Das 4. Quartal

Zwischen Hoffen und Bangen


Nachdem der gefürchtete September an den Aktienmärkten glimpflich überstanden war, kam es zu Beginn des Monats Oktober doch noch zu einem weltweiten Abverkauf. Nun blicken viele Anleger verunsichert auf das so wichtige
4. Quartal. Auch wenn die Rahmenbedingungen alles andere als günstig erscheinen, sollten Anleger jetzt nicht die Nerven verlieren. 

„Droht den Börsen ein Wetterumschwung?“, fragte der ES in Ausgabe 21/18 und verwies auf die ersten Warnsignale: So hatte der weltweit viel beachtete MACD (Moving Average Convergence/Divergence) schon im März ein Verkaufssignal gegeben. Das ist insofern beachtenswert, weil er als Mo-
natsindikator nicht jede kurzfristige Bewegung im DAX mitmacht, sondern den langfristigen Trend anzeigt. Da das Verkaufssignal im Monats-MACD auf einem ähnlich hohen Niveau wie in den Jahren 1997, 1999, 2007, 2011 und 2015 gegeben wurde, in denen jeweils heftige Rückschläge im DAX zwischen –17 % und –73 % folgten (s.S.12 Randnotizen), mahnte der ES bei einem DAX-Stand von 13.082 Punkten zur Vorsicht. Zwar hatte der DAX im Mai die wichtige 200-Tage-Chartmarke zurückgewinnen können, allerdings auf der Unterseite dieser Linie bei 12.503 und 12.011 zwei Gaps (Kurslücken) hinterlassen.

Ausgehend von seinem diesjährigen Höchststand von 13.596 Punkten im Januar hat der deutsche Leitindex bis zu seinem bisherigen Tiefpunkt von 11.191,63 Punkten am 24. Oktober zwar die o.g. Gaps wieder geschlossen, liegt aber mit einem prozentualen Verlust von –17,68 % nur am unteren Rand des genannten Korrekturkanals und auch weit unter dem rechnerischen Mittelwert von –37,77 %. Damit ist langfristig durchaus noch Abwärtspotenzial vorhanden, für 2018 könnte der 15. Oktober jedoch den Tiefpunkt markiert haben, von dem aus nun die Jahresendrally starten könnte. 

Betrachtet man rückblickend den Zeitraum von 30 Jahren, so kann man für den Ausgangspunkt der Jahresendrally in den Monaten September und Oktober stets Tiefpunkte festlegen. Diese Tiefstände im DAX wurden seit dem Jahr 1988 bis einschließlich 2017 kein einziges Mal zum jeweiligen Jahresultimo unterboten. Am Jahresende stand also der DAX durchgängig und somit ohne einen einzigen Ausreißer in 30 Jahren stets höher als zu den Tiefständen der Monate September bzw. Oktober. So markierte der DAX im Jahr 2008 am 24. Oktober mit 4.014 Punkten seinen Tiefpunkt, von dem aus er eine rasante Rally startete, die den Index schon am 4. November zurück auf 5.302 Punkte katapultierte, was einem Zuwachs von
32,1 % entspricht. Zum Jahresultimo lag das Plus immerhin noch bei 19,8 %. Den absolut stärksten Jahresendspurt hat das Aktienjahr 2001 mit +45,8 % hingelegt. Los ging´s am 21. September bei 3.539 DAX-Punkten, das Jahr verabschiedete der deutsche Leitindex bei einem Stand von 5.160 Punkten. 

Insgesamt konnten Anleger in 22 Jahren jeweils zweistellige Kursgewinne in den letzten drei Monaten des Jahres einfahren. Mit dem gefürchteten Oktober beginnt also zugleich die beste Börsensaison des Jahres – das 4. Quartal. Der Rückblick auf die Jahre 1988 bis 2017 bestätigt diese Aussage: 

In den 30 Jahren zwischen 1988 bis einschließlich 2017 beendete der DAX in 27 Jahren das 4. Quartal mit einem Plus (vgl. Abb.). Nur in drei Jahren war seine Performance in diesem wichtigen Schlussquartal negativ: 1991, 2000 und 2008:

Ende der 1980er Jahre durchlebte die Welt eine schwere Asienkrise. Mitten in dieser Situation besetzte der Irak mit Gewalt Kuwait und löste damit 1991 den Golfkrieg aus.

Am 15. September 2000 platzte mit der ersten Firmenpleite von Gigabell am Neuen Markt die große Dotcom-Blase. Die große Show war vorbei, es folgten immer neue Horrormeldungen über Pleiten, Betrug und Manipulation. Immer mehr ehemalige Starunternehmen wie EM.TV, MobilCom, Intershop, ComROAD, Met@box, Phenomedia oder Prodacta gerieten unter Druck. Die Abwärtsspirale an den Aktienmärkten hielt an. Nach der Jahrtausend-Hausse folgte nun der Absturz. 

Mit 2008 begann eines der schwärzesten Jahre der Börsengeschichte. Am 15. September erschütterte die bis dahin unvorstellbare Meldung die Welt, dass die damals viertgrößte Investmentbank der Welt, Lehman Brothers, pleite ist (s. ES 36/18). Dies führte an den Aktienmärkten zu massiven Einbrüchen. Die Jahresbilanz des Dow Jones lag bei –33,8 %, die des DAX bei –40,3 %. Sie markierten den Beginn einer globalen Finanzkrise.

Doch auch die anderen 27 Jahre verliefen an den Börsen nicht geradlinig und ruhig. Der Terroranschlag vom 11. September, die Euro-Krise, der Ukraine-Konflikt oder der Krieg im Nahen Osten sind nur einige Beispiele für die großen Themen der Zeit. Dennoch war das
4. Quartal an den Aktienmärkten, bis auf die genannten drei Ausnahmejahre, stets eine gute saisonale Phase. Auch wenn aktuell schlechte Nachrichten von der Brexit-Front und der Zinsseite drohen, gibt es derzeit keinen Anlass anzunehmen, dass die diesjährige Jahresendrally ausfällt. Auch sind die Kursrückgänge bisher nicht mit einem Anstieg der Volatilität verbunden. Daher ist davon auszugehen, dass vor allem Hedgefonds mit Verkäufen schon einen Teil ihrer Jahresgewinne sichern wollten. Voraussetzung ist allerdings, dass die Unternehmensmeldungen im Laufe der Berichtssaison besser werden. 

Anleger müssen zur Kenntnis nehmen, dass der DAX unter seiner wichtigen 200-Tage-Linie notiert und auch der Monats-MACD nach dem Verkaufssignal noch Platz nach unten hat. Dennoch stehen die Zeichen für eine Jahresendrally statistisch gesehen nicht schlecht. Neue Tiefpunkte machen den Weg nach oben jedoch weiter (siehe auch Seite 12 Randnotizen).