Mrd. $ bzw. 9,09 $ je Aktie zu zahlen. Durch den Zusammenschluss würde aber auch ein Audio-Streaming-Konzern mit einem jährlichen Umsatz von 7 Mrd. $ entstehen! 

In den Streamingdiensten ist nicht nur millionenfach Musik drin, auch die Aktien sind ein Erfolgsschlager. Allerdings mit z.T. hohen Bewertungen. Bei Apple, Amazon und Alphabet können Kursrücksetzer zum Einstieg genutzt werden. Spotify und Sirus XM werden ins spekulative Depot gestreamt.

 

 

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