Die Big 4

Das Geschäft der Wirtschaftsprüfer


Wenn sich Aktionäre den Geschäftsbericht von Aktiengesellschaften anschauen, gehört ein Blick auf den Vermerk des Wirtschaftsprüfers (WP) zu den Standardabfragen. Ist der Abschluss mit einem uneingeschränkten Testat versehen, oder gibt es Anmerkungen bzw. Einschränkungen? Bei den Unternehmen aus DAX und MDAX findet sich meist der Stempel von KPMG, PricewaterhouseCoopers (PwC), Deloitte oder Ernst & Young (EY) unter den Prüfberichten. Das Testat der Big 4 ist jedoch kein Gütesiegel für Qualität. 

Die Grundzüge eines externen Prüfungswesens findet man in Deutschland schon im 16. Jahrhundert. Damals wurden bei Auseinandersetzungen zwischen Teilhabern einer Handelsgesellschaft, bei Erbschaftsstreitigkeiten oder in Insolvenzfällen schon vereidigte Buchsachverständige herangezogen. Sie arbeiteten aber ausschließlich im Auftrag der Gerichte. Die Buchführungsunterlagen dienten somit nur als gerichtliches Beweismaterial und nicht der Information über das Unternehmen. Die Aktienrechtsnovelle von 1884 verpflichtete die Unternehmen zu einer Gründungsprüfung, die von einem externen Revisor vorgenommen werden musste. Damit etablierte sich in Deutschland der Berufsstand der Bücherrevisoren. Doch erst die große Depression mit ihren spektakulären Firmenzusammenbrüchen und der nachfolgenden Bankenkrise machten die Bilanzprüfung bei Aktiengesellschaften in Deutschland zur Pflicht. Mit der Aktienrechtsnovelle 1931 führte der Gesetzgeber erstmals Vorschriften zum Inhalt des Geschäftsberichts, zur Gliederung der Bilanz sowie der Gewinn- und Verlustrechnung ein. Die von nun an jährlich vorgeschriebene Abschlussprüfung durfte nur ein ausreichend erfahrener Bilanzprüfer vornehmen, der Beruf des Wirtschaftsprüfers war geboren. Mit der Wirtschaftsprüferkammer wurde 1960 eine eigene Selbstverwaltungseinrichtung geschaffen. Sie  ist zuständig für Bestellung und Widerruf der Wirtschaftsprüfer und Prüfungsgesellschaften. 

Nach Angaben der Wirtschaftsprüferkammer gab es Anfang 2018 in Deutschland 14.492 Wirtschaftsprüfer, 2.662 vereidigte Buchprüfer und 2.974 Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Die von der Lünendonk & Hossenfelder GmbH jährlich erstellte Rankingliste nach Inlandsumsatz führten auch 2016 die sog. Big 4 an: PwC, Deloitte, EY sowie KPMG (s. Abb.). Mit 1,898 Mrd. Euro verteidigt PwC unangefochten seine Spitzenposition und weist mit einer Umsatzsteigerung um 16,0 % bzw. +262 Mio. Euro das höchste absolute Wachstum für 2016 auf. Rang 2 der Liste belegt mit 1,6 Mrd. Euro (+6,2 %) KPMG, dicht gefolgt von EY mit 1,573 Mrd. Euro (+2,7 %). 2017 lag der Gesamtumsatz der Branche bei 31,5 Mrd. Euro. 

Entsprechend lukrativ ist auch die Bezahlung der Wirtschaftsprüfer. Nach dem Finance-Gehaltsreport 2017 kassiert ein zertifizierter Wirtschaftsprüfer zwischen 93.000 und 150.000 Euro p.a. Ein Partner kommt schon auf ein Jahressalär von 300.000 Euro, bei den großen Gesellschaften liegt es sogar bei bis zu 1 Mio. Euro. Zu der fixen Gehaltskomponente gesellen sich mit der Zeit üppige Bonuszahlungen. Der variable Anteil wächst im Laufe der Karriere schneller als das Fixgehalt. 

Mit den Honoraren steigt jedoch nicht zwangsläufig auch die Qualität der Prüfung. So sind in zahlreiche deutsche Wirtschaftsskandale auch Vertreter der Big 4 verwickelt. Bei einer der größten Firmenpleiten der Nachkriegszeit, der Schlecker-Insolvenz, sitzen auch zwei Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young mit auf der Anklagebank. Firmengründer Anton Schlecker soll 2009 und 2010 falsche Bilanzen aufgestellt haben, die die Lage der angeschlagenen Drogeriekette beschönigten und die von EY testiert wurden, obwohl sie von den Manipulationen gewusst haben sollen. 

Im Nachgang zur Arcandor-Pleite musste die KPMG einen Teil ihres Millionenhonorars an die Insolvenzverwaltung des früheren Karstadt-Mutterkonzerns zurückzahlen. Beide Seiten hätten zum Zeitpunkt der Zahlung im Mai 2009 gewusst, dass die Finanzierung der weiteren Geschäftstätigkeit nicht mehr gesichert gewesen sei, stellten die Richter fest. Mit Schadenersatzforderungen gegen die Wirtschaftsprüfer kam der Insolvenzverwalter jedoch nicht durch, da es nicht zur Pflicht von KPMG gehörte, Arcandor auf die drohende Insolvenzgefahr hinzuweisen. Auch der Insolvenzverwalter der pleite gegangenen P+S-Werften hat die KPMG auf Schadenersatz verklagt. Er macht die Wirtschaftsprüfer für fehlerhafte Gutachten verantwortlich, in denen der damals schon angeschlagenen Werftengruppe noch Sanierungsfähigkeit attestiert wurde. Daher hätten die damaligen Geschäftsführer auf bereits angekündigte Insolvenzanträge verzichtet und die Schiffbaubetriebe in Stralsund und Wolgast bis zur Pleite im August 2012 fortgeführt. Das Land Mecklenburg-Vorpommern hatte sogar noch Bürgschaften und Garantien in Höhe von 271,1 Mio. Euro übernommen und dafür einstehen müssen. Auch für Bürgschaften und Kredite anderer Geldgeber sei die Einschätzung von KPMG zur Sanierungsfähigkeit der Werften entscheidend gewesen. Dabei war die Liquidität der Schiffbaubetriebe von Anfang an nicht gesichert gewesen. Auch das erforderliche Eigenkapital fehlte.

Seit 109 Jahren prüft die KPMG schon bei General Electric (GE) die Bücher und bekam zuletzt dafür noch 143 Mio. Dollar überwiesen. In seiner aktuellen Ausgabe deckt das „manager-magazin“ auf, wie dennoch Investoren über Jahrzehnte hinweg durch „verwirrende Bilanzierung, gedopte Zahlen, Managermärchen wie aus 1001 Nacht“ getäuscht wurden und den stolzen Mischkonzern ruiniert haben. So soll GE z.B. über Jahre hinweg die Milliardenerlöse aus der Modernisierung älterer Gasturbinen als Softwareumsatz verbucht haben. 

Durch kreative Bilanzierungsmethoden kam 2016 auch der Verlag Bastei Lübbe unter die Räder (vgl. ES 44/16). Da für zwei Verkäufe von Unternehmensteilen an der Londoner Blue Sky Tech Ventures nie Geld geflossen war, mussten zwei Jahresabschlüsse neu erstellt werden. Für 2014/2015 schrumpfte dadurch der Gewinn um satte 7 Mio. Euro. Das Geschäftsjahr 2015/2016 beendete Bastei Lübbe statt mit 8 Mio. Euro Überschuss sogar mit 0,3 Mio. Euro Verlust. Und wieder waren es Prüfer von KPMG, die nicht erkannten, dass es sich lediglich um Briefkastenfirmen handelte, die nie Geld an den Verlag überwiesen hatten.

Anleger sollten sich von großen Namen der Wirtschaftsprüfer nicht täuschen lassen, denn sie allein garantieren noch keine soliden Zahlen und eine saubere Bilanz. Entscheidend sind Geschäftsmodell und Management des Unternehmens.