Vollgestopfte Straßen in den Innenstädten und Staus auf den Autobahnen gehören heute schon längst zum Alltag. Neue Konzepte der Mobilität sind gefragt. Eine Möglichkeit sind Flugtaxis, auch wenn sich die Technologie zunächst anhört, wie aus einer anderen Galaxie. 

Doch inzwischen sind Flugtaxis bzw. Passagierdrohnen längst keine Science-Fiction-Spinnerei mehr. Viele internationale Konzerne, gerade aus der Automobil- und Luftfahrtbranche, bringen sich bereits in Stellung, um rechtzeitig in Richtung neue Mobilität abzuheben. Die Unternehmensberatung Roland Berger geht davon aus, dass im Jahr 2025 weltweit 3.000 Lufttaxis und bis 2050 dann 100.000 herumschwirren werden, auch in deutschen Metropolregionen. Besonders interessant in den Ohren der Investoren ist das Ergebnis einer Studie von Morgan Stanley, wonach der Markt für elektrische Flugshuttles bis 2040 auf einen Umsatz von 500 Mrd. bis 1,5 Bill. $ kommen wird. 

Technologisch dürfte den sogenannten eVTOL-Flugzeugen (eletricpowered Vertical Take Off and Landing) bzw. Multicopter die Zukunft gehören. Ihre elektrischen Antriebe sind leiser und emissionsärmer als die der üblichen Helikopter. Sie haben jedoch ähnlich wie Hubschrauber die Fähigkeit, aufgrund von mehreren Rotoren senkrecht zu starten und zu landen. Weiterhin gute Chancen haben Modelle, die eher in Richtung Flugzeug konzipiert sind. Diese verfügen über Düsen in den Tragflächen, die beim Starten nach unten gerichtet sind. Später werden sie verstellt und sorgen für den nötigen Vortrieb.

Neben der Bequemlichkeit und dem Tempo, mit denen man zukünftig ein Ziel per Lufttaxis erreicht, wird auch der Preis eine entscheidene Rolle spielen, ob sich die neue Urban Air Mobility (innerstädtische Mobilität) durchsetzen wird. Derzeit kalkuliert man in der Branche mit rd. 65 € pro Flugtaxi-Stunde. Wenn man davon ausgeht, dass die Flugtaxis fünfmal so schnell unterwegs sind wie ein Auto, wird man am Ende nur ein paar Minuten in der Luft verbringen und sich somit relativ preiswert fortbewegen. Der Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus strebt mit seinen Konzepten im Bereich der Urban Air Mobility Preise an, die nahe denen für eine Taxifahrt mit dem Auto kommen. „Unsere Kernzielgruppe sind Menschen, die beruflich reisen und schnell und bequem von A nach B kommen wollen. Lufttaxis sollen bei ihren Kosten über die gesamte Lebenszeit (Anschaffung, Betrieb, Wartung) kostengünstiger sein als klassische Hubschrauber.“

In den USA entwickelte Flugzeugbauer Boeing mit Passenger Air Vehicle (kurz PAV) einen Prototypen, der Anfang Februar erstmals abgehoben hat. Die Boeing-Variante ist einem Flugzeugmodell ähnlicher als einem Hubschrauber. In den frühen 2020er Jahren will der Flugzeughersteller mit seiner Passagierdrohne an den Start gehen.

Der US-Fahrdienstvermittler Uber, der nach wie vor hohe Verluste einfährt, will nicht weniger werden als die führende Mobilitätsplattform – das „Amazon des Verkehrs“. Da dürfen auch Flugtaxis nicht fehlen. In dem Bereich kooperiert man seit 2017 mit dem Hubschrauberbauer Bell. Bereits Mitte nächsten Jahres will Uber die ersten Taxi-Drohnen über Los Angeles abheben lassen. Mitfliegen mit UberAir soll nach Unternehmensplanungen zum Marktstart in etwa so viel kosten wie Mitfahren mit UberX. 

Und wenn es nach dem Chef des österreichischen Unternehmens FACC geht, dann steht auf einigen Flugobjekten auch „made in Austria“. Anfang November ist man mit der chinesische EHang, einem der be-
kanntesten Unternehmen im Bereich der autonomen Luftfahrt, eine strategische Partnerschaft eingegangen. Mit dem Flugzeugzulieferer FACC hat EHang-Chef Hu Huazhi einen Partner gefunden, der seine Fluggefährte massentauglich herstellen soll. FACC bringe die Fachkompetenz mit, um die Prototypen von EHang in eine Fertigung großer Stückzahlen überführen zu können, war vom Chef Robert Machtlinger zu hören. Bis zum Jahresende peilen die Partner an, etwa 150 Flugdrohnen zu produzieren. 

Die größten Absatzchancen für die Flugtaxis dürften aber nicht in Europa liegen, sondern eher in asiatischen Megametropolen mit zehn oder zwanzig Millionen Einwohnern. Für den FACC-CEO ist die Zusammenarbeit mit einem chinesischen Partner nicht neu. Der Haupteigentümer hinter dem in Wien börsennotierten Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 781 Mio. € ist der chinesische Staatskonzern AVIC.

Die deutsche Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, will dass Deutschland zum Weltmarktführer für die neue Art der Mobilität aufsteigt. Und in der Tat hat der deutsche Markt hier Interessantes zu bieten.

So sorgen zwei Start-ups für reichlich Wind. Lilium, das vor vier Jahren in Wessling bei München gegründet wurde, will im kommenden Jahr nicht nur das eigene Fluggefährt auf den Markt bringen, sondern sie ab 2025 auch selbst betreiben und den Taxidienst per Luft anbieten. Die Bayern präsentierten im vergangenen Monat den ersten Prototypen ihres Flugtaxis mit fünf Sitzen, so wie er dann auch in die Serienfertigung gehen soll. Mit seinem neuen Jet, der nach Angaben des Unternehmens mit seinen 36 vollelektrischen Motoren für eine Reichweite von 300 Kilometern bei einer maximalen Geschwindigkeit von 300 km/h schafft, heizt Lilium den Wettbewerb im hart umkämpften Markt noch einmal kräftig an. 

Eine Herausforderung wird es jedoch sein, den Senkrechtstarter in Serie zu produzieren. Das Start-up plant dazu vier Produktions-standorte in Deutschland. An einem sollen die Elektrotriebwerke und an einem anderen die Batteriepakete gebaut werden. Hinzu kommt die Fertigung der Flugzeuge aus Karbon, bevor dann alles in einem Werk für die Endmontage zusammenkommt. Dieses Konzept braucht auch Finanzmittel. Bisher hat Lilium für den Traum vom Fliegen bei den Investoren über 100 Mio. € eingesammelt. Zu den Geldgebern gehören der chinesische Internetkonzern Tencent, Skype-Gründer Niklas Zennström und Obvious Ventures, hinter dem Twitter-Gründer Evan Williams steht. Die dürften durchaus bereit sein, noch mehr reinzustecken.

Das Bruchsaler Start-up Volocopter will zunächst in Dubai und Singapur seinen Multicopter fliegen lassen. Neben Intel und Delivery Hero-Gründer Lukasz Gadowski gehört auch Daimler zu den Geldgebern von Volocopter. Die 11-%tige Beteiligung an der Volocopter ermöglicht der Daimler AG, die Entwicklung innovativer Mobilitätsprodukte und Services in einer neuen Dimension zu unterstützen. 

Auf die Frage des ES: „Ist Volocopter für Daimler eher ein Prestigeobjekt oder rechnet sich der Konzern auch mittelfristig Gewinne aus dem Projekt aus?“, antwortete Christin Müller, Pressesprecherin von Global Communications Mercedes-Benz Cars: „Volocopter ist für uns eine nachhaltige Investition in ein sehr relevantes Mobilitätsthema der Zukunft und keinesfalls ein reines Prestigeobjekt. Der Volocopter passt perfekt zu unserer CASE-Strategie: Angefangen vom leisen, vollelektrischen und emissionsfreien Antrieb, über den Einsatz als urbanes Luft-Taxi, bis hin zum autonomen Fliegen.“

Daimler hat außerdem Erfahrungen in Batterie- und Brennstoffzellentechniken, die dem Volocopter zu einer größeren Reichweite verhelfen können als die rd. 30 Kilometer, die die bemannten Drohnen bisher zurücklegen können. Ob Flugtaxis unter dem Dach der Daimler AG in Serie produziert werden, wird derzeit wohl noch in der Stuttgarter Firmenzentrale diskutiert.


Flugtaxi-Pionier Airbus scheint mit seinen zahlreichen Projekten da schon einen Schritt weiter zu sein. Sowohl der Bau als auch das Betreiben ist für den Konzern interessant, so der Airbus-Sprecher Gregor von Kursell: „Flugtaxis werden dort zuerst kommerziell eingesetzt werden, wo sich ein erfolgversprechendes Geschäftsmodell abzeichnet. Also dort, wo aufgrund erheblicher Verkehrsprobleme am Boden ein großer Bedarf nach städtischem Luftverkehr besteht. Elektrisch betriebene Luftfahrzeuge für den innerstädtischen Verkehr sind keine Spielerei, sondern sollen den Menschen einen Mehrwert bringen.“ Den Bedarf macht von Kursell zunächst vor allem in den Megacities in Asien und Lateinamerika aus. „Aber auch hierzulande sehen wir Möglichkeiten für einen nachhaltigen und kommerziell erfolgreichen Betrieb.“

Der innerstädtische Luftverkehr (Urban Air Mobility) wird derzeit in Ingolstadt getestet. Die oberbayerische Stadt ist eine der Modellregionen der EU-Initiative „Urban Air Mobility“, mit der der Einsatz von Passagierdrohnen im städtischen Umfeld vorbereitet werden soll. Nächster Schritt für den CityAirbus, ein viersitziges, elektrisches Luftfahrzeug mit acht Rotoren, wird die Flugerprobung auf dem Testflughafen Manching bei Ingolstadt sein. Die Flüge beginnen im Sommer. Der CityAirbus wird bei Airbus Helicopters in Donauwörth (Nordschwaben) gebaut.

Gemeinsam mit Audi arbeitet Airbus an Pop.Up Next – das Konzept eines modularen Vehikels. Dieses Fahrzeug soll sowohl auf der Straße fahren als auch in die Luft abheben können, je nachdem, mit welchem Transportmodul es kombiniert wird. Hier sei man im Stadium sehr früher Konzeptstudien, d.h. noch werde nicht daran gebaut, war von Airbus zu erfahren. 

Während die Technik der Fluggeräte bereits sehr weit ist, gibt es jedoch noch andere wichtige Hürden zu nehmen, bevor sich die Flugtaxibranche auch hier in die Lüfte erhebt. Eine geeignete Infrastruktur muss her, mit entsprechenden Landeplätzen sowie eine Ordnung des Luftraums. Der Mineralölkonzern Aral hat beispielsweise bereits ein Konzept für die Tankstelle der Zukunft vorgestellt, die über die komplette Drohnen-Infrastruktur verfügt. 

Neben dem Flughafen Düsseldorf bereitet sich auch der Flughafenbetreiber Fraport in Frankfurt auf die Lufttaxis vor. Gemeinsam mit dem deutschen Start-up Volocopter will Fraport die Chancen ausloten, die die neuen Flugvehikel bieten. „Wir sehen in Flugtaxis ein großes Potenzial. Mobilität wird sich in den nächsten Jahren sehr verändern, und diese Zukunftstechnologie wird dabei eine große Rolle spielen. Weltweit entstehen bereits erste Nutzungskonzepte für Flugtaxis. Auch wir als Flughafenbetreiber wollen diese Chancen erschließen und gemeinsam mit Volocopter die Nutzung von Flugtaxis vorantreiben“, so Fraport gegenüber dem ES.

Fraport kann eine große Expertise im Flugbetrieb einbringen, insbesondere in den Bereichen Bodeninfrastruktur und Passagierservices. Auch für Flugtaxis müssen komplexe Bodenprozesse bedacht werden. Dazu zählen nicht nur bekannte Abläufe in der Flugreise wie Sicherheitskontrollen, sondern zum Beispiel auch das Aufladen und Austauschen von Batterien. 

Aktuell ist man zwar noch weit entfernt von völlig autonomen Passagierflügen. Jedoch kommen die bestehenden Verkehrsträger zunehmend an ihre Grenzen. Flugtaxis können einen Beitrag zur Entlastung des urbanen Verkehrs leisten und Reisenden eine Alternative zum ÖPNV bieten, um schnell und sicher durch die Stadt zu kommen.

Bevor die Flugtaxis zum Alltag des öffentlichen Nahverkehrs gehören, wird wohl noch etwas Zeit vergehen. Doch technologisch bringen die Flugobjekte viel Know-how mit, das auch in anderen Bereich wieder zum Tragen kommt. Deutsche Unternehmen dürfen sich hier auf jeden Fall nicht erneut den Schneid abkaufen lassen. Fest steht: Robotaxis sind mehr als eine Eintagsfliege! Anleger sollten schon jetzt den Markt sondieren und nach interessanten Objekten Ausschau halten.

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