Eigentlich wollte ihn keiner in ganzer Konsequenz. Trotzdem hatten 51,9 % der Briten 2016 für ihn gestimmt – für den Brexit, den Austritt Großbritanniens aus der EU. Seitdem ist der Brexit zum europäischen Dauerthema geworden, und das nervt. Viele haben genug davon. Doch niemand weiß, wie man aus der Nummer unbeschadet wieder rauskommen könnte. Also machen alle weiter. 

Wenn nun also der Brexit schon kommen soll, dann wenigstens geordnet. Doch bisher ist nichts geordnet: weder die Regierung in London, noch das Prozedere selbst. Auch die Abstimmung im britischen Parlament wurde immer wieder verschoben (Ergebnis lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor). Da nach zwei Jahren immer noch niemand so genau weiß, wie der Brexit eigentlich vonstatten- gehen soll, bereitet man sich auf der Insel lieber auf den Ernstfall vor. Seit Wochen schon füllt die britische Industrie ihre Lager auf, Unternehmen horten Waren, Apotheken und Krankenhäuser Medikamente. „Wir sehen ... zunehmend Hamsterkäufe – wie nach einer Sturmwarnung“, so Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Um mögliche Zölle, Verzögerungen oder gar Unterbrechungen der Lieferkette zu vermeiden, horten britische Unternehmen immer mehr Importwaren, die sie für ihre Produktion zwingend benötigen. Sie wollen vorbereitet sein. Zusätzliche Zollkontrollen und Staus wären für ihre Lieferkette ein Desaster.“ 

In der vergangenen Woche hat auch die britische Regierung den Worst Case geprobt und bevorstehende Staus durch Grenzkontrollen simulieren lassen – mit 89 Miet-Lastwagen und Kosten von fast 50.000 Pfund. Inzwischen ist den Briten wohl längst klar, dass sie selbst zu den größten Verlierern ihres Brexits werden. Immerhin stehen bei ihnen Exporte in Höhe von 30 Mrd. Pfund pro Jahr im Feuer. Das britische Pfund ist ohnehin schon im Sinkflug, der britische Automarkt in der Krise. Die Zahl der Einbürgerungen von Briten ist in vielen EU-Ländern auf einem Rekordniveau. 

Was also bringt der Brexit den Briten, außer der neuen Spezies von Brexit-Hamstern? 

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