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Streaming erobert die Spielewelt


Mit Streaming-Angeboten in der Musik- und Filmbranche sind einstige Nischenplayer wie Spotify oder Netflix zu Giganten der Branche geworden. Nun steigt die bereits milliardenschwere Gaming-Community mit eigenen Angeboten in den Streaming-Ring. 

Beim Streamen können Internetnutzer Musik hören oder Filme ansehen, ohne die Daten auf den eigenen Rechner holen zu müssen. Durch die kontinuierliche Datenübertragung werden Bild und Ton in Echtzeit übertragen – ein Vorteil, den sich jetzt auch die Spielewelt zunutze macht. Auf der weltgrößten Messe für Spieleentwickler, der Game Developers Conference in San Francisco, präsentierten die Big Player der Branche Ende März die Zukunft des Gaming-Marktes.

Allen voran haben Google und Mutterkonzern Alphabet (US02079K3059) mit der Ankündigung ihres Streaming-Dienstes Stadia ein Beben in der Branche ausgelöst. Stadia ist im Prinzip eine Streaming-Plattform für Computerspiele, und zwar mit Echtzeitanbindung an Youtube. Das gewünschte Spiel läuft dabei nicht auf dem Gerät selbst, sondern auf leistungsstarken Servern in einem Rechenzentrum von Google. Die Steuereingaben des Spielers werden über das Internet übertragen. Eine teure Spielkonsole oder eine TV-Box werden dafür nicht mehr benötigt. Die so gestreamten Spiele können auf diversen Plattformen abgerufen werden: von Desktop-PC oder Laptop, über Fernseher bis hin zum Smartphone. Darüber hinaus können Geräte problemlos gewechselt werden. Hat man also zuletzt am TV „gezockt“, kann man über sein Smartphone einfach genau an der Stelle weitermachen, wo man zuvor aufgehört hat. Auch Multiplayer-Games zwischen Nutzern verschiedener Geräte sollen so möglich sein. Und das alles in grafischer Top-Qualität. Starten soll Stadia noch im Laufe diesen Jahres, vorrangig in den USA, aber auch in großen Teilen Europas. Details zum Spieleangebot oder den Kosten nannte Google allerdings bislang nicht. Passend zum neuen Angebot präsentierte Google ein eigenes Gamepad (Stadia Controller), das u.a. einen Button enthält, der eine Übertragung des Onlinegames direkt auf Youtube aktiviert. Google spielt im Gaming-Segment seit Langem eine wichtige Rolle und wird mit Stadia weitere Marktanteile gewinnen. Zwar ist ein Einstieg bei Alphabet bei einem akt. Kurs von gut 1.208 $ recht kostspielig. Spekulative Anleger können sich jedoch über Optionsscheine ein Stück vom Alphabet-Kuchen sichern (s. ES 13/19). 

Bereits im Juni vergangenen Jahres deutete Branchenriese Microsoft (US5949181045) erstmals an, dass die Zukunft im Gaming-Bereich dem Streaming gehört. Nun wird das Unternehmen konkreter. Microsoft arbeitet unter dem Namen Project Xcloud daran, dass Spieler die Windows- und Xbox-Games künftig, ähnlich wie bei Google, geräteunabhängig verwenden können, also auch auf Smartphone und Tablet. Bei ersten Versuchen wurden interaktive Streamings im 4G-Netz ermöglicht. Allerdings setzt auch Microsoft auf den flächendeckenden Ausbau des 5G-Netzwerks. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass erste öffentliche Tests für Xcloud zwar bereits für dieses Jahr angekündigt wurden, das Gesamtkonzept aber über mehrere Jahre angesetzt wurde. 

Die Steuerung wird auf Smartphones und Tablets mit einem neuartigen Touch-Verfahren sowie mit Controllern möglich sein, die per Bluetooth an die Geräte gekoppelt sind. Auch hier sollen die Steuereingaben über Microsofts Rechenzentren laufen. Eine weitere Besonderheit ist bei Microsoft, dass der Hersteller in seinen Rechenzentren speziell für Project Xcloud eigenständige Server, sogenannte Blades, einsetzen will. Sie werden jeweils die Arbeit von mehreren Xbox-Konsolen erledigen. Damit sollen nicht nur die rund 3.000 Spiele, die es aktuell für die Xbox One-Konsole gibt, als Stream spielbar sein, sondern auch alle künftigen Games. Microsoft hat in diesem Jahr bereits eine fulminante Kursrally hingelegt. Wer auf ein weiteres Wachstums-Level setzt, kann jedoch noch mitspielen. 

Der Onlinekoloss Amazon (US0231351067) will zukünftig ebenfalls eine dominierende Rolle im profitablen Gaming-Markt übernehmen. Und Amazon bringt beste Voraussetzungen mit, denn der Cloud-Marktanteil ist größer als der von Google und Microsoft zusammen. Alleine in den USA hat der Konzern mehr als 100 Mio. Mitglieder bei seinem Abodienst Prime. Darüber hinaus bietet das Unternehmen über seinen Fire TV-Stick bzw. die Fire TV-Box bereits Online-Spiele an. Das passende Gaming-Zubehör kann dann über den Online-Store direkt gekauft werden. Das stärkste Produkt, mit dem Amazon aktuell im Gaming-Segment aktiv ist, ist der Streaming-Dienst Twitch. Über das Videoportal können Gamer sowohl eigene Spiele hochladen als auch anderen bei ihren „Missionen“ zusehen. Vor allem die jüngeren Spieler holen sich über solche Tutorials Tipps und Anleitungen, wie man am schnellsten durch das jeweilige Online-Game gelangt. 

Mit „Game Tech“ will sich der Konzern darüber hinaus als Dienstleister für Spieleentwickler positionieren. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Software Development-Angeboten, Analyse-Tools sowie Back-end-Diensten in der Cloud, mit denen sich die Hosting- und Abrechnungs-Infrastruktur hinter Spielen aufbauen lässt. Amazon bringt alles mit, um diesen Markt aufzurollen. Einzig die eigenen Spiele fehlen noch. Das Unternehmen ist jedoch bei Weitem kein Schnäppchen mehr. 

Der chinesische Verleger und gleichzeitig die weltweite Nr. 1 in der Spiele-Branche Tencent (ADR: US88032Q1094) bringt unter der Bezeichnung „Start“ ebenfalls einen Streaming-Service für Spiele auf den Markt. Einem Medienbericht zufolge soll hier sogar in Kürze eine öffentlichen Testphase in China starten. Über die offizielle Webseite können sich Spieler demzufolge schon jetzt für die Teilnahme registrieren. Gerüchten zufolge soll der Service sowohl für Windows, Mac, iOS sowie Android verfügbar sein. Das Unternehmen selbst wirbt damit, dass Spieler auf allen Plattformen zocken können. Weitere Details sind aktuell nicht bekannt. Erst im März hatte Tencent angekündigt, gemeinsam mit Intel an einem Cloud-Gaming-Dienst namens „Instant Play“ zu arbeiten. Auch hier wurde weder ein Starttermin noch eine Verfügbarkeit außerhalb des asiatischen Marktes bekannt gegeben. 

Seit 2017 können Gamer bei Sony (JP3435000009) über die Playstation Now App (PS Now) bereits Spiele entweder auf ihre Playstation oder einen Windows PC streamen. Über ein Abo-Modell haben die Kunden die Möglichkeit, auf aktuelle Angebote zuzugreifen. Anstatt ein Spiel für rd. 70 € zu kaufen, zahlt man (ähnlich wie beim Videostreaming-Giganten Netflix) eine monatliche oder jährliche Gebühr von 14,99 € bzw. 99,99 € und kann aktuell auf gut 400 Onlinespiele zugreifen. Allerdings gibt es hier einige Einschränkungen, denn die entsprechende Hardware (Playstation oder PC) muss hier noch vorhanden sein, um die Dienste zu nutzen. Laut Daten von Super Data Research dominiert das Unternehmen den US-Abo-Markt im Spielebereich. Kleinere Anbieter außen vor gelassen, hat Sony derzeit einen Marktanteil von 52 %. Zwar ist Sony im Streaming-Sektor gut aufgestellt, doch die Konkurrenz schläft nicht. 

Derzeit in der Testphase befindet sich die cloudbasierte Streamingplattform GeForce Now des Chipspezialisten Nvidia (US67066G1040). Durch die neue Hardware-Struktur und den damit verbundenen Ausbau der Cloud-Computing-Kapazitäten soll es möglich sein, in Zukunft mit GeForce Now AR (Augmented Reality)- und VR (Virtual Reality)-Inhalte zu streamen (s. ES 27/18).Die neuen Server sollen die Spiele und Apps unabhängig vom genutzten Endgerät auf hohem Niveau zur Verfügung stellen. Somit könnten auch leistungsschwächere Rechner PC-VR-Brillen verwenden. In Zusammenarbeit mit AT&T und Ericsson wird derzeit die Nvidia CloudVR-Software weiter entwickelt. Dabei setzt das Unternehmen auf den neuen 5G-Standard, der vor allem eine stabile Internetverbindung gewährleisten soll. Wann die neue Streaming-Technologie offiziell verfügbar wird, ist derzeit jedoch noch unklar. Nvidia hatte zuletzt mit einem Rückgang bei seinen Computerchips zu kämpfen. Das liegt auch an den Wartezeiten für neue Konsolen. Mit GeForce könnten sich für den Konzern neue Wachstumschancen ergeben. 

Mit 34,3 Mio. „Zockern“ alleine in Deutschland bietet die Gaming-Branche einiges an Potenzial. Mitspielen!