In der Welt von gestern kaufte man Bundesanleihen, kassierte regelmäßig Zinsen und bekam zur Fälligkeit sein eingezahltes Geld zurück. In der Welt von heute funktioniert das nicht mehr.  Sämtliche Staatsanleihen weisen eine negative Rendite auf. Wer langfristig kein Geld verlieren und einen Wertzuwachs erzielen will, muss heute Aktien kaufen.

Beim Tag der Offenen Tür der Bundesregierung wurde Bundesfinanzminister Olaf Scholz von einem jungen Besucher gefragt, wie er denn in Zeiten niedriger Zinsen sein Geld am besten anlegen solle. Der junge Mann erhielt zur Antwort: „Also nicht so wie ich. Ich packe es nämlich nur aufs Sparbuch.“ Diese Auskunft gleicht einem Offenbarungseid und zeigt, was in Deutschland wirklich schiefläuft. Der oberste Kassenwart des Landes, der das Vermögen einer ganzen Nation verwaltet, weiß nicht, wie man bei Negativzinsen sein Kapital werterhaltend, geschweige denn wertsteigernd anlegt. Als Sparschwein-Liebhaber war Olaf Scholz vor gut einem Jahr sogar noch davon überzeugt, dass die Niedrigzinspolitik bald ihrem Ende zugehen werde. In einem internen Schreiben von März 2018 hieß es, die Bundesregierung stelle sich in der „Finanzplanung bis zum Jahr 2022 auf eine notwendige Normalisierung des Kapitalmarktumfelds ein“. Unter Fachleuten gilt ein Zinsniveau zwischen 3 und 4 % als normal. Was für eine Fehleinschätzung!

Tatsache ist: Die Europäische Zentralbank (EZB) hält ihren Leitzins seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 %. Der Einlagensatz ist sogar negativ. Deshalb erheben inzwischen viele Geldinstitute für Sparguthaben sogar einen Strafzins. In seiner Rede auf dem EZB-Forum am 18. Juni im portugiesischen Sintra machte Mario Draghi noch einmal klar, dass ein Ende der lockeren Geldpolitik auch jetzt noch lange nicht in Sicht ist. Im Gegenteil, die EZB werde notfalls einen „zusätzlichen Stimulus“ aus dem Werkzeugkoffer holen, um das Wirtschaftswachstum zu stützen und sich dem Inflationsziel von 2 % anzunähern. Tatsächlich aber liegt die Teuerung seit 2013 Jahr für Jahr weit unter dieser Schwelle. Damit könnten also die Zinsen noch weiter in den negativen Bereich abgesenkt und neue Anleihenkäufe gestartet werden. Noch bemerkenswerter aber ist, dass der scheidende EZB-Präsident Draghi immer mehr ein „symmetrisches“ Inflationsziel favorisiert. Dies bedeutet, dass die Teuerung nach Jahren unter 2 % in Zukunft auch eine längere Zeit darüber liegen könnte, da sie ja zunächst einmal einiges aufzuholen hat. Damit wird faktisch mit jedem weiteren Schwächejahr auch eine höhere Inflation in der Folgezeit toleriert. Erst dann würde das Inflationsziel als erreicht gelten und die Zunahme des Preiswachstums als nachhaltig genug. Im Klartext: In den vergangenen zehn Jahren lag die Konsumentenpreisinflation bei durchschnittlichen 1,34 % und damit 0,66 Prozentpunkte unter dem Inflationsziel von 2 %. Bei symmetrischer Betrachtung hätte man also aus den letzten zehn Jahren ingesamt
6,6 % für das Erreichen des ursprünglichen Inflationsziels als Guthaben angehäuft, die zunächst aufgeholt werden müssten, bevor die EZB wieder gegensteuert. 

Mit diesem Ansatz könnten die Währungshüter also noch mehr billiges Geld in die Märkte pumpen und selbst bei steigender Inflation den Leitzins bei Null oder sogar darunter halten. Eine solche Kombination aus immer niedrigeren Zinsen und steigender Inflation würde dann die Staatsverschuldung der EU-Länder zügig herabsetzen und ebenso zügig die Sparbuchanhänger wie Olaf Scholz enteignen. Derzeit horten die Bundesbürger knapp 2,5 Bill. Euro auf unverzinsten Konten. Bei einer Inflationsrate von 4 % würden sie jährlich 100 Mrd. Euro davon verlieren. 

Spätestens wenn die EZB tatsächlich ein symmetrisches Inflationsziel formuliert, müssen Sparer ihr Geld umschichten – und zwar in Aktien. Je länger der Zustand des billigen Geldes anhält, um so mehr rücken Aktien wieder als strategisches Langfristinvestment in den Fokus. Dies gilt vor allem im Vergleich zu Staatsanleihen, mit denen man schon heute langfristig Verluste einfährt. Die im April 2030 fällige Bundesanleihe z.B. verspricht aktuell einen sicheren Verlust von –1,53 % p.a. (Stand 02.09.19). Die Ausverkaufsstimmung am Anleihenmarkt bewirkt lediglich kurzfristig noch Kursgewinne. Doch die gibt es bei Aktien auch. Bei längerfristiger Betrachtung müssen Anleger auch keine Angst vor Kursschwankungen oder heftigen Einbrüchen an den Aktienmärkten haben. In der gesamten Börsengeschichte gab es nur einen einzigen Zeitraum, in dem die Aktienkurse länger als 15 Jahre brauchten, um sich von einem Crash zu erholen, und zwar nach dem großen Zusammenbruch von 1929. Ansonsten ließ sich z.B. im amerikanischen Dow Jones seit 1896 durchgängig ein Wertzuwachs von 8 % pro Jahr erzielen. 

Der DAX kann zwar mit dieser Performance nicht ganz mithalten, dafür aber gibt es hier jedes Jahr satte Dividendeneinnahmen. Würde man diese beim DAX reinvestieren, ergäbe sich sogar eine jährliche Rendite von 11,1 % (vgl. ES 38/18). Allein für 2019 werden die DAX-Konzerne die Rekordsumme von rund 35 Mrd. Euro an ihre Anteilseigner ausschütten, was einer durchschnittlichen Dividendenrendite von rund 3 % entspricht. Selbst in Zeiten, als es bei zehnjährigen Bundesanleihen tatsächlich noch Zinserträge gab, konnten diese mit den Dividendenrenditen von Aktien nicht mithalten. Während 2008 die deutschen Blue Chips mit ihren Ausschüttungen auf eine Rendite von 5,3 % kamen, schafften es die zehnjährigen Staatspapiere nur auf 4,6 %. Seit dem Jahr 2013 liegen die zehnjährigen Bundesanleihen durchgängig unter 1 %, die Dividendenrendite der DAX-Titel dagegen zwischen 2,3 und 3,4 %.

Je länger der Zustand der niedrigen Zinsen anhält, desto größer wird nicht nur der Spread zwischen Dividendenrenditen und Anleihenzinsen, sondern auch die Gefahr von Fehlinvestitionen. Das gilt auch für
den Immobiliensektor. Der Anlagenotstand führt dazu, dass die Immobilienpreise immer weiter explodieren und sich über Mieteinnahmen nicht mehr refinanzieren lassen. Andererseits sind Bau- und Finanzierungskredite so billig geworden, dass selbst die teuersten Objekte verhökert werden können. Das trifft auch für Unternehmenskäufe zu. Für Firmen in Wachstumsbranchen werden horrende Preise gezahlt, unabhängig davon, ob sie profitabel sind oder nicht. Versicherungen, Pensionskassen oder andere große Investoren kaufen alles, was irgendwie Rendite verspricht, darunter auch intransparente Anlagen. Und je mehr solcher Anlageobjekte mit Tiefstzinskrediten erworben werden, umso abhängiger machen sich die Investoren von der Droge des billigen Geldes. In einer solchen Situation könnte eine Zinswende einen Crash am Immobilienmarkt und eine Pleitewelle bei den Unternehmen auslösen. 

Die jüngsten Signale der Notenbanken deuten darauf hin, dass die Niedrigzinspolitik noch lange anhalten wird. Damit lösen Aktien die Anleihen endgültig als langfristige strategische Geldanlage mit sicherer Rendite ab. In der Welt von heute kauft man Aktien, kassiert regelmäßig Dividende und bekommt nach vielen Jahren sein Geld mit einem Kursgewinn zurück. Anleihen waren gestern, heute sind Aktien!

 

 

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