Wer an Skandinavien denkt, dem fallen Bilder von Fjorden, ABBA oder IKEA ein. Doch der Norden Europas gilt heute auch als Innovations-Hotspot und wird bereits mit dem Silicon Valley verglichen. Hinzu kommt eine Aktienkultur, die es vor allem jungen Unternehmen leicht macht, am Markt mitzuspielen. Anleger sollten sich daher diese innovative, nachhaltige und solide Region einmal genauer anschauen.   
Die skandinavischen Länder sind Jahr für Jahr unter den Top 10 des Global Innovationsindex – und das zu Recht. Länder wie Schweden, Dänemark, Finnland und Norwegen gelten als Vorreiter für innovative Konzepte in den verschiedensten Bereichen, darunter Design, Digitalisierung, Wirtschaft, Industrie und Mobilität. Junge Unternehmen und Start-ups werden unterstützt und gefördert. Vor allem Schweden pusht die Aktienkultur massiv mit Steuererleichterungen und Vereinfachungen, etwa beim Börsengang – das kommt primär kleineren Firmen sowie Start-ups zugute. Wer in Skandinavien einkauft, bemerkt zudem schnell, dass es kaum noch möglich ist, bar zu zahlen. In den meisten Geschäften läuft die Zahlung via Karte oder Smartphone. Bereits seit 2010 haben Banken in Nordeuropa begonnen, ihren Bargeldverkehr einzuschränken. Doch vor allem die App Swish hat das Mobile Payment in Schweden vorangebracht. Sie ermöglicht, jegliche Zahlungen in wenigen Sekunden mit dem Handy zu tätigen. Der Betrag wird dann in Echtzeit auf das verbundene Konto überwiesen. Zwar hat Swish bislang den Weg über die nordischen Grenzen hinaus noch nicht geschafft, dafür aber der schwedische Zahlungsanbieter Klarna. Hier machen sich immer mal wieder IPO-Gerüchte breit. Daran dürfte auch die jüngste Finanzierungsrunde, bei der Klarna 460 Mio. $ von Investoren einsammelte, schuld sein.
Auch in Sachen Umweltschutz ist Skandinavien Vorreiter. In Schweden werden 99 % aller Abfälle recycelt oder weiterverarbeitet. Die Hälfte davon wird verbrannt und zur Energiegewinnung genutzt. Auch Norwegen gilt als Klimaschutzpionier. Elektroautos werden massiv gefördert, und haben schon jetzt einen Anteil von über 50 % bei den Neuzulassungen. Ölheizungen sind schon ab diesem Jahr offiziell verboten. In Deutschland ist vor allem die norwegische Tomra Systems (NO0005668905) bekannt. Die Sortierlösungen des Unternehmens treffen unverändert auf eine rege Nachfrage: Der Auftragseingang in diesem Segment befindet sich mit 1,22 Mrd. NOK im Q3 auf einem Rekordhoch. Das dürfte sich auch in den kommenden Jahren nicht ändern: Zwischen 2020 und 2023 planen England, Schottland, Portugal, Australien und Frankreich die Einführung eines gesetzlich verankerten Pfand-rückgabesystems, ähnlich dem deutschen Vorbild. Tomra kratzt derzeit wieder an der 200-Tage-Linie, daher setzt man hier auf einen nachhaltigen Erholungskurs.
Von der Hand zu weisen ist derweil nicht, dass Norwegen jahrzehntelang vom Öl profitiert hat. Seit den 90er Jahren floss ein Großteil der Einnahmen aus der Ölproduktion in den Staatlichen Pensionsfonds (vgl. ES 23 u. 33/19). Dieser hat inzwischen einen Wert von über 800 Mrd. € – der Großteil dürfte dabei aus den Boom-Jahren des Ölmarktes herrühren. Erst vor Kurzem kündigte die norwegische Regierung jedoch an, alle Ölaktien aus dem Portfolio zu verbannen, stattdessen soll vermehrt in erneuerbare Energien investiert werden. Die Ölförderung geht allerdings weiter. So hat einer der größten Energiekonzerne des Landes, Equinor (NO0010096985), Ende Oktober damit begonnen auf einem der fünf größten jemals entdeckten Ölfelder der Nordsee zu fördern. Dennoch kann man sich Equinor guten Gewissens einmal näher anschauen. Zunehmend sollen erneuerbare Energien, namentlich die Windkraft, die Unternehmensstruktur mitbestimmen. Bis 2030 sollen 25 % der Gesamtinvestitionen auf den Windsektor entfallen. Equinor ist ein Pionier bei der Entwicklung von Tiefsee-Windfarmen, bei welchen die „Windmühlen“ mit ihren Pfeilern nicht selber im Boden verankert sind, sondern schwimmen, nur mit Seilen oder Ketten befestigt. Sie erlaubt die Ausweitung in größere Wassertiefen und offenes Meer, wo die Winde regelmäßiger sind. Angesichts des volatilen Ölmarkts wird der Bereich auch für die Profitabilität Equinors immer wichtiger. Zumal die niedrigen Öl- und Gaspreise der vergangenen Monate den Gewinn nach Steuern in den ersten 9 Monaten mit 2,08 (4,17) Mrd. $ deutlich geringer ausfallen ließen. Angesichts der weltweit wachsenden Nachfrage nach erneuerbaren Energien kann man bei Equinor indes bereits heute auf eine baldige Trendwende spekulieren. Der akt. Kurs von 177,50 NOK lädt dabei zum Einstieg ein.
Die skandinavischen Länder haben bereits früh erkannt, dass den steigenden Lohnkosten und dem anhaltenden Fachkräftemangel nur mit innovativen Technologien entgegengewirkt werden kann. Kein Wunder also, dass die beiden größten europäischen 5G-Anbieter mit Nokia (FI0009000681) und Ericsson (SE0000108656) aus Finnland bzw. Schweden kommen. Zwar haben beide Konzerne derzeit noch mit hohen Investitionskosten zu kämpfen, doch die Aussichten sind vielversprechend. So haben einige Länder bereits angekündigt, ihre Zusammenarbeit mit dem bisherigen Platzhirsch Huawei aufzukündigen. Bei beiden heißt die Devise daher: Kaufen!
Doch nicht nur im Technologiesektor punktet der kühle Norden. Auch in Sachen Medizintechnik können die Staaten einige bahnbrechende Forschungserfolge vorweisen. So geht die erste erfolgreiche Transplantation eines Herzschrittmachers auf den schwedischen Arzt Åke Senning und den Ingenieur Rune Elmqvist zurück. Der dänische Medizin-
technikkonzern Ambu (DK0060946788) entwickelte 1956 den weltweit ersten selbstexpandierenden Beatmungsbeutel. Der Ambu-Beutel zählt seitdem zum festen Bestandteil der Notfallausrüstung von Krankenhäusern und Rettungsdiensten –  bis heute. In der Diabetes- und Insulinforschung führend ist der ebenfalls in Dänemark beheimatete Pharmakonzern Novo Nordisk (DK0060534915). In mehr als 170 Ländern vertreibt der Insulinhersteller seine Produkte – und das mit Erfolg. Dank guter Geschäfte mit dem neuen Diabetesmittel Ozempic steigerten die Dänen ihren Umsatz in den ersten 9 Monaten um 9 % auf 89,6 Mrd. DKK. Der Nettogewinn stagnierte zwar bei 30 Mrd. DKK, dies lag allerdings insbesondere an Terminkontrakten, mit denen sich Novo Nordisk gegen Währungsschwankungen absichert. Für das lfd. Geschäftsjahr gibt sich Novo Nordisk indes erneut optimistischer. So sollen die Erlöse in 2019 nunmehr um 5–6 (bisher 4–6) % ansteigen. Die Performance der vergangenen Monate ist bereits beeindruckend, dennoch kann man hier durchaus noch den Einstieg wagen.
2,6 Mio. Hektar eigenen Wald macht den schwedischen Holzverarbeiter Svenska Cellulosa (SCA) (SE0000112724) zum größten privaten Waldbesitzer Europas und zu einem Top-Pick unter den skandinavischen Aktientiteln. SCA ist hierzulande vor allem durch die Produkte Tempo oder Zewa bekannt. Darüber hinaus profitiert das Unternehmen derzeit von der steigenden Nachfrage nach dem Rohstoff Holz. Die Performance der letzten Monate kann sich sehen lassen wie die aktuellen Zahlen ebenso: So legten die Umsatzerlöse in den ersten 9 Monaten um gut 10 % auf 15,28 Mrd. SEK zu. Investitionen u.a. in den Ausbau des Forstbestand und CO2-Einsparungen ließen den Nettogewinn jedoch leicht auf 2,37 (2,79) Mrd. SEK einknicken. Langfristig pflanzt man sich mit SCA aber noch immer gute Wachstumsaussichten ins Depot.
Und auch der weltweit zweitgrößte Forstkonzern befindet sich auf skandinavischem Boden, genauer in Finnland. Stora Enso (FI0009005961) hatte in den letzten Monaten mit sinkenden Preisen im Zusammenhang mit den Handelsstreitigkeiten und den Brexit-Verhandlungen zu kämpfen. Der Umsatz belief sich nach 9 Monaten auf 7,64 (7,83) Mrd. €. Unter dem Strich mussten die Finnen mit einem Gewinn von 336 Mio. € nach 690 Mio. € im Vorjahr einen deutlichen Abschlag verbuchen. Kursseitig scheint Stora Enso langsam aber sicher wieder Boden gutzumachen. Wer hier auf eine langfristige Erholung spekuliert, sichert sich einen günstigen Einstiegsmoment.
Auch wenn sich unter den skandinavischen Aktientiteln einige Schwergewichte befinden, besteht die breite Masse jedoch vor allem aus Nebenwerten. Wer sein Investment hier breiter aufstellen will, dem bieten ausgewählte Fonds eine gute Einstiegsmöglichkeit in die Aktienwelt des hohen Nordens.
Im SEB Sustainability Nordic Fund (LU0030165871) finden sich rund 800 Titel aus Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland und Island. Bei der Aktienauswahl spielen Umweltschutz und Nachhaltigkeit eine entscheidende Rolle. Zu den größten Titeln gehören u.a. Volvo, Novo Nordisk, Sandvik, Tomra System und Stora Enso. Mit Auflagedatum 1988 gehört dieser zu den ältesten der drei Fonds. Das Investitionsvolumen summiert sich auf 203,38 Mrd. € (15.07.2019). Die Rendite für die letzten 5 Jahre kommt auf stattliche 6,1 %. Die jährlichen Kosten liegen bei 1,36 %. Darüber hinaus ist der Fonds sparplanfähig.
Dank der Start-up-Kultur sind die nordischen Länder vor allem geprägt durch kleine und mittlere Unternehmen. Diese Vielfalt macht sich der Parvest Equity Nordic Small Cap Fonds (LU0950372838) zunutze, der ausschließlich in nordeuropäische Nebenwerte investiert. Der 2014 aufgelegte Fonds weist derzeit ein Fondsvolumen von 180 Mio. € auf (Stand: 31.07.2019). Mit einer Rendite von 10,8 % (über die letzten 5 Jahre) kann der Fonds eine beachtliche Performance aufweisen. Die meisten Titel finden sich in den Bereichen Industrie, Gesundheit und Immobilien. Mit 67,2 % machen Wertpapiere aus Schweden den größten Anteil aus. Die größten Titel im Depot sind mit Kloevern AB, Trelleborg und Sedana Medical eher unbekannte Namen, aber renditestark!
Ein kostengünstiger Einstieg gelingt mit dem Xtrackers MSCI Nordic (IE00B9MRHC27). Der ETF folgt der Entwicklung des MSCI Nordic Countries Index, der die 71 größten Unternehmen der Region beinhaltet. Die Sektoren Industrie und Finanzwesen haben mit je gut 20 % das höchste Gewicht. Auch hier dominiert Schweden als Investmentland mit gut 40 %. Die Gebühren belaufen sich p.a. gerade mal auf 0,30 % bei einer durchschnittlichen Rendite über 5 Jahre von 5 %. Das Fondsvolumen kommt zum 31.07.2019 auf 316,92 Mrd. €.

Der kühle Norden wartet mit brandheißen Renditen auf. Wer in einen zukunftsorientierten Trend-Markt investieren will, schnappt sich ein paar ausgewählte Stücke. 

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