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Facebooks Shitstorm


Viel wurde in der vergangenen Woche über Facebook und sein riesiges Datenleck geschrieben. Bundesjustizministerin Katarina Barley sieht durch Facebook sogar „Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“ bedroht. Circa 50 Mio. Datensätze sollen dem sozialen Netzwerk entwendet und von der Firma Cambridge Analytics (CA) für politische Zwecke missbraucht worden sein. Innerhalb von 10 Tagen verlor das Unternehmen über 100 Mrd. $ an Börsenwert, was ungefähr der Marktkapitalisierung von Siemens entspricht. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg verlor persönlich immerhin gute 16 Mrd. $. 

Beleuchtet man diesen „Skandal“ jedoch etwas genauer, dann fragt man sich schon,  warum der Aufschrei plötzlich so groß ist. Besagte Daten wurden schließlich von ihren Besitzern freiwillig und aktiv in die Öffentlichkeit des Internets gegeben. Es war nicht  mehr als ein Fragenkatalog zur Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen, der von CA als Quiz-App für Facebook-User aufgesetzt und z.B. unter Amazon Mechanical Trunk beworben wurde. Die Teilnehmer mussten in Facebook eingeloggt sein und erhielten für ihre Teilnahme eine kleine Belohnung. CA sammelte neben den Quiz-Antworten so auch die freiwilligen Nutzerprofilangaben der Teilnehmer. Hierzu zählten neben Geburtstag, Geschlecht, Nationalität, Lieblingsmusik, Lieblingsbuch, Kommentare etc., auch die auf Facebook gesammelten „Freunde“. Solche Profilangaben lassen sich über Facebooks sog. API-Schnittstelle aber auch von jedem anderen App-Anbieter leicht auslesen. Bei 270.000 Quizteilnehmern gelangte CA so an Auskünfte und „Likes“ von 50 Mio. Facebook-Usern. 

Ein solcher Zugriff über die API-Schnittstelle ist nicht neu und wird auf Hunderttausenden von Websites und Apps über die „Login mit Facebook“-Möglichkeit genutzt. Schließlich ist es Facebooks Kerngeschäft, seine lt. Geschäftsbericht inzwischen 2,1 Mrd. Nutzer weltweit mit profilspezifischer Werbung zu befeuern. Fast 13 Mrd. $ wurden allein im 4. Quartal 2017 damit umgesetzt. 70 Mio. Unternehmen und 6 Mio. Werbeaccounts nutzen das soziale Medium als Werbeplattform. Mark Zuckerbergs Entschuldigung auf CNN entspricht daher eher dem „erwischt worden sein“ als einem echten Bedauern oder gar Reue über seine Geschäftspolitik. 

Es ist naiv anzunehmen, dass die persönliche Offenheit der Internetnutzer nicht auch für politische Zwecke genutzt wird. „Ein Paket in dieser Größe mit Wählerdaten kostet circa 500.000 $“, heißt es von TargetSmart, einem kommerziellen US-amerikanischen Wahlhilfeunternehmen. „Datenhändler sammeln Ihre Daten aus behördlichen Wählerlisten, Konsumentendaten und sonstigen, irgendwo gemachten Angaben und generieren recht gute Profile daraus. Die direkten Angaben der 50 Mio. Facebook-User, statt angewandter Rechenmodelle, erhöhen lediglich den Preis des Datenpakets“, so Tom Bonier, CEO von TargetSmart.

Der Facebook-Shitstorm fällt aber in eine Zeit, in der die Tech-Unternehmen des Silicon Valley ohnehin zunehmend öffentlichen Gegenwind erfahren. Ehemalige Manager von Apple, Google, Facebook und Co berichten medienwirksam über unlautere Praktiken Ihrer früheren Arbeitgeber. Juristen auf der ganzen Welt blasen nun zum großen Halali gegen die Kalifornier, um selbst das dicke Geschäft zu machen. Zudem ist der Investorengemeinde schon lange die Struktur von Facebook ein Dorn im Auge. Während Zuckerberg lediglich 16 % der Facebook-Aktien besitzt, stehen ihm dennoch 60 % der Stimmrechte zu. Hierfür wurde eine separate Aktienklasse ins Leben gerufen, die das zehnfache Stimmrecht der normalen Aktien besitzt. Aber auch bei Google, Groupon, LinkedIn, Snapchat oder TripAdvisor gibt es diese unsymmetrische Aufteilung zwischen wirtschaftlichem Risiko der Anleger und den entscheidenden Stimmrechten. Die genialen Gründer bräuchten diese Unabhängigkeit zur weiteren Entfaltung ihrer Visionen, hieß es seinerzeit als Rechtfertigung, die in der unsicheren Gründerphase auch allseits akzeptiert und hingenommen wurde. 

Ein 490 Mrd. $-Unternehmen mit einem Boss, der nicht abgesetzt werden kann, mag in guten Zeiten funktionieren. In Krisenzeiten aber ist es ein Risiko, wenn ein solches patriachisch geführtes Imperium in den Shitstorm gerät. Das mag vielmehr den enormen Kurssturz von Facebook erklären.