Aufruhr im Tal der Könige

Tech-Skandale nüchtern betrachtet


Es herrscht Aufruhr im Tal der Könige – der Herrscher des Silicon Valley. Doch dieses Mal sind es keine neuen Innovationen, die von dort aus die Welt verändern, sondern schlechte Nachrichten. Und sofort laufen sich die Datenschützer warm, Anwälte bringen sich in Stellung, Talkshows senden Tag und Nacht, und auch die Politik versucht sich zu profilieren. An der Börse geraten die Technologieaktien massiv unter Druck. Ist das Tal der Könige dem Untergang geweiht?

Die schlechten Nachrichten trafen das Silicon Valley fast aus heiterem Himmel. Steuervorwürfe von US-Präsident Donald Trump, Todesfälle bei selbstfahrenden Autos, Datenleck und Datenmissbrauch haben die Technologieaktien im März schlagartig von ihrem Börsenthron gestürzt. Fast synchron verloren die Aktien von Facebook, Tesla, Amazon, Apple, Netflix und Alphabet (Google) innerhalb weniger Tage mehr als 10 % an Wert. Amazons Aktionäre sind seit dem Hoch um 110 Mrd. Dollar ärmer geworden, die von Facebook um 100 Mrd. Dollar.

In jedem anderen „traditionellen“ Unternehmen hätte der Vorstand bei einem solchen Marktverlust nicht einmal mehr die Zeit gehabt, seinen Rücktritt selbst zu erklären. Nicht so bei Facebook & Co. Denn Zuckerberg besitzt 75 % der sog. Class B-Aktien am Unternehmen, die mit einem 10-fachen Stimmrecht ausgestattet sind und ihm so ca. 60 % der Gesamtstimmen verleihen. Dadurch hat er das alleinige Sagen. Ähnlich verhält es sich bei Groupon, LinkedIn und anderen Valley-Titeln. Bei der Google-Mutter Alphabet Inc. z.B. halten die beiden Gründer Page und Brin 52,9 % der Stimmrechte, die beiden Gründer von Snapchat vereinen sogar 88,6 % der Stimmrechte auf sich. Eine solche Struktur macht sie innerhalb des Unternehmens quasi unangreifbar.

Aber bisher hatte das weder Nutzer noch Anleger je gestört, ebenso wenig wie die kritischen Hinweise, wonach das soziale Netzwerk Facebook es mit dem Datenschutz nicht so genau nimmt. Als jedoch bekannt wurde, dass die britischen Wahlkampfberater Cambrigde Analytics (CA) bis zu 87 Mio. Datensätze abgegriffen haben sollen, wurde die Facebook-Aktie plötzlich kollektiv abverkauft. Facebooks Gründer und CEO, Mark Zuckerberg, wurde sogar für diesen Mittwoch (nach Redaktionsschluss) vor den Ausschuss des US-Kongresses zitiert, um Rede und Antwort zu stehen. Auch das britische Parlament verlangt eine Anhörung, da will die deutsche Bundesjustizministerin natürlich nicht nachstehen. Die Europäer werden jedoch auf Zuckerbergs Präsenz verzichten müssen, denn mit 2,7 Mio. Daten sind vergleichsweise nur wenige EU-Bürger vom Datenklau betroffen. Europa muss sich daher mit der zweiten Facebook-Reihe zufriedengeben. Was genau die Politik jedoch in diesen Anhörungen erfahren möchte, ist unklar. Denn bekannt sind die Details des Vorfalls schon lange: Im Frühjahr 2014, also knapp zwei Jahre vor dem skurril anmutenden US-Wahlkampf erhielten Tausende von Amerikanern die Einladung zu dem Online-Quiz mit dem bezeichnenden Namen „thisisyourdigitallife“. Auf Amazons Plattform Mechanical Turk, einem Online-Marktplatz für Gelegenheitsarbeiten, erhielt ein Teilnehmer bis zu zwei Dollar für seine Quiz-Antworten und den Zugriff auf seine Facebook-Daten. Ein ähnliches Spiel wurde auch über die Plattform Qualtrics verbreitet. „Wir sind an einigen demographischen Daten interessiert, wie z.B. an Ihren Likes, Ihren Freunden und ob diese sich wieder untereinander kennen sowie an ein paar Ihrer Nachrichten“, hieß es da ganz offen in den Teilnahmebedingungen. 

Schon 2014 wurde Amazon vorgeworfen, dass dieses Quiz gegen Amazons eigene Datenschutzregeln verstoße. Sammler dieser Daten war Aleksander Kogan, Psychologieprofessor der Cambridge University, der von Cambridge Analytics bezahlt wurde. Die Uni-Verwaltung kritisierte ihn 2014 auch wegen seiner Art der Nebeneinkünfte und der Tatsache, dass CA ebenfalls Zugriff auf die universitätseigenen Facebook-Daten hatte. Schließlich enthielt die Datenbank der Universität über 6 Mio. anonymisierte Facebook-Profile. Mark Zuckerberg selber wusste spätestens seit Dezember 2015 von dem CA-Projekt. In einem Schreiben versicherte CA damals, die Daten gelöscht zu haben. „Wir hätten dem nachgehen sollen. Das war unser Fehler“, sagte Facebook-Managerin Sheryl Sandberg nun in einem Interview. 

Vier Jahre und 87 Mio. Userprofile später kocht die Geschichte erneut hoch. Und sie fällt in eine Zeit, in der die Tech-Unternehmen des Silicon Valley zunehmend unter Beschuss geraten. Viel zu lange lebten die Tech-Könige vor allem von ihrer Fangemeinde, die ehrfürchtig und kritiklos alles hinnahm, was die genialen Unternehmensgründer ihnen anboten – egal zu welchem Preis. Nun scheint ein Teil der Fangemeinde aus der Trance erwacht zu sein. Über den Hashtag #DeleteFacebook z.B. werden die User nun zur Abkehr von Facebook aufgerufen. Die Politik wiederum will über steuer- und medienrechtliche Bestimmungen, die Macht der Datensammler beschneiden. Allerdings hinken Öffentlichkeit und Politik der Realität hinterher. Schon längst sind die User von Facebook, Twitter, Snapchat & Co. nicht mehr die Kunden, sondern das Produkt. Die Vermarktung ihrer Daten ist das eigentliche Geschäft. Denn Handel und Industrie sind als Werbekunden wesentlich lukrativer als der Privatnutzer, der nur zur Social Media Gemeinde dazugehören will. 

Allein im 4. Quartal 2017 wurden fast 13 Mrd. Dollar Umsatz mit ihnen gemacht. 70 Mio. Unternehmen und 6 Mio. Werbeaccounts nutzen Facebook. Der Aufruf #DeleteFacebook ist daher in seiner Wirkung eher mit einer Rückrufaktion der Industrie zu vergleichen, auch wenn einzelne Prominente medienwirksam ihre Accounts löschen. Nach einer ersten heftigen Reaktion sind die Kündigungen bei Facebook dann auch schnell wieder abgeflacht. Die Skandale bei VW und Samsung zeigen beispielhaft, dass zwar bei den aufgepumpten Werten an der Börse schnell mal die Luft abgelassen wird, ohne dass sie jedoch platzen, solange die Mega-trends laufen. Zu attraktiv sind ihre Produkte, zu stark die marktbeherrschende Stellung. 

Unbestritten war eine Korrektur im Techsektor längst überfällig. Der sog. FANG-Index (Kürzel für die vier Internetriesen Facebook, Amazon, Netflix und Google, ISIN DE000A18UAA5) war gerade in den letzten beiden Jahren ungebremst nach oben geschossen (vgl. Abb.). Mit einem Plus von 67 % war er stärker gestiegen als der Nasdaq Composite in den zwei Jahren vor dem Platzen der Dotcom-Blase. Am 23. März kamen die US-Techwerte auf einen Börsenwert von 6 Bio. Dollar,  während es sämtliche Aktien der Eurozone zusammen gerade mal auf einen Marktwert von 4,9 Bio. Dollar brachten. In der Bewertung der Techaktien lag also schon lange ein erhöhtes Risiko, das der Markt nun bereinigt.

Mit weltweit 2,1 Mrd. Usern (hinzu kommen noch WhatsApp und Instagram) hat Facebook jedoch eine Jüngerschar, die so groß ist wie eine Weltreligion und damit für 36 % der Weltbevölkerung steht. Das Christentum zählt 2,3 Mrd. Gläubige, der Islam kommt auf 1,8 Mrd. Anhänger und repräsentiert 23,7 % der Weltbevölkerung. Selbst wenn also 100 Mio. Menschen Facebook abschwören würden, wäre das ein verschwindend geringer Anteil. Sie könnten den Trend nicht aufhalten, dass an die Stelle der analogen Welt mit ihren sozialen Kontakten immer wieder neue Verbünde in einer digitalen Welt entstehen. Eine Studie der Heidelberger Gesellschaft für Innovative Marktforschung belegt, dass sich die Menschen bis 2030 noch viel mehr mit Dingen umgeben werden, die untereinander vernetzt sind und sehr viel über sie wissen. 

Eine Welt ohne Internet, Digitalisierung  und ohne Social Media wird es nicht mehr geben. Algorithmisierung, virtualisierte Realität, künstliche Intelligenz und Elek-tromobilität werden weiterhin die Megatrends der Zukunft sein. Die Tech-Könige werden daher nicht untergehen, aber ihre Bewertung wird sich zunehmend den Unternehmensgewinnen anpassen.