Die Organisation der erdölexportierenden Länder (OPEC) und ihre Partnerländer (OPEC+) haben beschlossen, die vereinbarte Drosselung der Erdölproduktion um weitere 9 Monate zu verlängern. Ein gutes Signal, würde es nicht unter der geopolitischen Oberfläche brodeln und die Diskussion um den Klimawandel auf die Ölbranche überschwappen. 

Im vergangenen Jahr war die weltweite Ölnachfrage auf einen neuen Rekordwert geklettert. Doch in den letzten Monaten zeigte sich der Ölpreis stark schwankungsanfällig, und dies hatte auch triftige Gründe. Der Iran droht, die Meerenge von Hormus zu verminen, nachdem US-Präsident Donald Trump ein erneutes Ölembargo über das Land verhängt hat. Die Straße von Hormus gilt als einer der wichtigsten Seewege für Öltransporte. Immerhin wird durch die Meerenge rd. ein Fünftel der weltweiten Ölproduktion verschifft. Die USA sind sich sicher, dass die zuletzt verübten Anschläge auf zwei Öltanker im Golf von Oman kurz vor Hormus auf das Konto des Iran gehen. Die Stimmung ist dort entsprechend aufgeheizt, zumal der Iran gedroht hat, die Anreicherung von Uran wieder weiter auszubauen. Dies sorgte postwendend für einen Ölpreisanstieg. Auch die schnelle Einigung der OPEC und ihrer Partnerländer ist nicht zwangsläufig eine Stütze für eine Preisstabilisierung. Konkret einigte sich das Kartell, die Ölförderung für mindestens weitere 9 Monate zu begrenzen. Schon am Rande des G20-Gipfels in Japan hatten sich die einflussreichen Ölproduzenten Saudi-Arabien und Russland auf eine Verlängerung der Förderbremse verständigt. Die anderen OPEC-Mitgliedsstaaten schlossen sich dem an. Allerdings stieß den Verbündeten sauer auf, dass sich Saudi-Arabien und Russland bereits im Vorfeld bilateral abgestimmt hatten. Außerdem hatte Saudi Arabien noch einen Passus in den OPEC-Vertrag aufnehmen lassen, der eine intensivere Zusammenarbeit mit den Nicht-OPEC-Staaten unter der Führung Russlands verankert. Der Iran hatte sich lange geziert und war als selbsternannter Interessenvertreter der kleineren OPEC-Länder aufgetreten. Der iranische Ölminister Bijan Zanganeh warnte, dass das Kartell „sterben wird“, wenn die russisch-saudische Allianz auf Kosten der anderen Mitglieder gehe. Doch eigentlich haben die OPEC und ihr russischer Verbündeter einen anderen mächtigen Gegner im Kampf um die Ölvorherrschaft: das durch Fracking geförderte amerikanische Schieferöl. Es soll den USA die Unabhängigkeit von ausländischen Öllieferungen garantieren und die eigene Position auf dem Ölmarkt weiter festigen. Schon heute sind die USA der weltweit größte Ölproduzent, vor Russland und Saudi-Arabien.

Es stellt sich jedoch die Frage, welche Rolle den fossilen Brennstoffen wie Öl und auch Gas auf lange Sicht überhaupt noch zukommen wird. Der Druck auf die europäischen Ölmultis Royal Dutch Shell, BP und Total von Politik, Umweltaktivisten und klimabewussten Investoren ist enorm hoch und führt dazu, dass sie ihren Geschäftsfokus nicht mehr nur auf das ertragreiche Ölgeschäft ausrichten. Von solchen Ambitionen ist bei den großen US-Konzernen wie Exxon Mobil und Chevron wenig zu spüren. Unter Trump, der den Klimawandel konsequent ignoriert, was er mit dem Austritt aus dem Pariser Klimagipfel noch einmal unterstrichen hat, pumpt die US-Ölindustrie Gewinne wie lange nicht. Zuvor hat der US-Präsident u.a. die Umwelt- und Sicherheitsstandards bei der Erdöl-Förderung entschärft und umstrittene Pipelines für Öl und Gas genehmigt sowie weitere Küstenregionen für die Öl- und Gasgewinnung freigegeben.

Unterdessen stecken europäische Öl- und Gasmultis durchschnittlich rd. 7 % ihrer Investitionen in klimafreundliche Technik. Doch der Umschwung auf die Erzeugung emissionsärmerer Energien wie LNG (Flüs-sigerdgas) oder Strom aus Wind und Sonne wird die Gas- und Ölkonzerne noch deutlich mehr kosten. Energieexperten gehen für die nächsten 10 bis 15 Jahre davon aus, dass zwischen 15 und 25 % der jährlichen Investitionen in diesen Bereich fließen müssen. Ein nicht unerheblicher Teil davon wird wohl durch Übernahmen realisiert werden. So könnte Royal Dutch Shell bald den niederländischen Versorger Eneco schlucken. Die Niederländer setzten im vergangenen Jahr 4,2 Mrd. € um und investieren gezielt in Biomasse-Kraftwerke, Wind- und Sonnenparks. Auf die Anfrage des ES, ob die Eneco-Übernahme zustande kommt, antwortete die Shell-Pressesprecherin Deutschland, Cornelia Wolber, etwas nebulös: „Das Verfahren läuft noch. Es gibt keine Neuigkeiten. Etwaige Gerüchte im Markt kommentieren wir nicht.“ Es bleibt also spannend. 

Spätestens nach der Übernahme des bayerischen Solarbatterieunternehmens Sonnen ist ohnehin klar, wohin die Reise geht. Der Ölriese will in den kommenden zehn Jahren zum weltgrößten Energiekonzern aufsteigen – und dabei eine große Menge an klimafreundlich hergestellten Strom anbieten. „Wir wollen der größte Stromversorger der Welt werden“, teilte Shell-Vorstand Maarten Wetselsaar selbstbewusst mit und sorgte für mächtig Wirbel in der fossilen Branche. Bis 2035 soll Strom, neben dem Öl-, Gas- und Chemiegeschäft zur gleichberechtigten vierten Säule werden und 30 % zum Konzernumsatz beisteuern. 

Die norwegische Equinor hieß im vergangenen Jahr noch Statoil und wollte mit der Namensänderung den Wandel vom klassischen Öl- und Gasförderer hin zu einem modernen Energieunternehmen dokumentieren. 10 Mrd. € sollen in den nächsten Jahren in die Sparte Neue Energien fließen. Equinor gilt in Europa als Vorreiter für die Technologie, mit der sich CO2 in bestimmten Gesteinsschichten dauerhaft konservieren lässt. Die Norweger leiten dafür Treibhausgas in den Meeresgrund. Auch Royal Dutch Shell und der französische Ölkonzern Total sind bei dem Projekt involviert. 

In den USA wird hingegen lieber weiter in den Fracking-Boom investiert. Ein hartes Bietergefecht um den kleineren Konkurrenten Anadarko Petroleum boten sich zuletzt Chevron und Occidental. Zunächst sollte Chevron den Zuschlag für Anadarko bekommen. 33 Mrd. $ wollte der Konzern für den Ölförderer auf den Tisch legen. Occidental zog nach und bot zunächst 38 Mrd. $. Occidental-Chefin Vicki Hollub erhielt schließlich den Zuschlag, indem sie die Barkomponente erhöhte und sich die Unterstützung von Starinvestor Warren Buffett sicherte. Mit Anadarko verschafft sich Occidental einen größeren Zugang zum Permischen Becken im US-Bundesstaat Texas, wo es große Schieferölvorkommen gibt.  

Derzeit kommt der maßgebliche Gewinn der Konzerne, der für eine ordentliche Dividende sorgt, noch aus dem Öl- und Gasgeschäft. Doch gerade die europäischen Ölförderer nutzen die „schmutzigen“ Mittel, um in umweltschonende Energiequellen zu investieren.

Wer die politischen Einflussnahmen  nicht scheut, findet gerade bei Öl-Aktien zuverlässige Dividendenzahler. Vor allem die europäischen Ölkonzerne machen sich außerdem zunehmend durch die Diversifikation ihrer Geschäftsmodelle unabhängiger vom schwankungsanfälligen Ölpreis. 

 

 

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