Heißzeit 2018

Ein Rückblick auf das Börsenjahr


Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat „Heißzeit“ zum Wort des Jahres gekürt. Mit diesem Wortspiel wurde der heiße Sommer 2018 thematisiert, der gefühlt von April bis November dauerte. Doch nicht nur die extremen Temperaturen brachten die Anleger ins Schwitzen. Ihnen setzten vor allem auch die extremen Bewegungen an den Aktienmärkten zu, die sich weder an saisonale Regeln noch an Börsenweisheiten hielten. Der Effecten-Spiegel gibt einen Rückblick auf das Börsenjahr 2018.

Alle reden über das Wetter:

Der lang andauernde Sommer hat nicht nur für eine neue Wortschöpfung gesorgt, sondern Hitze und Trockenheit mussten auch an der Börse für so manche Gewinnwarnung herhalten. Mit der Südzucker AG war im September eines der ersten Hitzeopfer zu beklagen. Das operative Ergebnis von Europas größtem Zuckerproduzenten brach wegen der Dürre in den Rübenanbaugebieten von Juni bis August um gut die Hälfte ein. Beim Weinhändler Hawesko versiegte mit den hohen Temperaturen lt. CFO Hackenberger auch der Durst der Kunden auf die schweren deutschen Rotweine. Sie griffen stattdessen lieber zu den leichteren und auch billigeren Weiß- und Roséweinen aus Spanien und Italien. Zum Mittagessen verzichteten die Deutschen sogar oft ganz auf Wein – bei Hawesko brach daraufhin der Umsatz ein. 

Wie im Rausch:

Nachdem immer mehr Länder medizinisches Marihuana auf Rezept freigeben, ist die Branche wie im Rausch. Der Global Cannabis Stock Index legte von Ende Oktober 2017 bis Januar 2018 um 217 % zu, um anschließend um 40 % abzustürzen. Aurora Cannabis will der größte Cannabis-Produzent werden und bietet für den heimischen Konkurrenten Cannimed Therapeutics 1,1 Mrd. CAD. Auch die kanadische Nuuvera erhielt kurz vor ihrem geplanten Zweitlisting in Deutschland ein Übernahmeangebot. Nachdem Luxemburg Mitte des Jahres ebenfalls seinen Widerstand aufgab und den medizinischen Einsatz von Cannabis legalisierte, dürfen auch in Deutschland Rausch-Aktien gehandelt werden. Clearstream veröffentlicht nun Listen mit erlaubten Wertpapieren. Und Tesla-Chef Elon Musk erlaubte sich in einem Interview, vor laufender Kamera einen Joint zu rauchen, woraufhin die Aktie des Elektroautobauers einbrach. 

Hart wie Stahl:

Nach 200 Jahren spaltet sich der deutsche Traditionskonzern ThyssenKrupp auf und rettet sich so in eine zwiespältige Zukunft.

Kursachterbahn:

Nachdem die großen Indizes in den USA, der DAX in Deutschland, der SMI und auch die Märkte in Brasilien und Indien im Jahresverlauf auf neue Allzeithochs kletterten, legten sie z.T. abrupt den Rückwärtsgang ein (s.S. 13). Viele Einzeltitel fuhren oft in noch viel kürzeren Abständen die Kursachterbahn. Die Cancom-Aktie z.B. notierte am 1. Oktober bei 40,08 Euro und rauschte bis zum 11. Oktober auf 31,04 Euro nach unten, was einem Kursverlust von 22,55 % entspricht. Bis zum 17. Oktober holte die Aktie dann 16,43 % auf 36,14 Euro auf, um bis zum 26. Oktober wieder 12,01 % zu verlieren. In den nächsten drei Tagen ging es dann erneut 17,23 % rauf und am Folgetag wieder um 11,70 % runter. In den ersten beiden Novembertagen machte die Aktie des IT-Dienstleister dann wieder 16,71 % gut und notierte am 2. November schließlich bei 38,42 Euro. Am Ende ihrer einmonatigen Kursachterbahn hatte die Cancom-Aktie nur 1,66 Euro an Wert eingebüßt, aber effektiv 33,82 Euro bzw.
96,63 % an Strecke zurückgelegt.

Uninvestierbares kaufen:

Am 17. August warnte Analyst S. Bentlage von Hauck & Aufhäuser Privatanleger, ihr Geld in Tele Columbus zu stecken. Nur eine Woche später nahm er seine Bewertung für die „uninvestierbare“ Aktie mit „Buy“ und einem Kursziel von 5,20 Euro wieder auf. 

Trumps A-Team-Roulette:

Wer von Donald Trump einen Job bekommt, sollte eine gute Arbeitslosenversicherung haben. Denn unter keinem amerikanischen Präsidenten gab es jemals so schnelle und so viele Personalwechsel wie in seiner bisherigen Amtszeit von nicht einmal ganz zwei Jahren. Zum engen Kreis des US-Präsidenten zählen rund 60 Berater und hochrangige Angestellte plus 15 Minister. Am Ende des ersten Amtsjahres hatte rund ein Drittel von ihnen das A-Team schon wieder verlassen und damit etwa so viele Personen wie bei Trumps Vorgängern in vier Jahren
(s. Abb.). Ob Außenminister Tillerson, UNO-Botschafterin Haley, Justizminister Sessions oder nun Innenminister Ryan Zinke – sie alle gehören zu den Verlierern am Roulettetisch. Manche Posten mussten sogar mehrfach neu besetzt werden. Bisher hat Trump drei nationale Sicherheitschefs und drei FBI-Direktoren verschlissen. Nachdem er im Dezember John Kelly feuerte, musste sich Trump nun auch den dritten Stabschef suchen. Seine nationale Sicherheitschefin Mira Ricardel spielte in den sieben Monaten ihrer Amtszeit zwar stets mit hohem Einsatz, war aber als Hardlinerin nicht so schnell aus dem Spiel zu kicken. Allerdings hatte sie die Präsidentengattin am Spiel-feld-rand unterschätzt. Auf der ersten Solotour von Melania Trump im Oktober nach Afrika kam es zwischen den beiden Frauen zum Streit über die Sitzordnung im Flugzeug. Ricardel wurde daraufhin als Chefin für nationale Sicherheit für unwürdig befunden und gefeuert. 

„Raider heißt jetzt Twix“:

Seit dem CDU-Parteitag im Dezember heißt Merkel jetzt Kramp-Karrenbauer. Alle Merkel-Vertrauten bleiben jedoch auf ihren Posten, und auch sonst ändert sich nix. Nu(h)r am Rande: Seit der Grundsteinlegung des bis heute nicht fertiggestellten Berliner Flughafens hat China 60 neue Flughäfen gebaut und sogar auch in Betrieb genommen.

Ob Heißzeit oder Eiszeit – der Effecten-Spiegel wird auch 2019 kurz, prägnant und unabhängig über die Aktienmärkte berichten.