Chapter 11

Was deutsche Anleger bei einer US-Pleite erwartet


Wenn US-Unternehmen die Pleite droht, können sie einen Insolvenzantrag nach Chapter 11 (Kapitel 11) stellen. Damit wird dem Schuldner ein zeitlich befristeter Schutz vor seinen Gläubigern gewährt, um sich zu reorganisieren. Im Klartext bedeutet dies, dass die Gläubiger auf ihren Forderungen sitzenbleiben und sie meist abschreiben können. Das trifft vor allem auf Aktienbesitzer zu. Die Firma selbst kann aber ihre Geschäfte fortführen. Gibt es ein anständiges Sanierungskonzept, dürfen sogar wieder neue Schulden aufgenommen werden. Bei einem erneuten Pleitefall wären die neuen Gläubiger dann vorrangig zu bedienen.
Während bei börsennotierten Unternehmen die alten Aktien im Insolvenzfall wertlos werden, kann die Firma nach der Sanierung durchaus an den Markt zurückkehren und neue Aktien ausgeben. Die alten Anleihebesitzer oder Gläubiger können die neuen Aktien des reorganisierten Unternehmens dann als Entschädigung für ihre Forderungen erhalten. Die Altaktionäre werden dabei allerdings zuletzt bedient. In der Praxis bedeutet dies, dass sie meist leer ausgehen und einen Totalverlust hinnehmen müssen. Ein geradezu historisches Beispiel war der Konkurs des US-Telekommunikationskonzerns Worldcom aus Virginia, der am 21. Juli 2002 Zahlungsunfähigkeit anmeldete. Das Unternehmen hatte 30 Mrd. Dollar Schulden angehäuft und durch Falschbuchungen 3,8 Mrd. Dollar Gewinne ausgewiesen, die es nie gab. Worldcom stellte daraufhin vor einem New Yorker Gericht Insolvenzantrag nach Chapter 11 und bekam die Schonfrist gewährt, obwohl das Management betrogen hatte. Um einen Neuanfang zu ermöglichen, wurde der Name in MCI geändert. Nach Beendigung des Insolvenzverfahrens 2004 hatte die Firma noch 6 Mrd. Dollar in bar und fast ebenso viele Schulden. Die Aktien waren wertlos, ihre Besitzer hatten alles verloren. Inzwischen hat Verizon die Firma aufgekauft.
Die bislang größte Pleite legte General Motors mit einem Vermögen von 82,3 Mrd. Dollar und 200.000 Beschäftigten hin. Die Regierung setzte eine nur sechswöchige Blitzinsolvenz durch, nach deren Ende sie selbst die Mehrheit der Aktien von „New GM“ übernahm. Auch zahlreiche große und heute erfolgreiche US-Fluggesellschaften durchlebten im Laufe ihrer Geschichte schon mal eine Insolvenz mit Gläubigerschutz, wie z.B. United Airlines und Delta Airlines. Der Ölkonzern Texaco, der Nähmaschinenhersteller Singer und selbst Chrysler wurden nach einer Verfahrensdauer von nur wenigen Wochen wieder saniert. Ein maroder Stahlkonzern machte gleich zwei Chapter-11-Phasen durch und kaufte anschließend einen seiner einst mächtigsten Konkurrenten. Das kanadische Unternehmen Nortel Networks meldete im Januar 2009 Chapter 11 an, da es Kreditlinien nicht mehr bedienen konnte. Während der Betrieb bis heute aufrecht erhalten wird, sind die Aktien längst wertlos geworden, obwohl sie auch bei vielen deutschen Aktionären noch im Depot geführt werden.
In europäischen Ländern wie Frankreich und Deutschland haben die Regierungen zwar ihr Insolvenzrecht dem amerikanischen Vorbild angenähert und den Sanierungsbemühungen ein stärkeres Gewicht eingeräumt, aber die Gläubiger können nicht so einfach abserviert werden wie in den USA. Daher melden in Deutschland die Unternehmen meist erst später Insolvenz an, oft sogar erst, wenn es zu spät ist und eine Restrukturierung nicht mehr greift. Dann sind die Aktien allerdings auch futsch. Es lässt sich daher streiten, welches Konzept das bessere ist. Wenn Unternehmen durch Missmanagement oder gar durch Betrug und Bilanzfälschungen in die Pleite schlittern, dann ist der Schutz durch Chapter 11 durchaus fragwürdig. Denn während die Gläubiger unverschuldet auf der Strecke bleiben, wird die Gesellschaft durch staatlich gestützte Sanierungen erhalten und bekommt sogar Wettbewerbsvorteile. Die Schuldner müssen ihre Gläubiger nicht mehr fürchten, können ihre Preise senken und der Konkurrenz Kunden abjagen und sich neu aufstellen, ja sogar wieder an die Börse gehen.