Aktienrausch

Medizinisches Cannabis fürs Depot


Kaum ein Thema, abgesehen von Bitcoin, hat in den vergangenen Jahren für so viel Wirbel am Markt gesorgt wie Cannabis. Zum Teil vierstellige Renditen konnten Anleger zeitweise einfahren. Der Markt boomt! Zeit, sich die vielversprechendsten Cannabis-Titel einmal genauer anzusehen. 

Zwei Jahre nach der Liberalisierung von medizinischem Cannabis in Deutschland ist die Nachfrage so hoch wie nie zuvor. 2018 gaben Apotheken rd. 145.000 Einheiten cannabishaltiger Produkte auf Rezept aus. Das ist knapp dreimal so viel wie im vergleichbaren Zeitraum 2017. Während in Deutschland dennoch auf die „grüne Revolution“ gewartet wird, sind die USA und Kanada schon weit voraus. Bereits seit 2001 ist die medizinische Nutzung von Cannabis in Kanada legal. Seit Oktober 2018 ist sogar der Freizeitkonsum erlaubt. Auch in den USA ist das „Kiffen“ bereits in zehn Bundesstaaten straffrei. In mehr als 30 erhalten etwa Schmerz- oder Krebspatienten Marihuana auf Rezept. Auf europäischem Boden waren die Niederländer Vorreiter. Hier ist die Therapie mit medizinischem Marihuana seit März 2003 erlaubt, es wird seit dem 1. September desselben Jahres legal in Apotheken verkauft. Langfristig gesehen bietet vor allem der US-Markt das größte Wachstumspotenzial. Experten zufolge soll das Volumen bei medizinischem Marihuana von 10–11 Mrd. $ in 2018 auf 24–40 Mrd. $ bis 2021 ansteigen. Kein Wunder also, dass die meisten „Hot Stocks“ der Cannabis-Industrie auf dortigem Boden gewachsen sind. 

Das Branchenschwergewicht ist nach wie vor die kanadische Canopy Growth (CA1380351009) mit einer akt. Marktkapitalisierung von 20,9 Mrd. CAD. Das 2014 gegründete Unternehmen ist einer der führenden Anbieter von medizinischem Cannabis auf dem nordamerikanischen Markt. Neben dem Heim- und Kernmarkt ist das Unternehmen bereits in 11 weiteren Ländern wie z.B. Australien, Spanien, Dänemark oder Deutschland aktiv. Hier sicherten sich die Kanadier jüngst den führenden deutschen Hersteller von Verdampfern, Storz & Bickel, für 145 Mio. €. Zwar stand nach den ersten 9 Monaten 2018/19 investitionsbedingt mit –1,45 $ je Aktie zwar noch ein Verlust in den Büchern, der Umsatz konnte mit gut 132,3 (55,1) Mio. $ jedoch mehr als verdoppelt werden. Zudem verfügt Canopy mit 7,42 (1,24) Mrd. $ per 31. Dezember über ein durchaus komfortables Finanzpolster. Ende 2017 sorgte der Einstieg von Constellation Brands („Corona“) für deutlichen Kursauftrieb. Mitte August 2018 erhöhte der Getränkeriese seinen Anteil auf ganze 38 %. Darüber hinaus sicherte sich Constellation Brands rd. 140 Mio. Warrants mit dem Recht, diese in die entsprechende Anzahl Aktien umzuwandeln. Damit könnte der Anteil sogar zu einer Mehrheitsbeteiligung von über 50 % anwachsen. Gemeinsam wollen die beiden Konzerne u.a. cannabishaltige Biere und Softdrinks entwickeln. Mit der Zusammenarbeit öffnet sich für Canopy Growth ein weiterer Milliardenmarkt. Canopy Growth kann mit einer hervorragenden Marktpositionierung und guten Finanzreserven überzeugen. Hier kann man durchaus einen genaueren Blick wagen. 

Ebenfalls in Kanada beheimatet ist Aurora Cannabis (CA05156X1087). Das Unternehmen deckt die gesamte Wertschöpfung ab: Vom Anbau über die Produktion bis hin zur Kundenbetreuung. Mit einer jährlichen Produktionsleistung von 120.000 kg ist das Unternehmen auf Platz 2 der weltweiten Cannabis-Produzenten. Bis Mitte nächsten Jahres soll die Produktionskapazität auf ganze 500.000 kg anwachsen. Das ambitionierte Wachstumsziel will Aurora vor allem dank einer aggressiven Expansionsstrategie stemmen. In den letzten anderthalb Jahren hat der Cannabis-Hersteller einige Konkurrenten geschluckt, darunter den Anbieter und Produzenten von medizinischem Marihuana, MedReleaf. Insgesamt 3,2 Mrd. CAD in eigenen Aktien bot Aurora Mitte 2018 letztlich für die Übernahme auf. Das war bis dato einer der größten Deals in der Cannabis-Branche. Besonders aktiv ist Aurora auf internationaler Ebene. Das Unternehmen ist bereits Marktführer auf dem europäischen Markt für medizinisches Marihuana. Laut Q2-Bericht sollen bereits gut 6 % der Gesamtumsätze aus Europa stammen. Und die Expansion geht weiter. Erst vor wenigen Tagen hat Aurora Cannabis die Lizenz zum Verkauf seines Cannabisblüten-Vollextrakts Pedanios 5/1 auf dem deutschen Markt erhalten. Das Öl wird u.a. in der Schmerztherapie eingesetzt. Zwar ist auch Aurora Cannabis noch nicht profitabel, Ende 2018 verfügten die Kanadier jedoch über einen durchaus ansehnlichen Cash-Bestand von 88,2 Mio. CAD. Aurora Cannabis „berauscht“ Anleger mit spannenden Zukunftsperspektiven.

Abseits des nordamerikanischen Marktes haben es Rausch-Anbieter derzeit noch schwer, sei es aus politischen oder rechtlichen Gründen. Das britische Biopharmaunternehmen GW Pharmaceuticals (US36197T1034) hat es dennoch geschafft, sich auf dem hartumkämpften Markt zu etablieren. GW Pharmaceuticals ist für sein Multiple-Sklerose-Behandlungsprodukt Nabiximole bekannt. Es war das erste natürliche Cannabis-Pflanzen-Derivat, das in jedem Land die Marktzulassung erhielt. Aber der vielleicht größte Erfolg für die legale Marihuana-Industrie war die Zulassung Epidiolex durch die amerikanische Food and Drug Administration im Juni 2018. Das von GW aus Cannabis abgeleitete Hauptmedikament (Cannabidiol) überzeugte in mehreren Studien, in denen es bei zwei seltenen Arten von Epilepsie im Kindesalter zu einer statistisch bedeutenden Reduzierung der Anfallshäufigkeit im Vergleich zur Ausgangsbasis und zu einem Placebo-Medikament führte. Die Kosten für die Herstellung des Medikaments sind jedoch noch enorm, das Unternehmen daher, ebenso wie die Konkurrenz, noch lange nicht profitabel. Darüber hinaus ist der Aktienkurs bei GW Pharmaceuticals bereits hochgelaufen. Anleger sollten daher einen Rücksetzer abwarten. 

Wer nicht direkt in einen reinen Cannabis-Hersteller investieren will, wirft einen genaueren Blick auf die Aktie von AbbVie (US00287Y1091). Das Biotechnologie- und Pharmaunternehmen wurde 2013 von Abbott Laboratories abgespalten. Abbvie ist auf die Erforschung und Entwicklung innovativer Arzneimittel für einige der komplexesten und schwerwiegendsten Krankheiten der Welt spezialisiert. Mit einer Marktkapitalisierung von 114,4 Mrd. $ ist das Unternehmen bereits ein Branchenschwergewicht. Mit Marinol hat das Unternehmen ein Cannabis-Medikament im Portfolio, das u.a. bei Chemotherapien gegen Übelkeit zum Einsatz kommt. Den Großteil seiner Einnahmen generiert AbbVie mit Krebsmedikamenten – und das mehr als erfolgreich. Im Geschäftsjahr 2018 erzielte das Unternehmen einen Nettogewinn von 5,69 (5,31) Mrd. $. 

Nach der ersten Konsolidierungswelle sind viele der einst hochgelobten Cannabis-Aktien wieder vom Markt verschwunden (vgl. ES 46/14). Die verbliebenen Unternehmen entwickeln sich langsam vom hochspekulativen Investment zu einer interessanten Chance, im Medizinsektor in einen Milliardenmarkt einzusteigen.