Deutschland ist das Land des Bargeldes. In kaum einem anderen Land der Welt bezahlen die Menschen noch immer so viel mit barer Münze. Doch auch hier setzt sich der Trend zum bargeldlosen Bezahlen zunehmend durch. Im vergangenen Jahr beglichen die Deutschen erstmals den größten Teil ihrer Einkäufe mit Karte – insgesamt gut 209 Mrd. €. Möglich macht dies auch der wachsende Markt der Zahlungsdienstleister. 

Nicht zuletzt der Siegeszug des E-Commerce hat den Wandel zum bargeldlosen Bezahlen geebnet. Der Markt für Karten- oder Onlinezahlungen boomt. Experten schätzen, dass das Volumen weltweit von aktuell gut 1,9 Bill. $ jährlich auf rd. 2,9 Bill. $ bis 2022 anwachsen wird. Vor allem das kontaktlose Bezahlen via Smartphone oder smarter Girocard wird immer beliebter. Ende 2018 waren laut Euro Kartensysteme, einem Gemeinschaftsunternehmen der deutschen Banken und Sparkassen, zwar erst 55 Mio. der gut 100 Mio. Girocards hierzulande mit Kontaktlos-Funktion ausgestattet. Zum Jahresende könnten es laut Unternehmensaussagen jedoch bereits 70 % sein. In Ländern wie den USA, den Niederlanden oder Schweden gehört das „digital payment“ bereits zum Alltag. So kann inzwischen selbst die Kollekte in der Kirche bequem via Smartphone überwiesen werden. Spitzenreiter in der Nutzung von neuen Bezahlmethoden ist und bleibt jedoch China. Hier ist bereits heute elektronisches Bezahlen beliebter als Bargeld – nicht zuletzt dank der Tech-Giganten Alibaba (US01609W1027) und Tencent. 

Ihre Bezahldienste „Alipay“ und „WeChat Pay“ haben jeweils gut 700 Mio. Nutzer. Wer das Angebot nutzen will, muss ein Profil anlegen und seine Bankdaten hinterlegen. Die Überweisung wird dann via App und QR-Code generiert. Solche QR-Codes finden sich in China an beinahe jeder Ecke: in der Bäckerei, der Straßenbahn oder im Taxi. Nahezu überall lässt sich bequem bargeldlos bezahlen. Doch Alibaba geht noch einen Schritt weiter. So hat der Konzern jüngst „Smile to Pay“ vorgestellt. Der Name ist Programm. Um den Kaffee zu bezahlen, sollen Kunden in Zukunft nur noch in ein entsprechendes Gesichtserkennungstablet lächeln. Insgesamt 400 Mio. € will Alibaba investieren. 

υ Alibaba gehört bereits heute mit Millionen von Nutzern zu den Giganten der Branche. Doch Ausruhen gehört nicht zum Leitbild des Konzerns. Das Zukunftspotenzial sollten sich Anleger trotz des bereits heißgelaufenen Kurses nicht entgehen lassen und Kursrücksetzer zum Kauf nutzen. 

Um bargeldlose Transaktionen überhaupt zu ermöglichen, setzen Handelsunternehmen und -plattformen auf Zahlungsdienstleister. Die Branche kocht. Es schießen nicht nur neue Start-ups im Zahlungssektor wie Pilze aus dem Boden. Um gegen die wachsende Konkurrenz bestehen zu können, sind „alteingesessene“ Zahlungsdienstleister bereit, horrende Übernahmesummen zu zahlen. Die Konsolidierung ist in vollem Gange – eine mehr als reizvolle Zeit für Anleger. 

Ausgerechnet aus dem Land der Bargeldzahler kommt dabei einer der am schnellsten wachsenden Zahlungsdienstleister: Wirecard (DE0007472060). Nach deutlichen Kursverlusten vor dem Hintergund von Bilanzmanipulationsvorwürfen der FT (Financial Times), konnte sich die Aktie wieder erfolgreich zurückkämpfen. Ein Kursplus von fast 60 % hat Wirecard in den letzten Wochen hingelegt. Trotz aller Schwierigkeiten hat sich der Zahlungsabwickler zuletzt weiter stark in Asien engagiert und dort mehrere Kooperationen abgeschlossen, um in diesen Regionen seine bargeldlosen Dienstleistungen stärker auszubauen. Auf den Philippinen wurde gerade seine unternehmenseigene Lösung für den bargeldlosen Zahlungsverkehr eingeführt. Außerdem hat Wirecard auf Shoppee, der führenden E-Commerce-Plattform in Südostasien und Taiwan, Ratenzahlungspläne ins Programm aufgenommen, die User in verschiedenen Bereichen nutzen können. Auch mit den Angeboten von Alibaba und Tencent gibt es bereits bestehende Kooperationen. Neben dem asiatischen Raum sind die Münchener auch in anderen Ländern stark vertreten. 

In den USA ist Wirecard bereits heute einer der führenden Anbieter von Payout-Karten (personalisierte Prepaid-Karten), insbesondere im Telekom- und Kabelbereich. Nordamerika ist eine der Regionen, in der Wirecard große Transaktionsvolumina und viel Potenzial in neuen Branchen sieht, etwa im Immobilien- und Versorgungssektor. Mit der französischen Großbank Crédit Agricole hat das Unternehmen seine Zusammenarbeit jüngst sogar noch einmal ausgebaut. Der ebenfalls aus Frankreich stammende Telekom-Konzern Orange wickelt seine Bezahlangebote ebenfalls über die Deutschen ab. Zusammen mit Visa hat Wirecard für die Allianz eine eigene Geldkarte namens Allianz Prime entwickelt, die derzeit in Italien getestet wird. 

Die Zahlen sprechen für sich. Im abgelaufenen Q1/2019 steigerte Wirecard seine Erlöse um 34,8 % auf 566,7 Mio. €. Der Gewinn je Aktie konnte auf 0,86 (0,57) € verbessert werden. Und auch der Cashflow aus betrieblicher Tätigkeit konnte mit 143,4 (87,4) Mio. € deutlich zulegen. 

Wirecard ist zurück und ein mehr als interessantes Investment. Zudem wird der Zahlunsgabwickler immer mal wieder als heißer Übernahmekandidat gehandelt. Da auch der berüchtigte Shortseller Odey auf dem Rückzug ist und seine Leerverkaufsposition halbiert hat, sollten Anleger über Käufe nachdenken. 

Dass die Handelswelt Potenzial in der Zahlungsabwicklungs-Branche sieht, zeigt sich am Beispiel des niederländischen Unicorns Adyen (NL0012969182). Das 2006 gegründete Unternehmen hat im vergangenen Juni einen mehr als fulminanten Börsenstart hingelegt. Allein am ersten Handelstag verdoppelte sich der Kurs von 240 € auf zeitweise über 480 €. Seitdem ging es für die Niederländer nicht nur kursseitig steil nach oben. Im vergangenen Jahr konnte Adyen bei abgewickelten Zahlungen in Höhe von gut 159 Mrd. € seinen Gewinn um ganze 80 % steigern! 

Und das Wachstum dürfte anhalten. Denn ab 2020 ersetzt das europäische Unternehmen beim Onlinemarktplatz Ebay den bisherigen Zahlungsabwickler PayPal. Neben Ebay gehören auch Branchengrößen wie AirBnB, Netflix oder Spotify zu den Kunden von Adyen. Zudem expandiert Adyen momentan vermehrt in den asiatischen Markt. Gerade auch im Omnichannel zeigt sich Adyen stark, beispielsweise mit Self-Checkout-Terminals. Gleichzeitig ermöglicht der Zahlungsdienstleister 1-Click-Zahlungen, Treueprogramme sowie „Apple Pay“, „Google Pay“ und „Alipay“. Spannend ist bei Adyen insbesondere die Prozessoptimierung, die der Payment-Anbieter verspricht. Einzelne Transaktionen werden automatisch mittels Machine Learning in Echtzeit geprüft. Zudem haben Kunden Zugriff auf umfassende Käuferprofile und Bewertungen. 

Die Wachstumsrichtung dürfte bei Adyen noch eine Weile anhalten. Allerdings ist die Aktie nichts für Schnäppchenjäger. 

Zwar hat Adyen PayPal (US70450Y1038) als Zahlungsdienstleister bei Ebay verdrängt, doch das US-Unternehmen ist keineswegs auf dem Rückzug, ganz im Gegenteil. Um gegen die wachsende Konkurrenz bestehen zu können, hat sich der Onlinebezahldienst im vergangenen Jahr das schwedische Finanz-Start-up iZettle geschnappt. Die Schweden stellen vor allem dem stationären Handel mobile Kartenlesegeräte zur Verfügung. Insgesamt 2,2 Mrd. $ hat sich PayPal den Zukauf kosten lassen. 

Darüber hinaus bietet das Unternehmen nun auch eigene Tools zur Betrugsprävention und Zahlungsabwicklung an. Die PayPal Commerce Plattform „Private Business Cloud“ richtet sich z.B. an Marktplatzanbieter wie Instagram, die für die bei ihnen angeschlossenen Händler die Bezahlung abwickeln. Mit der PayPal Plattform können die Anbieter z.B. wählen, ob die Payment-Gebühren sofort und für jede Zahlung einbehalten werden. Zudem hat PayPal jüngst die Ausweitung der Kooperation mit Google Pay bekannt gegeben. Schon seit vergangenem Jahr können Nutzer, die PayPal als Zahlungsmethode bei Google Pay angegeben haben, damit für Google-Angebote zahlen. Nun kommt eine ähnliche Integration für Online-Händler, die Google Pay auf ihrer Website oder in ihrer mobilen App als Zahlungsmethode aktiviert haben. 

Daher bleibt PayPal nach wie vor eine interessante Kaufoption. 

Einer der heißen Übernahmekandidaten im vergangenen Jahr war die französische Ingenico Group (FR0000125346). Die Gruppe fertigt Chipkartenleser für die bargeldlose Zahlungsabwicklung und entwickelt Softwarelösungen für Onlinezahlungen im Bereich des elektronischen Handels. Mit der jüngst abgeschlossenen Fusion seines Deutschland-Geschäfts mit der Tochter des Dt. Sparkassenverlags, BS PAYONE, haben sich die Franzosen erfolgsversprechend im noch vergleichsweise unerschlossenen europäischen Geschäft der Zahlungsdienstleister positioniert. Die DSV-Gruppe (Deutscher Sparkassenverlag) hält 48 %, die Ingenico Group einen Anteil von 52 %. Mit der Fusion soll einer der modernsten, digital getriebenen Zahlungsdienstleister in Zentraleuropa vorrangig für Händlerkunden entstehen. Der strategische Fokus von PAYONE liegt in der Verzahnung aller Zahlwelten (am Point of Sale, E-Commerce- und In-App-Lösungen) sowie in der Entwicklung von digitalen Zahlungs- und Serviceinfrastrukturen für Händler und deren Dienstleister. Trotz eines herausfordernden letzten Geschäftsjahres geht es für den Aktienkurs seit Jahresbeginn steil bergauf. Das dürfte nicht zuletzt an den noch immer anhaltenden Übernahmefantasien liegen. 

Bei einem akt. Kurs von 74,52 € kann man die Aktie der Ingenico Group zumindest spekulativ ruhig weiterlaufen lassen. 

Wer sich nicht durch ein breites Portfolio am Markt etablieren kann, gerät schnell in das Fusionskarussell. Und das dreht sich derzeit immer schneller. Allein in diesem Jahr wurden bereits drei milliardenschwere Mega-Deals aus der Zahlungsbranche gemeldet. Erst im Januar hat der Zahlungsabwickler Fiserv das US-Unternehmen First Data geschluckt. Kostenpunkt: 22 Mrd. $. Fiserv bietet Zahlungsverkehrs-Dienstleistungen und Software für Banken und die Finanz- und Retailbranche an. Im März legte Fidelity National Services eine 35 Mrd. $ schwere Offerte für Worldpay auf den Tisch. Inklusive Schulden wird Worldpay mit 43 Mrd. $ bewertet. Und erst Ende Mai verkündete der amerikanische Online-Bezahldienst Global Payments (US37940X1028) die geplante Akquisition von Total System Services. Der rund 21,5 Mrd. $ schweren Fusion haben die Verwaltungsräte beider Unternehmen bereits zugestimmt. Allerdings unterliegt der Deal noch der Zustimmung der Aktionäre und der Aufsichtsbehörden. Die Übernahme schaffe ein schlagkräftiges Unternehmen, das Bezahltechnologie und Software für mehr als 3,5 Mio. kleine bis mittelgroße Händler und über 1.300 Finanzinstitutionen in über 100 Ländern zur Verfügung stelle. 

Global Payments ist mit einem akt. Kurs von 163,20 $ zwar nicht mehr günstig zu haben. Anleger sollten den Wert jedoch im Auge behalten und bei etwaigen Kursrücksetzern spekulativ zuschlagen. 

Auch etablierte Zahlungsanbieter, wie die zwei größten Kreditkartenanbieter Visa und Mastercard (US57636Q1040) profitieren derzeit vom Online-Boom. Denn noch immer wird ein Großteil aller Einkäufe über eine Kreditkarte abgerechnet. Doch die beiden Branchengrößen gehen noch einen Schritt weiter und investieren in die Zukunft.  

So hat sich Mastercard zusammen mit Barclays an dem Zahlungsdienst SendFriend beteiligt. Die Technologie, die noch ganz am Anfang steht, fokussiert sich auf Zahlungen via Blockchain. 

Damit positioniert sich Mastercard im wachsenden Markt der Kryptowährungen. Kein Wunder also, dass der Konzern auch zu den Investoren der Facebook-Währung (US30303M1027) Libra gehört. 

Bereits Anfang kommenden Jahres will das soziale Netzwerk seine Kryptowährung „Libra“ an den Start bringen und damit den traditionellen Zahlungsverkehr gehörig aufmischen. Libra soll es allen Nutzern des Netzwerks ermöglichen, untereinander Geld zu versenden und Waren von Unternehmen zu erwerben – und das ganz ohne Bank- dienste. Um die Digitalwährung unabhängiger von Preisschwankungen zu machen, will Facebook-CEO Mark Zuckerberg „Libra“ als einen sogenannten Stable-Coin entwickeln. Das heißt, dass die Währung an staatliche Währungen gekoppelt wird, anders als andere Cyber-Devisen wie etwa Bitcoin. Daher könnten Stable-Coins auch als Zahlungsmittel große Verbreitung finden und somit dem traditionellen Geld Konkurrenz machen.    

Der Aufschrei in der Bankenbranche war nicht zu überhören. Doch die Banken haben jahrelang den Trend-Wandel schlichtweg verschlafen. Und noch schlimmer: Anfang 2017 verkauften die deutschen Geldhäuser ihren eigenen Zahlungsdienstleister Concardis an die Finanzinvestoren Bain Capital und Advent. Concardis gehört mittlerweile zum dänischen Zahlungsdienstleister Nets. 

Anleger sollte den Trend aufgreifen. Wem ein Investment in Facebook zu spekulativ ist, kann sich mit Mastercard indirekt beteiligen und hat gleichzeitig einen stabilen Wert für das Langzeit-Depot. 

 

Auch wenn in Deutschland noch immer ein Großteil mit Bargeld bezahlt wird, zeigt der weltweite Trend, dass die Zukunft dem kontaktlosen Payment gehört. Damit hat das Konsolidierungskarussell jetzt erst richtig Fahrt auf-
genommen. 

 

 

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