Wie bereits mehrfach im ES hingewiesen, hat mit der Einführung der Abgeltungsteuer ab 2009 ein Wechsel bei der steuerlichen Behandlung von Gewinnen und Verlusten aus Kapitalerträgen stattgefunden (vgl. u.a. ES 31/19). Während Veräußerungsgewinne aus Wertpapiergeschäften grundsätzlich versteuert werden müssen, ist die steuerliche Behandlung von Veräußerungsverlusten noch nicht abschließend geklärt.
Viele Finanzämter  weigern sich, Verluste steuerlich anzuerkennen. Dies gilt auch für solche Fälle, in denen der Veräußerungserlös aus einem Wertpapiergeschäft niedriger ist als die Transaktionskosten (vgl. ES 44/17). Dem ist der Bundesfinanzhof (BFH) mit seinem Urteil vom 12.06.2018 entgegengetreten (Az: VIII R 32/16) und hat Verluste, die ein Steuerpflichtiger aus dem Ausfall einer ihm zustehenden Kapitalforderung erlitten hatte, steuerlich anerkannt. Dabei macht es wirtschaftlich betrachtet keinen Unterschied, „ob der Steuerpflichtige die Forderung noch kurz vor dem Ausfall zu Null veräußert, oder ob er sie – weil er keinen Käufer findet oder auf eine Quote hofft – behält. In beiden Fällen erleidet er eine Einbuße seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit“.
Nach diesem Urteil muss also jedes Finanzamt einen Aktienverlust steuerlich anerkennen und mit Gewinnen aus anderen Kapitalanlagen steuersparend verrechnen. Sofern die Verluste die Veräußerungsgewinne im laufenden Kalenderjahr übersteigen, werden diese Verluste in das folgende Veranlagungsjahr vorgetragen. Doch diese Regelung will der Gesetzgeber nun kippen. Nach einem Gesetzesentwurf ist wohl schon für 2020 vorgesehen, dass die Ausbuchung wertloser Aktien aus dem Depot eines Anlegers steuerlich keine Bedeutung mehr haben soll. Demnach  müssen weder die Bank, noch das Finanzamt ab 2020 solche Verluste steuerlich berücksichtigen.
Anleger sollten daher der Ausbuchung von wertlosen Aktien aus ihrem Depot zuvorkommen und diese noch bis zum 31. Dezember 2019 mit Verlust verkaufen. Nur dann kann man erreichen, dass das Finanzamt die Verluste steuerlich berücksichtigt. Zwar soll wohl auch darüber diskutiert werden, ob diese neue Gesetzesregelung nicht vielleicht schon rückwirkend – also auch für Jahre vor 2020 – zur Anwendung kommen könnte. In der Praxis dürfte es jedoch nicht möglich sein, dies wirklich durchzusetzen. Dennoch zeigt diese Gesetzesinitiative, dass die jetzige Regierung mit Finanzminister Scholz systematisch an dem Ziel arbeitet, Verluste irgendwann steuerlich überhaupt nicht mehr anzuerkennen.
Der ES übernimmt für diese Informationen keine Gewähr, sie stellen keine steuerliche Beratung dar.

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