Wenn deutsche Firmen von ausländischen Unternehmen übernommen werden, dann gibt es meist einen Aufschrei in der Bevölkerung und Widerstand von Seiten der Politik. Dabei ist die Übernahme der deutschen Volkswirtschaft längst in vollem Gange, denn fast 85 % der deutschen DAX-Konzerne sind bereits in ausländischer Hand. Allein nordamerikanische und britische Investoren halten derzeit 54,1 % der deutschen Blue Chips. Damit wandert nicht nur deutsches Know-how ungehindert ins Ausland ab, sondern auch die Dividenden füllen fremde Taschen

Bereits zum fünften Mal in Folge haben der Deutsche Investor Relations Verband (DIRK) und Ipreo (IR) in einer gemeinsamen Marktstudie die Strukturveränderungen der Investorenlandschaft des DAX analysiert. Bei der Studie „Investoren der Deutschland AG 5.0“ wurden vor allem die Veränderungen der Aktionärsstruktur der 30 deutschen DAX-Unternehmen innerhalb von 12 Monaten untersucht. Demnach sind Ende 2017 (für 2018 liegen noch keine Zahlen vor) institutionelle Anleger wieder verstärkt im deutschen Leitindex investiert. Ihnen gehören zum Stichtag 61,8 % des gesamten Aktienkapitals der DAX-Unternehmen, Privatanleger halten im Durchschnitt 17,2 %. Der Rest entfällt auf strategischen Anteilsbesitz. Dazu zählen Ankerinvestoren, wie z.B. Familien, Stiftungen, Beteiligungen der Bundesrepublik Deutschland sowie Direktinvestitionen von Aktien und Holdinggesellschaften.

Die Studienergebnisse zeigen aber auch, dass der Ausländeranteil bei den DAX-Eigentümern weiter gestiegen ist. Inzwischen sind knapp 85 % der größten und liquidesten Unternehmen Deutschlands in ausländischer Hand, das entspricht rund einer Billion Euro! Vor allem britische Investoren haben bei den deutschen Standardwerten zugekauft, nachdem 2016 noch der Brexit zu Unsicherheiten und damit zu Mittelabflüssen geführt hatte. 2017 aber haben die Briten dann wieder beherzt zugegriffen und ihren Anteil um 1,2 Prozentpunkte auf knapp 20 % erhöht. Auch die USA sind auf dem Vormarsch und haben ihren Besitz in der höchsten deutschen Börsenliga um knapp einen Prozentpunkt auf 33,5 % ausgebaut. Prozentual am stärksten hat jedoch Kuwait bei den deutschen Vorzeigeunternehmen zugegriffen. Der Staatsfonds Kuwait Investment Office ist damit nach der Norges Bank und dem China SAFE der drittgrößte Staatsfonds im DAX. Die Kuwaitis nutzen dafür ein eigenes Investmentbüro in London, welches die Staatsgelder aktiv verwaltet und inzwischen auch als erste Adresse für Events und Roadshows gilt. Einen Teil seines Vermögens lässt Kuwait zudem durch internationale Fondsgesellschaften extern verwalten. Dazu gehören z.B. die Deka, AGI, BNP Paribas, Columbia Threadneedle oder auch die Danske Bank. Andere asiatische Investoren spielen dagegen im DAX nur eine untergeordnete Rolle. Sie sind stärker in den Mid- und Small-Caps engagiert. Deutsche institutionelle Investoren besitzen insgesamt nur noch 15 % am Dax. 

Während die Norges Bank mit einem Gesamtinvestment von 25,9 Mrd US-Dollar weiterhin der größte im DAX investierte Staatsfonds blieb, musste sie ihre Führungsposition als Einzelinvestor an Vanguard abgeben. Der klassische ETF-Anbieter ist mit ca. 5 Bill. US-Dollar Anlagevermögen mittlerweile der zweitgrößte Asset Manager der Welt. Die Norges Bank belegt damit Ende 2017 nur noch den dritten Platz der Top DAX-Investoren, hinter Vanguard und BlackRock Fund Advisors (vgl. Abb.). Die Black Rock-Gruppe mit ihren vielen Einzelvehikeln bleibt unverändert der wichtigste und größte Eigentümer deutscher Vermögenswerte und hat somit auch die höchsten Ausschüttungen eingestrichen. Es gibt kein Dax-Unternehmen, bei dem der US-Vermögensverwalter nicht wenigstens mit einer kleinen Position an Bord ist. Bei der Deutschen Bank und der Deutschen Börse ist BlackRock schon lange mit großen Anteilen dabei. Bei 20 der 30 Dax-Konzerne ist der US-Investmentfonds lt. DSW sogar größter Einzelaktionär, bei 19 Dax-Konzernen hält er mehr als fünf Prozent des Kapitals. So liegen auch 5,74 % von Deutschlands größtem Technologiekonzern Siemens in der Hand von BlackRock. Ebenfalls über 5 % hält der Konzern am Sportartikelhersteller Adidas, an Linde, Infineon und SAP. Damit dominiert BlackRock auch die Abstimmungen auf den Hauptversammlungen. Bei Bayer ist BlackRock mit einem Anteil von 7,17 % sogar größter Einzelaktionär und damit auch mit verantwortlich für die erste Nicht-Entlastung eines DAX-Vorstandes überhaupt. Brisant nur: BlackRock ist mit 5,75 % auch zweitgrößter Aktionär bei Monsanto und gilt somit als Strippenzieher für den Deal zwischen Bayer und Monsanto, der jetzt Bayer-Chef Baumann die Entlastung kostete. Im Übrigen ist BlackRock auch beim Bayer-Konkurrenten BASF mit 6,61 % der mit Abstand größte Anteilseigner. Dass bei der Fresenius-Tochter FMC, die ebenfalls im Dax notiert, der Vorstand um Rice Powell nur mit einer Quote 56,8 % entlastet wurde, dürfte ebenfalls BlackRock (6,28 %) anzurechnen sein. 

Eine solche Marktmacht ausländischer Investoren birgt natürlich ökonomische wie politische Gefahren. Anders als internationale Großbanken werden globale Vermögensverwalter nicht als „systemrelevant“ eingestuft, obwohl sie 40 % aller Vermögenswerte im globalen Finanzsystem kon-trollieren. Als Mehrheitsaktionäre der deutschen Großindustrie halten sie zudem die geballte deutsche Wirtschaftskraft in ihren Händen, was ihnen Herrschaftswissen und auch politischen Einfluss verleiht. Abgesehen davon fließt der Großteil der ausgeschütteten Gewinne ebenfalls ins Ausland ab. Dadurch drohen nicht nur volkswirtschaftliche Schäden, das birgt auch sozialen Sprengstoff. So gehen von den 36,5 Mrd. Euro Dividendenausschüttungen für 2018 schätzungsweise gerade mal 12,5 Mrd. Euro an hiesige Anteilseigner. 

Unternehmerische Beteiligungen werden in Deutschland politisch nicht gefördert, es gibt somit keine Tradition des Aktiensparens wie etwa in anderen Ländern. Nirgendwo sonst wird die verkümmerte deutsche Aktienkultur so deutlich wie beim Sparverhalten der Bundesbürger, die vor allem in der Dividendensaison bares Geld einbüßen – vor allem mit Blick auf die Altersvorsorge. 

Deutschland hat seine ökonomische und technologische Souveränität längst verloren. Deutsche Blue Chips werden nach und nach von professionellen Investoren aus aller Welt übernommen. Das industrielle Know-how der deutschen Champions fließt damit ungehindert ins Ausland ab, ebenso wie die Profite. Deutschland braucht eine Industriestrategie und eine neue Aktienkultur – zunächst aber kompetente Politiker. 

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