Börsenhalbzeit

Was erwartet Anleger in der zweiten Hälfte des Jahres?


Nach dem schwierigen Börsenjahr 2018 konnten Anleger im 1. Halbjahr dieses Jahres durchatmen und sich an der Wertaufholung in ihren Depots freuen. Inzwischen hat die zweite Halbzeit des Jahres begonnen, doch die Signale sind widersprüchlich. Der ES hat daher die Marktlage unter die Lupe genommen, um herauszufinden, ob eine erneute Trendwende ansteht.

Mit einem Plus von über 17 % hat der DAX zwar ein sehr erfolgreiches erstes Halbjahr hingelegt, die Verluste des Jahres 2018 konnte er jedoch noch nicht ganz ausbügeln. Nun richtet sich der Blick auf die zweite Halbzeit, denn abgerechnet wird bekanntlich zum Schluss. Beruhigend ist, dass bisher die globale Konjunktur immer noch intakt ist. Die Arbeitslosigkeit in den USA, Deutschland, Japan und Großbritannien liegt auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten oder nähert sich diesem zumindest an. Die Inflation als Vorbote des wirtschaftlichen Abschwungs ist auffällig niedrig. Doch das Wirtschaftswachstum zeigt zunehmend Ermüdungserscheinungen und wird zusätzlich durch mehrere politische Konflikte bedroht. Dies allein schon rechtfertigt das erneute Eingreifen der Notenbanken. Denn auf ihnen lastet der Druck, die Konjunktur am Laufen zu halten. 

US-Fed-Chef Jerome Powell hat kürzlich eine erneute Zinssenkung angedeutet. Es wäre die erste Zinssenkung seit zehn Jahren. Wenn die Renditen auf Anleihen sinken, dürften Aktien vergleichsweise attraktiver werden. Anders als in Amerika ist der Werkzeugkoffer der Europäischen Zentralbank jedoch ziemlich leer. Sie hat daher zugesagt, die Zinsen mindestens über das erste Halbjahr 2020 hinweg auf dem derzeitigen Niveau zu halten. Eine weitere Zinssenkung wäre ebenfalls drin.

Da es den großen Zentralbanken in dem langen wirtschaftlichen Wachstumszyklus nicht gelungen ist, die Zinsen auf ein Normalniveau zu führen, sind die Märkte trotzdem anfälliger geworden für Turbulenzen. Und für Anleger ist es schwieriger geworden, ihr Vermögen vor solchen Turbulenzen zu schützen und eine angemessene Rendite zu erwirtschaften. Die Technische Analyse bietet daher methodisch einen guten Ansatz, um die grundsätzliche Marktverfassung zu erkennen und Risiken frühzeitig auszumachen. Die Advance-Decline-
(Anstiegs-Abstiegs-)Linie ist dabei einer der ältesten Indikatoren überhaupt. Er zeigt die Marktbreite auf und berechnet sich, indem die Anzahl der gefallenen Aktien im Index von den der Zahl der gestiegenen Aktien abgezogen wird. Somit zeigt die Advance-Decline-(AD-)Linie auf, in welche Richtung sich die Masse der Aktien bewegt und ob sich z.B. ein Trendwechsel abzeichnet. 

Berechnet man für alle an der NYSE notierten Aktien den Saldo aus gestiegenen und gefallenen Aktien, dann liegt unverändert ein stabiler Aufwärtstrend vor. Beim Saldo aller NASDAQ-Titel zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Das neue Allzeithoch des lfd. Jahres wurde nicht von der Marktbreite bestätigt, sondern nur von wenigen Einzeltiteln getragen. Dies ist ein typisches Muster in der Spätphase einer Hausse. Nur noch wenige hochkapitalisierte Titel treiben den Index auf neue Rekordstände, während sich unter der Oberfläche bei der Mehrzahl der Papiere bereits ein Kursabbruch abzeichnet. Damit liefert die Advance-Decline-Linie derzeit zumindest ein Warnsignal. 

Eine der Kernthesen der Technischen Analyse besagt, dass sich die Indizes gegenseitig bestätigen müssen. Gemeint ist damit in erster Linie der Gleichlauf von Dow Jones Industrial Average und Dow Jones Transportation (vgl. ES 27/19). Dahinter steckt eine einfache Weisheit: Wenn die Wirtschaft läuft, werden mehr Waren produziert, die transportiert werden müssen. Auch wenn im Zeitalter der digitalen Warenströme die Gleichung nicht mehr ganz aufgeht, sollten die beiden Indizes immer noch die gleiche Richtung anzeigen. Während aktuell der Dow mehrere nahezu identische Hochs bei 27.300 Punkten generierte, zeigt der Transportation schon erste Schwächen. Er notiert aktuell ca. 1.200 Punkte unterhalb seines bisherigen Rekordstandes aus 2018, das bei 11.624 liegt. Damit muss der Index als Belastungsfaktor für die weitere Entwicklung des Dow Jones interpretiert werden.

Auch der S&P 500 konnte seit 2018 immer neue Rekordstände erklimmen und hat vor wenigen Tagen sogar die Marke von 3.000 Punkten geknackt. Aber danach blieben immer öfter die wichtigen Anschlusskäufe für eine trendfolgende Bestätigung aus. Dies könnte ein Hinweis auf die nun kommenden saisonal schwierigen Monate August und September sein, die oft mit starken Kursrückgängen einhergehen (vgl. ES 33/16). Daher sollte man zusätzlich den Value Line Arithmetic Index in die Analyse einbeziehen. Bei diesem Index handelt es sich um ein breites US-Aktienbarometer mit mehr als 1.600 Titeln. Das Besondere an diesem Aktienindex: Die Papiere werden hier gleichgewichtet, wodurch der Einfluss der Indexschwergewichte nivelliert wird. Im Fall des S&P 500 blieb der gleichgewichtete Index deutlich unter seinem Rekordstand vom Herbst 2018. Dies bedeutet, dass nicht mehr alle Titel an der Rally des Jahres 2019 teilnehmen. 

Der Grad an Selektivität nimmt aber auch im deutschen Leitindex deutlich zu. So wiesen zwar 24 der 30 deutschen Blue Chips zum 30. Juni ein Kursplus aus, was auf den ersten Blick eine solide Marktbreite anzeigt. Aufgrund ihrer Gewichtung schob jedoch alleine die SAP-Aktie den DAX in der ersten Halbzeit um ganze 420 Punkte nach oben, die Titel von Linde um 263 Punkte. Der Index steuerte so in den letzten drei Monaten mehrfach die 12.400 Punkte an, wo ein neues Kaufsignal generiert wurde. Allerdings blieb die Bestätigung des Kaufsignals durch den DAX-Kursindex (ohne Dividenden) aus, der unterhalb von 5.600 Punkten sogar einem „bearishen“ Verlauf nehmen würde. Damit besteht die Gefahr, dass sich die Erholungsbewegung der deutschen Standardwerte seit Anfang Januar als Pullback bis an den alten Basisaufwärtstrend entpuppen könnte. Daher sollten Anleger unbedingt die 200-Tage-Linie im Auge behalten, die aktuell bei ca. 11.600 Punkten liegt. Beim Stoxx Europe 600 ist die Marke von 400 Punkten zu beachten. Denn seit nunmehr 20 Jahren läuft sich der Index immer wieder an dieser Hürde fest und scheitert dort regelmäßig. Wann immer es dem Stoxx Europe 600 gelingt, diesen Deckel zu sprengen, entsteht für Europas Aktien ein neues und sehr starkes prozyklisches Kaufsignal. Dann würde sich auch die Schere zu den amerikanischen Werten schließen. 

Insgesamt zeigt sich also zur Börsenhalbzeit eine sehr zerrissene Marktsituation, aber mit ersten deutlichen Warnsignalen. Dazu zählt auch, dass Gold nach fast sechs Jahren charttechnisch nicht nur einen tragfähigen Boden ausbildete, sondern nach oben ein ganzes Widerstandsbündel durchbrochen und damit ein Kaufsignal generiert hat. 

Die bevorstehenden Monate August und September sind wegen ihrer traditionell negativen Performance für Anleger herausfordernd, zumal sich die Warnsignale für zurückgehende Kurse mehren. Es könnte durchaus sein, dass der DAX in den Sommermonaten noch einmal seine 200-Tage-Linie antestet. Von dort könnte er dann aber ebenso eine stramme Jahresendrally starten, die ihn bis an das alte Rekordhoch von über 13.000 Punkten führt.