Tradition verkauft


Nicht einmal zwei Jahre brauchte es, um das mehr als 125 Jahre alte deutsche Traditionsunternehmen Linde mit seinem Konkurrenten Praxair zu fusionieren und damit die eigene Herkunft aufzugeben. Die neue Linde plc wird nun handelsrechtlich ihren Sitz in Irlands Hauptstadt Dublin haben, steuerrechtlich in der südenglischen Stadt Guildford. Operativ wird sie von Steve Angel aus den USA heraus geführt. Für die deutschen Mitarbeiter ist die Zukunft daher ungewiss. Lediglich Wolfgang Reitzle hat seinen Arbeitsplatz sicher. Er belohnte sich selbst für diesen Deal mit dem Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden. Was der 63-jährige Vorstandschef Angel, der bisher Praxair führte und vorher 22 Jahre bei General Electric war, von deutschen Traditionen hält, machte er direkt bei seinem ersten Auftritt zur Präsentation der Geschäftszahlen für 2018 deutlich. Statt wie bei DAX-Konzernen üblich, zu einer Bilanzpressekonferenz einzuladen, setzte er ausgerechnet am Karnevalsfreitag für 17 Uhr lediglich eine Telefonkonferenz an. Hier erläuterte er dann ausschließlich Analysten und Investoren das Zahlenwerk. Journalisten durften zwar zuhören, jedoch keine Fragen stellen. Das amerikanisch dominierte Management machte damit deutlich, dass man sich keinesfalls der deutschen Aktionärskultur verpflichtet sieht, auch wenn die neue Linde plc mit einem Börsenwert von 84 Mrd. Euro zu den Schwergewichten im DAX zählt und nun in einer Liga mit Siemens und Allianz spielt. Dies stimmt zumindest nachdenklich, denn Linde gehörte einst zu den Gründungsmitgliedern im DAX.