Patchwork-DAX

Einer raus und einer rein – fertig soll der Index sein!


Kurz nach dem 30. Geburtstag des DAX wurde seine Indexfamilie mit MDAX, TecDAX und SDAX völlig neu zusammengewürfelt. Damit sind seit dem 24. September auch Doppellistings von Technologieaktien möglich. Was die neue Patchwork-Familie rund um den DAX für Aktien- und ETF-Anleger bedeutet, hat der ES beleuchtet. 

Rund 100 Jahre nach der Einführung des Dow Jones erfand der Journalist Frank Mella das deutsche Gegenstück, den DAX. Damit wurden die wirtschaftlich stärksten 30 börsennotierten Unternehmen Deutschlands in einem Index vereint. Das Marktbarometer für die Deutsche Wirtschaft wurde als Laufindex konzipiert und somit während der gesamten Börsenzeit der Frankfurter Wertpapierbörse zunächst alle 60 Sekunden, dann alle 15 Sekunden und heute im Sekundentakt neu berechnet. Er ist damit eine geeignete Basis für derivative Finanzinstrumente und Terminkontrakte. Seit Juni 1999 wird der DAX nur noch als Wert der elektronischen Computerbörse Xetra ausgewiesen und steht seit Oktober 2006 auch ausländischen Unternehmen offen, deren operativer Sitz in der Europäischen Union ist oder deren Umsatzschwerpunkt im Handel an der Börse Frankfurt liegt. 

Am 24. September musste das Gründungsmitglied Commerzbank den deutschen Leitindex verlassen und wurde durch den Technologietitel Wirecard ersetzt. Die Anzahl der DAX-Titel blieb unverändert. Anders beim Rest der Familie. MDAX und SDAX wurden im Zuge der Umstellungen sogar deutlich vergrößert. ETF-Anleger sind damit auto-matisch dabei. Der Grundgedanke für die Erweiterung ist simpel:

Technologie ist heute quasi überall. Ob Medien- oder Pharmaunternehmen, Autohersteller oder Zulieferindustrie – im Zeitalter der Digitalisierung steckt Technologie in irgendeiner Form in jeder Firma und in jeder Branche. Eine Unterscheidung von wachstumsstarken Innovations- und Industrietiteln der Old Economy ist daher nicht mehr zeitgemäß. Die Abgrenzung von klassischen Branchen auf der einen und Technologieunternehmen auf der anderen Seite entstand überhaupt erst vor ca. 20 Jahren, als Internetfirmen wie Pilze aus dem Boden schossen und ihre Bewertungen in schwindelerregende Höhen schnellten. Damals wurde der Neue-Markt-Index „Nemax 50“ gegründet. Als der Neue Markt zusammenbrach, fing der TecDAX die verbliebenen Werte auf. Damit gab es seit dem 24.03.2003 in Deutschland einen branchenspezifischen Index ausschließlich für Technologieaktien. 

Seit dem 24. September ist diese Trennung aufgehoben und damit der Neue Markt endgültig Geschichte. Die Deutsche Börse folgt damit den Zeichen der Zeit und trennt in ihren Hauptindizes künftig nicht mehr zwischen Technologieaktien und anderen Aktien. Die TecDAX-Firmen werden auf MDAX und SDAX aufgeteilt. Jetzt können die Technologiewerte des TecDAX auch in den MDAX und SDAX aufgenommen werden, weshalb die beiden Indizes um insgesamt 30 Werte erweitert wurden. Der TecDAX wird damit zu einem Unter-index, denn er enthält künftig nur noch die 30 größten Technologie-titel aus DAX, MDAX und SDAX. 

Im internationalen Vergleich sind solche Doppellistings längst üblich. In den USA beispielsweise sind Unternehmen lange schon gleichzeitig in mehreren Indizes gelistet. So sind Apple, Amazon, Alphabet, Facebook und Microsoft im Technologie-Index Nasdaq Composite. Apple und Microsoft findet man aber auch im Dow Jones sowie im S&P 500. Im letzteren Index gesellen sich auch Facebook, Amazon und Alphabet dazu.

Mit der Neuaufnahme der Technologie-werte werden in der deutschen Indexfamilie der MDAX von 50 auf 60 Werte und der SDAX von 50 auf 70 Werte aufgestockt. Der TecDAX bleibt bestehen, aber nur für Zweitnotierungen. Dort können alle Titel aus anderen Indizes (auch aus dem DAX) vertreten sein. Umgekehrt können alle Technologieaktien dann auch in allen anderen Indizes aufgenommen werden. 

Der MDAX (Mid-Cap-DAX) bleibt auch nach der Neuordnung die Zweite Liga der Deutschen Börse. Er hat am 24. September 10 neue Mitglieder bekommen. Neben dem DAX-Absteiger Commerzbank und dem SDAX-Aufsteiger Alstria-Office REIT sind dies die Technologiewerte Qiagen, Siemens Healthineers, United Internet, Sartorius, Morphosys, Freenet, Siltronic, Evotec, Telefonica Deutschland, 1&1 Drillisch, Software AG und Nemetschek. In den SDAX abgestiegen sind dagegen Jungheinrich, Leoni, Ströer, Ceconomy und Talanx.

Der SDAX (Small-Cap-DAX) wurde sogar um 20 Familienmitglieder auf 70 Titel erweitert. Dabei handelt es sich um Aktien der nach den MDAX-Unternehmen nächstgrößeren börsennotierten deutschen Unternehmen. Neben den o.g. fünf MDAX-Absteigern kommen nun als Tec-Werte hinzu:

Carl Zeiss Meditec, Jenoptik, Cancom, Aix-tron, Dialog Semiconductor, S&T, Compugroup, ISRA Vision, Xing, Pfeiffer Vacuum, RIB Software, Nordex, Drägerwerk, SMA Solar, Befesa, Shop Apotheke, Medigene, aber auch Dr. Hönle und BayWa.

Raus sind Alstria-Office REIT, Grammer, ElringKlinger und Biotest.

MDAX und SDAX werden durch die Beimischung von Technologieaktien mehr Dynamik und internationales Interesse bekommen. Der Technologieindex der Deutschen Börse gewinnt mit SAP, Infineon und Deutsche Telekom gewichtige Neuzugänge. Zusammen mit dem DAX-Aufsteiger Wirecard machen sie künftig gut 40 % des Index aus. Das wird ihn vermutlich weniger schwankungsanfällig machen. Es täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass der TecDAX durch die Umstellung eine deutliche Degradierung erfährt. Er wird nämlich zum reinen Zweit-Index. 

Neben Reputation und Bedeutsamkeit bringen die Änderungen künftig vor allem mehr Bewegung in die Börsenaktivitäten. Denn Großinvestoren wie Fonds oder ETFs (Exchange Traded Funds), die die Indizes exakt nachbilden, müssen durch die Indexumstellung viel mehr Aktien kaufen und verkaufen. Allein in den sechs größten DAX-ETFs stecken in diesem Jahr 16 Mrd. Euro Anlegergeld. Für Privatanleger verschwimmen durch das Doppellisting allerdings die Abgrenzungen zwischen den einzelnen ETFs.

Die Familie der deutschen Börsenindizes wurde komplett verändert. Die Patchwork-Familien von MDAX und SDAX werden gewichtiger, der TecDAX dafür zum Zweit-Index deklassiert. In jedem Fall wird die Umstellung demnächst zu mehr Bewegungen am deutschen Aktienmarkt führen. Fonds und ETFs werden künftig breiter investiert sein, was Privatanleger bei ihrer Anlagestrategie beachten müssen. Auch wird sich die Volatilität der Börsenkurse erhöhen. Also, spannender wird es allemal!