Die Anti-Gesellschaft

Was den Menschen wichtig ist


„Die Menschen wehren sich gegen den Abbau von Braunkohle. Man will aber auch keine Atomkraft, gegen Windkraft gibt es Widerstand und gegen den Ausbau der notwendigen Stromtrassen auch. Es ist inzwischen ganz leicht, eine Mehrheit gegen nahezu alles zu mobilisieren. Deutschland braucht wieder Mehrheiten für etwas“, so FDP-Chef Lindner in einem aktuellen Interview. 

Man mag zu Lindner stehen, wie man will, aber in diesem Punkt hat er sicherlich recht. Es ist immer leicht, gegen etwas zu sein, aber Lösungen zu suchen, ist viel schwieriger. Das demonstrieren die Politiker selbst jeden Tag. In den Oppositionsreihen ist es leicht, ordentlich Krawall zu schlagen, aber sobald man selbst in der Regierung sitzt, wird der Ton leiser und die Reden versöhnlicher. Wem wollte Andrea Nahles nicht alles „in die Fresse hauen“. Kaum sitzt sie ganz oben, spricht sie von Kompromissen. Zeitweise meint man sogar, Angela Merkel heraushören zu können. Und wenn es die Politiker nicht vorleben, wie soll dann der Bürger anders ticken. Also zieht man mit viel Tam Tam los: gegen die Abholzung des Hambacher Forstes, gegen die Aufstellung von Windrädern oder gegen Fremdenfeindlichkeit. So gut und richtig das sein mag, stellt sich doch die Frage,   wofür setzen sich die Menschen hierzulande noch ein. Durch die Abkopplung der Politik von der Basis fühlen sich immer mehr Menschen nicht mehr in die Entscheidungen ihrer Regierung einbezogen. Und so machen sich Politikverdrossenheit und Resignation breit. Das Vertrauen in den Staat schwindet, es entstehen Gegenbewegungen aus dem Volk heraus. Doch statt die eigene Verantwortung dafür zu übernehmen und die Ursachen anzugehen, zeigen die Politiker mit dem Finger auf ihre Wähler und geben ihnen die Schuld für die Verwahrlosung der demokratischen Werte. Damit sind sie es, die eine zunehmende politische Polarisierung zwischen „links“ und „rechts“ in der Gesellschaft fördern, wie die Landtagswahl in Bayern gerade gezeigt hat. 

Worauf wartet man in Berlin eigentlich? Nur wer weiß, wofür er einsteht, weiß auch, wogegen er wirklich kämpfen muss.