Für immer Geld

Mit der Modern Monetary Theory nie pleite gehen


Schulden ohne Ende und nie pleite, weil immer genügend Geld da ist. So oder so ähnlich lässt sich die neue monetäre Politik beschreiben, über die in den USA und nun auch in Europa nachgedacht wird. Das Schlüsselwort heißt Modern Monetary Theory (kurz: MMT, dt: moderne Geldtheorie). 

Seit einiger Zeit geistert die Modern Monetary Theory (MMT) über den Finanzmarkt. Sie kommt natürlich aus den USA und hat nun auch Europa und Deutschland erreicht. Es ist eine geldtheoretische und makroökonomische Denkschule, die mit ca. 25 Jahren eine vergleichsweise junge Theorie ist. Im Zentrum steht die „staatliche Theorie des Geldes“, die Georg Friedrich Knapp vor 100 Jahren entwickelte. Das Neue an Knapps Erkenntnis: Der Wert des Geldes wird vom Staat bestimmt. Bis dahin war die herrschende Meinung, dass es einen „intrinsischen“ Wert des Geldes gäbe, also die Kaufkraft vom Metallgehalt der Münze abhängt. Und Geldscheine hätten nur deshalb einen Wert, weil man sie in Münzen umtauschen könne. „Knapp hingegen betonte, dass der souveräne Staat per Charta (daher: Chartalismus) bestimmt, in welcher Einheit die Steuern eingezogen werden. Geld besitzt also einen Wert, weil der Staat uns zu Steuer- und Abgabenzahlungen in seiner Währung zwingt. Um an die Währung des Staates zu kommen, bieten wir ihm und anderen Arbeitskraft, Güter, Dienstleistungen und Schuldtitel gegen Bezahlung in der staatlichen Währung an“ (Dirk Ehnts in „Modern Monetary Theory“ und Europäische Makroökonomie).  

Mit anderen Worten: Der Staat gibt erst Geld über seine Notenbanken aus, bestreitet damit seine Ausgaben und nimmt das Geld als Steuern dann wieder zurück. Um möglichst hohe Steuern einfordern zu können, ist Vollbeschäftigung das Ziel, was die Wirtschaft ankurbelt. Die Menge des Geldes ist jeweils von der potenziellen Wirtschaftskraft des Landes abhängig. Steuern werden nicht als Finanzierungsinstrument des Staates betrachtet. Sie dienen vielmehr dazu, Inflation zu verhindern, indem der Staat das Geld wieder einsammelt und umverteilt. Auch Staatsanleihen dienen nach der MMT nicht etwa der Finanzierung, sondern dazu, den Zinssatz zu steuern. Denn durch Ausgabe von Anleihen tauscht die Regierung einen Teil des ausgegebenen, zinslosen Geldes gegen verzinste Anleihen. 

Nach diesem Theorieansatz wird also die Wirtschaft eines Staates über das Haushaltsdefizit gesteuert und orientiert sich an Inflation und Vollbeschäftigung. Die MMT konnte sich somit erst durchsetzen, nachdem US-Präsident Richard Nixon 1971 den Dollar vom Goldstandard entkoppelte. Denn erst diese Loslösung machte es möglich, dass die US-Notenbank Fed fast unbegrenzt Geld drucken konnte. Mit der Digitalisierung ist dies noch einfacher. Ein Konto ist schnell erstellt. Die Notenbanken buchen den Banken Geld ein, das sich der Staat wiederum von den Banken leiht. Geld und Schulden werden so zu einem reinen Buchungsmechanismus zwischen Notenbank und Staat. Und wenn irgendwann zu viel Geld im Umlauf ist, kann es der Staat über Steuern einfach wieder aus dem Kreislauf nehmen, ohne dass eine Inflation droht. Denn Steuern entziehen dem privaten Sektor Kaufkraft. Geld, welches an den Staat fließt, kann nicht mehr für Ausgaben von Konsum- und Kapitalgütern verwendet werden. Die Nachfrage sinkt, die Inflationsraten ebenfalls. Die Notenbank stellt dem Staat einfach so viel Geld zur Verfügung, bis er seine wirtschaftlichen Ziele erreicht hat. Dann zieht er es wieder ein. „Wer seine eigene Währung kontrolliert, kann auch immer seine Anleihen bezahlen und geht nie pleite“, erklärte jüngst die ökonomische MMT-Vordenkerin, Stephanie Kelton, Professorin an der Stony-Brook-Universität. Zahlungsunfähig werden demnach  nur Länder, die Schulden in Fremdwährung zahlen müssen, wie z.B.  Argentinien. In der eigenen Währung dagegen sind die nationalen Zentralbanken im Ernstfall in der Lage, die Staatsanleihen des eigenen Landes unbegrenzt aufzukaufen, indem sie den Verkäufern Einlagen auf deren Konten bei der Zentralbank gutschreiben. Da diese Einlagen kein Bargeld sondern selbst erzeugte Buchungsvorgänge der Notenbank sind, kann ihr das Geld niemals ausgehen. Ein Ausfallrisiko existiert folglich nicht. Damit gehen auch in Krisenzeiten die Zinsen nicht hoch, sondern tendenziell eher runter.

Japan ist ein Beispiel für diese gewagte These: Die Bank of Japan kauft schon seit Jahren Aktien und Anleihen. Die Staatsverschuldung liegt bei fast 250 % des BIP. Trotzdem ist das Land nicht pleite, weil es mit selbstgedrucktem Geld bezahlt und gleichzeitig die Wirtschaft durch höhere Staatsausgaben stabilisiert. Die Verzinsung der zehnjährigen Staatsanleihen liegt bei Null, die Arbeitslosigkeit bei 2,8 %. Zinsen und Inflation sind ebenfalls bisher relativ niedrig geblieben. 

Auch in den USA scheint man die MMT längst zu praktizieren, auch wenn sich der Kongress noch nicht explizit dazu geäußert hat. Doch mit seiner Steuerreform  hat US- Präsident Trump die Schulden bereits auf den Rekordstand von 22 Bill. Dollar getrieben. Jedes Jahr wird eine weitere Billion dazu kommen, am Ende seiner ersten Amtszeit werden die US-Schulden bei gut 26 Bill. Dollar liegen. Obligationen, Staatsanleihen und sonstige Finanzpapiere in alter Dollarwährung, die z.B. der Finanzierung des Unabhängigkeitskrieges dienten, werden dabei nicht einmal mehr mit berücksichtigt, sie sind quasi verjährt (vgl. ES 30/11). 

Doch damit das Prinzip funktioniert, braucht der Staat eine einheitliche und unabhängige Währung. Damit wird in der Rückschau bestätigt, was der ES schon in Ausgabe 39/1997 schrieb. Der Euro war politisch gewollt, und die Verschuldung der Euro-Länder war politisch gewollt. Denn wie anders hätte man sonst die unterschiedlichen Wirtschaftssysteme angleichen wollen als über die Verschuldung und die anschließende Geldschwenmme. Zwar wurden mit der Euro-Einführung auch die grenzüberschreitenden Geldüberweisungen der nationalen Notenbanken mittels TARGET-System (Trans-European Automated Real- Time Gross Settlement Express Transfer System) miteinander verzahnt (vgl. ES 5/18). Weil dabei aber kein Bargeld fließt, bauen sich Salden aus Forderungen der EZB  und Verbindlichkeiten der einzelnen nationalen Notenbanken auf, die tatsächlich nie gegeneinander ausgeglichen werden. Die EZB fungiert dabei als zentrale Verrechnungsstelle für 19 Länder, die zwar alle eine einheitliche Währung haben, aber alle eine unterschiedliche Finanzpolitik betreiben. „Zu unterschiedlich entwickeln sich die europäischen Volkswirtschaften, als daß sie z.Z. ein gemeinsames Währungsdach aushalten könnten“, warnte schon ES-Gründer Bolko Hoffmann 1999. 

Der MMT-Ansatz, dass der Staat souverän ist, weil er sich in seiner eigenen Währung unbegrenzt finanzieren kann, ist schon längst keine Theorie mehr, sondern eine Beschreibung der heutigen Realität. Der positive Effekt für die Anleger ist, dass dadurch auch künftig für ausreichend Liquidität an den Märkten gesorgt ist, was die Aktienkurse auf hohem Niveau halten wird.