2019 im Chartbild


Nachdem viele europäische Aktienindizes von ihren Hochs inzwischen eine Korrektur um mehr als 20 % absolviert haben, fragen sich viele Anleger, wie tief die Kurse eigentlich noch fallen können. Denn kommt ein Markt erst einmal ins Rutschen, dann laufen fundamentale Argumente ins Leere. Nach der fundamentalen Analyse in der ersten ES-Ausgabe folgt nun der Blick auf die charttechnische Verfassung der Indizes 2019.

Betrachtet man den Stoxx Europe 600, der die Wertentwicklung der 600 größten Unternehmen der europäischen Industrieländer abbildet, dann fällt auf, dass er viermal seit dem Jahr 2000 an der 400 Punkte-Marke abgeprallt ist (siehe Chart 1). Ein solcher mehrfacher Abprall im Index muss als deutliches Warnsignal gewertet werden. Wie im Chartbild ebenfalls zu sehen ist, ergibt sich aus der Höhe der oberen Umkehr stets ein Rückschlagspotenzial auf rund 320 Punkte. Am 27. Dezember 2018 hat der Index bei 329,58 Punkten fast exakt auf diese Unterstützung aufgesetzt und damit ein neues 12-Monatstief erreicht. Auf diesem Niveau beginnt nun ein wichtiger horizontaler Rückzugsbereich aus verschiedenen Hoch- und Tiefpunkten, der bis auf 300 Punkte herunterreicht. Auf diese Marke hat der Stoxx 600 in der Vergangenheit mehrfach aufgesetzt oder ist dort, wie im Jahr 2000, auf dem Weg nach oben ausgebremst worden. 


Auch der deutsche Leitindex DAX hat mit dem Bruch seines seit März 2009 intakten Aufwärtstrends (siehe Chart 2) eine Trendwende eingeleitet. Fast im selben Zug durchbrach er auch von oben seine 200-Tage-Linie und bildete geradezu lehrbuchhaft eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation aus. Nachdem ein Befreiungsschlag bei 11.800 Punkten mehrfach scheiterte und der Index seit dem 19. Dezember bis einschließlich 27. Dezember jeden Tag ein neues Zweijahrestief hinlegte, rückt die Marke von 10.000 Punkten wieder in den Blick. Obwohl der DAX seit seinem Hoch am 23. Januar 2018 bis zu seinem Jahrestief bereits 24,4 % abgeben musste, deutet die aktuelle Charttechnik auf eine weiterführende Abwärtsbewegung hin. Denn ist ein Index mehr als 20 % gefallen, spricht man von einem Bärenmarkt. In einer solchen übergeordneten Korrektur ist die 10.000er Marke nur das Mindestanlaufziel. Die nächsten Zwischenziele liegen dann bei ca. 9.300 bzw. bei rund 8.600 Punkten (siehe Chart unten). Spätestens auf diesem Niveau ergibt sich dann aber eine starke Kumulationsunterstützung. 

Hatte sich 2018 der amerikanische Markt lange Zeit als Fels in der Brandung erwiesen, traten zum Jahresende auch hier erste charttechnische Probleme auf. So zeichnet sich auch beim Dow Jones eine drohende Toppformation ab. Ein Abgleiten unter das 2018er Jahrestief bei 23.344 Punkten würde auch hier die obere Umkehr vervollständigen. Rein rechnerisch ergäbe sich danach ein Abschlagspotenzial von rund 3.600 Punkten, was den Index wieder unter die 20.000 Punkte-Marke führen würde.

 

Der breite Auswahlindex S&P 500 hat inzwischen ebenfalls seinen seit März 2009 laufenden langfristigen Aufwärtstrend nach unten verlassen (s. Chart 3 oberes Chartbild).

Parallel dazu hat der MACD im S&P 500 ein Verkaufssignal generiert – und zwar auf historisch höchstem Niveau (siehe unteres Chartbild). Das ist insofern beachtenswert, weil er als Monatsindikator nicht jede kurzfristige Bewegung mitmacht, sondern den langfristigen Trend anzeigt. Fallen auch die Unterstützungszonen der Jahrestiefs von 2018 (2.533 bzw. 2.529 Punkte), hätte der Index seine obere Umkehr vervollständigt. Dann ergäbe sich rein rechnerisch ein Abschlagspotenzial von rund 340 Punkten, wobei bei 2.200 Punkten eine massive Unterstützung liegt. 

Doch die Technische Analyse bietet nicht nur negative Hinweise. So signalisiert der durchschnittliche Verlauf des „9er-Jahres“– also 1909, 1919, 1929, 1939 ... 2009 – für den Dow Jones kein so schlechtes Gesamtjahr 2019. Zwar legen die 9er Jahre oft einen holprigen Jahresauftakt im Januar und Februar hin, von März bis Anfang September folgt dann aber die beste Periode des Jahres, allerdings ohne eine Jahresendrally. 

2019 ist zudem ein sog. Vorwahljahr im 4-jährigen US-Präsidentschaftszyklus. Vorwahljahre zeichnen sich dagegen eher durch einen dynamischen Jahresstart aus, erreichen aber ebenfalls bis Anfang September ihr Jahreshoch und lassen auch die Jahres-end-rally ausfallen. Fazit: Gute Börsenmonate von März bis September sowie schwache Kurse zum Jahresende sind die Schnittmengen aus beiden Zyklen. 

Und zu guter Letzt: Der DAX hat 2018 auf seinem Weg nach unten insgesamt vier Kurslücken (Gaps) offen gelassen (12.103, 11.457, 11.330, 11.177). Im Folgejahr hat der Index bisher immer die meisten noch offenen Gaps geschlossen, 2015 und 2018 sogar alle. Zudem notieren die MACD-Indikatoren derzeit massiv im überverkauften Bereich und deuten somit auf eine starke (Zwischen)Erholung hin, ebenso wie der ex-
treme Pessimismus der Anleger. Der von der Bank of America Merrill Lynch ermittelte „Bull & Bear“-Index liegt derzeit bei –1,8 und damit so tief wie im Juni 2016. Damals war dies ein Kaufsignal für Aktien, das die Indizes dann bis zu 19 % nach oben zog.

 

Charttechnische Analysen sind hilfreich, um an den Kapitalmärkten Wahrscheinlichkeiten, Trendmuster sowie Unterstützungslinien oder auch Wendepunkte zu erkennen. Allerdings sind diese Muster keine Blaupausen für die Zukunft und können auch nicht eine fundamentale Marktanalyse ersetzen.