Jetzt Geld umschichten!

131 Banken und Sparkassen erheben Strafzinsen


Noch vor 10 Jahren konnten Sparer ihr Kapital dadurch vermehren, indem sie es einfach aufs Bankkonto legten. Seit  Juni 2014 änderte sich die Sparerwelt gewaltig – der Einlagenzinssatz rutschte erstmals in den negativen Bereich. Diesen Strafzins reichen inzwischen 131 Banken und Sparkassen an ihre Kunden weiter.
Die privaten Haushalte in Deutschland horten weiterhin Bargeld. Per Ende Juni saßen sie auf toten Bankeinlagen in der Rekordhöhe von 2.519,8 Mrd. Euro. Allein im 2. Quartal kamen 43 Mrd. Euro dazu, obwohl zeitgleich auch die Zahl der Banken und Sparkassen zugenommen hat, die für diese Einlagen einen Strafzins von ihren Kunden einfordern. Damit sind die Deutschen die absoluten Vermögensverlierer im internationalen Vergleich. Dennoch scheint hierzulande immer noch zu gelten: „Nur Bares ist Wahres“. Schließlich wurde über Generationen hinweg das klassische Sparen als Tugend angesehen und war ja quasi auch ein Selbstläufer. Legte man das Geld aufs Sparbuch, bekam man darauf Zinsen. Nach Angaben der Deutschen Bundesbank wurden diese 1980 bei den Banken mit durchschnittlich 4,6 % verzinst. Wer damals sein Geld einfach auf dem Sparbuch ließ und auch die Zinsen, vermehrte sein Vermögen allein durch den Zinseffekt. Denn über die Jahre wurden so nicht nur die Kapitaleinlagen selbst verzinst, sondern auch die Zinsen. Selbst im Jahr 2008, also kurz vor Ausbruch der Finanzkrise, lag der durchschnittliche Zinssatz noch bei 2,5 %.
Das Jahr 2014 war jedoch ein Wendepunkt in der Sparerwelt. Seitdem müssen Banken auf Geld, das sie bei der Europäischen Zentralbank (EZB) hinterlegen, Geld bezahlen. Das waren zunächst 0,1 %, seit März 2016 dann schon 0,4 %. Denn durch die Finanzkrise misstrauten sich die Banken untereinander und verliehen kein Geld mehr, was die Situation verschärfte. Daher wollte die EZB die Institute zwingen, das Kapital als Kredite in den Markt zu pumpen. Seitdem hält die andauernde Niedrigzinspolitik die Staaten über Wasser, lässt Sparer und Anleger jedoch havarieren. Je niedriger der Zinssatz, desto schneller verliert das Ersparte an Wert (vgl. ES 38/18). Seit dem 18. September liegt der negative Einlagenzins der Banken nun bei 0,5 %. Dadurch steigt noch einmal das Risiko für die Banken: Sie haben langfristige Kredite zu niedrigeren Zinsen vergeben, die sie wieder höher refinanzieren müssen. Deshalb reichen Banken und Sparkassen die Negativzinsen, die sie selbst bezahlen müssen, an ihre Kunden weiter. Und damit es wie eine besondere Dienstleistung aussieht, die vergütet werden müsste, haben sie sich dafür die Bezeichnung „Verwahrentgelt“ ausgedacht. Zuerst waren davon Sparkonten von über 500.000 Euro betroffen. Doch diese Grenze wird inzwischen immer mehr aufgeweicht. Bei der Volksbank Ettlingen müssen Privatkunden jetzt schon ab 250.000 Euro Strafzinsen zahlen, vorher lag die Schwelle bei 1 Mio. Euro. Bei der Sparda-Bank Berlin zahlt man bereits ab 100.000 Euro drauf. Die größte deutsche Sparkasse, die Hamburger Sparkasse (Haspa), will Negativzinsen zwar im breiten Privatkundengeschäft nach wie vor vermeiden und die Freibeträge nicht weiter absenken, hält sich jedoch alle Türen dafür offen.
Eine aktuelle Untersuchung des Verbraucherportals www.biallo.de unter 1.200 Banken und Sparkassen zeigt, dass mittlerweile 131 Institute hohe Einlagen ihrer Kunden mit Strafzinsen belegen. Dabei werden vor allem die Geschäftskunden abkassiert. Nach Recherchen des Biallo-Teams fordern aber inzwischen auch 35 Banken und Sparkassen von Privatkunden ein „Verwahrentgelt“ (s. Tabelle). Diese Zahl könnte bald schnell ansteigen, da die Verschärfung des Einlagenzinssatzes im September von vielen Instituten noch gar nicht umgelegt wurde.  Was jedoch schon gekappt wird, ist das sog. Prämiensparen. Gerade erst hat die Sparkasse Dortmund bekannt gegeben, 11.000 Verträge kündigen zu wollen.
Natürlich können Kunden, die mit der Zinspolitik ihrer Bank nicht einverstanden sind, das Konto auflösen und sich ein anderes Institut suchen. Allerdings dürften sie dann noch schlechter dastehen, denn viele Banken schröpfen zunächst nur die Neukunden. Die Stadtsparkasse München z.B. lässt sich von ihren Neukunden bei der Kontoeröffnung eine Zustimmungserklärung unterschreiben, wonach sie bei Bedarf Negativzinsen für Einlagen pro Person ab 100.000 Euro nehmen darf. Diese Regelung soll auch dann greifen, wenn der Betrag gestückelt und auf mehrere Konten verteilt wird.
Spätestens jetzt sollten Sparer ihr Geld in Aktien und Investmentfonds umschichten, wenn sie langfristig nicht draufzahlen wollen. Dabei gilt: Keine Angst vor Aktien, denn an der Börse lässt sich immer noch Geld verdienen.