Umkehrschub

Was bringt das Aktienjahr 2019?


Das Börsenjahr 2018 geht als das schlechteste Aktienjahr seit zehn Jahren in die Geschichte ein. Der letzte Monat des Jahres übertrifft diesen Negativrekord noch: Er gilt beim Dow Jones als der schlechteste Dezember seit 1933. Und auch der DAX legte mit -13,8 % das zweitschlechteste Schlussquartal nach 2008 in seiner 31-jährigen Geschichte hin. Doch was rechtfertigt einen schlechteren Börsenverlauf als zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges, von Währungsreformen, des Kalten Krieges, der Ölkrise, dem Platzen der Dotcom-Blase oder der Finanz- und Eurokrise? Gründe gibt es viele, doch plausible Erklärungen keine. Und damit wird ein Ausblick auf das Aktienjahr 2019 noch schwieriger als ohnehin schon. Der ES wagt dennoch eine Prognose.

Was war 2018 für ein verrücktes Aktienjahr! Noch im Januar hatte Donald Trump mit der frisch verabschiedeten Steuerreform im Rücken die Kurse an der Wall Street und in Frankfurt auf neue Allzeithochs getrieben. Doch mit dem ersten Arbeitstag von Jerome Powell als Chef der US-Notenbank Fed am 5. Februar wurde es turbulent. Der Dow Jones verlor 1.175 Punkte – so viel wie nie zuvor an einem Tag. Der „Flashcrash“ ließ auch den DAX in die Knie gehen. Steigende Anleiherenditen, eine zunehmende Inflation in den USA und erste amerikanische Zölle gegen China auf Waschmaschinen und Solarmodule wurden letztlich dafür verantwortlich gemacht. Doch dies sollte erst der Anfang sein. Im März folgten dann Schutzzölle auf Aluminium und Stahl. Im Laufe des Jahres führten die USA neue Zölle auf chinesische Waren im Umfang von 200 Mrd. Dollar ein, was die Hälfte aller Importe aus China betrifft. Peking reagierte prompt mit Vergeltung im Wert von 60 Mrd. Dollar auf US-Importe. 

Von dem permanenten Dauerfeuer aus Drohungen und Gegendrohungen waren neben China vor allem die EU, Kanada und Mexiko betroffen. Deutschland geriet sogar doppelt unter die Räder, weil es in den USA für den chinesischen Markt produziert. Es waren die deutschen Autowerte, die am meisten litten. Mit seinem Rückzug aus dem Atomabkommen mit dem Iran machte Trump dann schließlich auch noch jahrelange internationale Diplomatie der Annäherung mit einem Schlag zunichte. Der Ölpreis rutschte weg. Und wieder waren es deutsche Unternehmen, die zwischen die Fronten gerieten. 

Als wäre dies alles nicht schon schlimm genug, bastelten sich die Europäer zu allem Überfluss noch ihre eigenen Probleme. Die EU-Kommission lehnte zum ersten Mal in ihrer Geschichte überhaupt den Haushaltsentwurf eines Mitgliedslandes ab – und zwar den Staatshaushalt der italienischen Regierung von Ministerpräsident Matteo Salvini. Der Streit spitzte sich schnell zu, daneben lief das Gerangel um den Brexit auf Hochtouren. Unternehmen spielten Worst-Case-Szenarien durch, schoben Produktionsstätten und Mitarbeiter hin und her, schlossen Filialen. Dazu kam das monatelange heiße Wetter, was Industrie und Handel zusetzte. 

Im Herbst dann schienen die Gewinnwarnungen der Unternehmen Ansteckungsgefahr zu entwickeln, und die Märkte wurden zunehmend nervöser. Die Fed zog im Dezember in den USA wie erwartet den Zins auf 2,25 % hoch und musste sich dafür vom amerikanischen Präsidenten beschimpfen lassen. Schließlich zeigten die letzten Börsentage im alten Jahr noch einmal die ganze Unberechenbarkeit des Anlagejahres 2018: 

Am Weihnachtstag sackte der Dow Jones ziemlich überraschend um 653 Punkte ab, um am 26. Dezember dann wieder 1.086 Punkte zu steigen. Und der DAX legte seit dem 19. Dezember täglich einen neuen Zweijahrestiefststand hin. Am Ende blieb vom Jahr ein völlig ausgebombter deutscher Markt und die Unsicherheit, was 2019 noch kommen kann. 

Ob Handelskrieg, Chaos-Brexit oder Haushaltsstreit in der EU – solange die Weltkonjunktur halbwegs auf Touren bleibt, sind alle anderen Themen irgendwie in den Griff zu kriegen. Seit Wochen signalisieren jedoch die Frühindikatoren, dass sich das Wachstum der Eurozone in der Breite abschwächt. Auch der Ölpreis stimmt für die Konjunktur eher pessimistisch. Während die OECD für Deutschland mit einem Plus von 1,9 % rechnet, erwarten heimische Ökonomen eher 1,5 %. Für die USA liegen die Prognosen immerhin noch zwischen 2,8 und 3 %. 

Geringeres Wachstum bedeutet aber nicht automatisch, dass eine Rezession droht. Deutschland hat einen soliden Haushalt vorgelegt und wird mit den erhöhten Ausgaben im Sozialbereich den Konsum weiter ankurbeln. In den USA wird die Konjunktur durch die Steuerreform gestützt. Und auch die Chinesen pumpen schon wieder Geld in ihre Wirtschaft und haben Steuer- sowie Abgabensenkungen angekündigt. Auch wenn der Rückgang also eher nur eine Konjunkturdelle darstellt, ist fraglich, ob die Europäische Zentralbank tatsächlich im Herbst 2019 die Zinswende einleiten wird, zumal die Inflationsrate mit 1 % weit entfernt ist vom EZB-Ziel von knapp unter 2 %. Positive Einlagezinsen für Großbanken waren ohnehin nicht vor 2020 erwartet worden. 

Für Aktienanleger sind dies zunächst einmal gute Nachrichten. So liegen die Gewinnrenditen der börsennotierten Unternehmen der Eurozone bei durchschnittlich 8 %, die Durchschnittsrendite aller europäischen Staatsanleihen aber nur bei rund 0,8 %. Auch in den USA hat die Fed nach ihrer Dezembersitzung bereits angekündigt, weniger forsch bei ihrer Zinsanhebung vorzugehen. Sie hat bereits den Fuß vom Gaspedal genommen und die für 2019 geplanten Zins-anhebungen von drei auf zwei reduziert. Jüngste Äußerungen von Fed-Chef Powell signalisieren zudem die Bereitschaft der Notenbank, bei einer merklichen Abschwächung der wirtschaftlichen Lage jederzeit den Umkehrschub einzulegen und weitere Zinssteigerungen evtl. sogar ganz aufzuschieben. Das entspricht auch der Logik, denn die Notenbank wird einen Teufel tun, das konjunkturelle Pflänzchen zu zertreten, das sie in zehn Jahren mühsam aufgezogen hat. Notfalls wäre sogar die Rückkehr zum Quantitative Easing, also dem erneuten Aufkaufen von Anleihen, denkbar. Unter dem Aspekt der langfristigen Rendite führt an Aktien ohnehin kein Weg vorbei. Die Unternehmen weisen solide Gewinnerwartungen sowie ein interessantes Bewertungsniveau aus. Im S&P 500 liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) basierend auf den Gewinnerwartungen für die kommenden 12 Monate aktuell bei 15,2. Bei den europäischen Aktien liegt das KGV sogar bei nur 12,3. 

 

Das Sicherheitsnetz für Aktienanleger ist immer noch intakt. Gleichzeitig haben sich die Unternehmensbewertungen wieder normalisiert. Nach den Verlusten der letzten Wochen ist ein Umkehrschub an den Aktienmärkten längst überfällig. Viele der anstehenden Probleme sind zudem in den Kursen längst eingepreist. Lediglich die charttechnische Verfassung der weltweiten Aktienindizes mahnt zur Vorsicht. Denn auch hier hat mit den Trendbrüchen zunächst eine Abwärtsbewegung eingesetzt. Anleger müssen daher 2019 kurzfristiger denken und die Schwankungen an den Börsen besser nutzen.