Die friedliche Revolution in Ostdeutschland und die Grenzöffnung jähren sich 2019 zum 30. Mal. Die Berliner Mauer als Symbol der deutschen Teilung ist damit schon länger wieder verschwunden als sie existierte. Doch wie sieht es wirtschaftlich in Ostdeutschland aus – Ist tatsächlich „zusammengewachsen, was zusammengehört“?
Die Deutschen sind effizient, humorlos und in ökonomischer und wissenschaftlicher Hinsicht spitze – und zwar ungeteilt in Ost- und Westdeutschland. Und auch der Hauptstadt Berlin sieht man ihre jahrelange innere Zerrissenheit nicht mehr an. Mit dem Fall der Mauer 1989 wurde Berlin als gesamtdeutsche Hauptstadt neu geboren. Aus der grauen, umzäunten Stadt wurde inzwischen eine schillernde, weltoffene Metropole im Herzen Europas. Mit etwa 140.000 Events pro Jahr ist sie nach Angaben des Statistischen Bundesamtes die größte deutsche Messe- und Kongressstadt. Sie hat außerdem die bundesweit höchste Forscher- und Akademikerdichte. Pro Stunde werden dort 5,1 Unternehmen gegründet. 30 % aller deutschen Start-ups sind in Berlin zu Hause.
Doch im ostdeutschen Hinterland wiegt das Erbe der Geschichte weit schwerer. Die vom Sozialismus enteigneten oder vertriebenen Unternehmer sind im Westen sesshaft geworden. Und die meisten Volkseigenen Betriebe (VEB) im Osten überlebten die Entwöhnung vom sozialistischen Staatstropf nicht. Und so kommt es, dass bis heute kein einziges ostdeutsches Unternehmen im DAX notiert ist. „Und von den Top-500-Unternehmen in Deutschland sitzen nur 36 im Osten“, so Gunther Schnabel, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig. Zwar hat sich in Ostdeutschland inzwischen eine stabile und wettbewerbsfähige Wirtschaftsstruktur gebildet, allerdings gibt es sehr wenige Konzerne und Großbetriebe. Etwa zwei von drei Arbeitnehmern sind in einem Betrieb mit weniger als 50 Mitarbeitern beschäftigt, im Westen ist es lediglich jeder zweite.
Und doch gibt es sie, die großen zukunftsweisenden Unternehmen in Ostdeutschland. Eine besonders große Häufung davon findet man in der „Lichtstadt“ Jena. Hier hat die Optik-Branche eine lange Tradition, die bis ins Jahr 1846 zurückreicht. Es waren vor allem die revolutionären Erfindungen des Dreigestirns Carl Zeiss, Ernst Abbe und Otto Schott, die den Standort durch Wirtschaftskrisen und Weltkriege brachten. Nach der politischen Wende 1989 stand das sozialistische Kombinat „VEB Carl Zeiss Jena“ jedoch vor dem Aus. Ein gutes „Ökosystem mit exzellenten Ingenieuren und Technikern, starken Hochschulen, eine wiederbelebte Gründertradition sowie eine ungewöhnliche Regelung mit der Treuhand“ ermöglichten letztlich doch noch eine Privatisierung. Sie ebnete den Weg für eine Unternehmensaufspaltung des Großkomplexes optischer und industrieller Elektronikprodukte in die beiden heute börsennotierten Firmen Carl Zeiss Meditec AG (ISIN: DE0005313704) und die Jenoptik AG (ISIN: DE000A2NB601). Bis auf den medizinischen Teil der Carl Zeiss Meditec AG (medizinische Geräte für die Augenchirurgie, Operationsmikroskope und Kontaktlinsen) sind die ehemaligen Partner bis heute sehr ähnlich strukturiert. Beide stellen präzise Mess-, Kontroll- und Steuergeräte, optoelektronische und - mechanische Komponenten für die Automobil-,Luftfahrt- und Halbleiterindustrie sowie Kamerasysteme und Lichtsensoren her. In der Region um Jena gibt es insgesamt mehr als 100 Firmen und Einrichtungen mit mehr als 1.000 Wissenschaftlern und Entwicklern im Bereich der optischen Technologien.
In der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik gab es aber auch eine Chip­industrie. Hier baute man in den 1980er-Jahren nicht nur Speicherchips, sondern unter der Marke „Robotron“ am Stammsitz Dresden auch eigene Computer. Zwar konnten diese nach der Wende nicht überleben, doch das Know-how und die vielen gut ausgebildeten IT-Ingenieure bildeten die Keimzelle für einen neuen, modernen Computer- und Elektronik-Standort. 10 Mrd. Euro flossen in den letzten Jahrzehnten in das sächsische Silicon Valley. Das „IT-Cluster Silicon Saxony“ ist heute der größte Mikroelektronik-Standort in ganz Europa. Zum Hightech-Netzwerk gehören 350 Hersteller, Zulieferer, Dienstleister, Hochschulen/Universitäten, Forschungsinstitute sowie Start-ups am Wirtschaftsstandort Sachsen. Sie beschäftigen ca. 20.000 Mitarbeiter bei einem Umsatz von etwa 4 Mrd. Euro pro Jahr.
Zu den Gründungsmitgliedern gehört u.a. der Siliziumwaferhersteller Siltronic AG Freiberg (DE000WAF3001), dessen Geschäftsursprung bis ins Jahr 1953 zurückreicht. Heute ist die seit 2015 im Prime Standard notierte Siltronic AG Technologieführer und beliefert u.a. die führenden zwanzig Unternehmen der Halbleiter­industrie. Denn ohne Siliziumwafer wären Smartphones, Computer, Navigations­geräte und Displays undenkbar. Im sächsischen Silicon Valley sitzt aber auch
der Halbleiterhersteller Infineon (ISIN: DE0006231004) und bald auch Bosch mit einer Chipfabrik. Es verwundert daher nicht, dass auch die „Agentur für Sprung­innovationen“ in Sachsen (Leipzig) angesiedelt werden soll.
Von den zu DDR-Zeiten noch riesigen Chemierevieren um Bitterfeld und Leuna ist dagegen wenig geblieben, lediglich die zur französischen Total (ISIN: FR0000120271) gehörende Raffinerie Mitteldeutschland in Leuna. Sie ist mit 4,25 Mrd. Euro das umsatzstärkste Unternehmen in Sachsen-Anhalt und größter Arbeitgeber. Der Biodiesel- und Bioethanolproduzent VERBIO (s.S.9; ISIN: DE000A0JL9W6) hat seinen Stammsitz in Zörbig und somit ebenfalls in dem, selbst im ostdeutschen Vergleich, strukturschwachen Bundesland. Dabei ist nur wenige Kilometer weiter westlich in Wolfsburg mit Volkswagen der größte deutsche Konzern zu Hause.
Die nicht börsennotierte Edis AG ist als regionaler Stromversorger mit 2,7 Mrd. Euro Umsatz für 2018 größtes Unternehmen in Brandenburg. Größter Eigentümer mit zwei Dritteln der Anteile ist die in NRW ansässige E.on (ISIN: DE000ENAG999). In Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) sitzt der Windradhersteller Nordex (ISIN: DE000A0D6554).
Die TLG Immobilien AG (DE000A12B8Z4)macht deutlich, wo die bis zur Wende ungenutzten „Anlageschätze“ im Osten zu finden waren und wie man sie geschickt heben konnte. Die Berliner Gesellschaft besitzt und vermietet Gewerbeimmobilien an ausgewählten deutschen Perspektivstandorten, vor allem in Berlin, Dresden, Leipzig und Rostock. In ihrem Bestand befinden sich Immobilien im Wert von mehr als 4,1 Mrd Euro.Nach der Grenzöffnung gehörte der Immobilienmarkt in den neuen Bundesländern zu den Boombranchen der folgenden Jahrzehnte mit traumhaften Renditen. Doch nicht alle Gegenden sind gleichermaßen gefragt. Bei den 18- bis 24-Jährigen sind vor allem Berlin, Dresden und Leipzig beliebt, die Best-Ager (vgl. ES 39/19) bevorzugen durchaus auch Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Dennoch liegt das Immobilienvermögen der einzelnen Haushalte in den alten Bundesländern bei durchschnittlich 154.400 Euro, in den neuen Ländern (einschl. der Boomstadt Berlin) nur bei 65.800 Euro.
Im internationalen Vergleich hat sich Deutschland in den letzten 30 Jahren gut entwickelt. Allerdings wirkt in vielerlei Hinsicht die einstige Teilung des Landes noch nach. Dies nicht zu akzeptieren, schafft viel größere Probleme als die Unterschiede selbst und verhindert,
die vorhandenen Chancen zu nutzen.

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