Das Comeback

Trendwende in der Chipbranche


Zukunftsthemen wie 5G-Technologie, künstliche Intelligenz, autonomes Fahren oder digitale Medizintechnik haben alle ein Herzstück – die Halbleiter. Damit ist das Comeback der Chipbranche vorprogrammiert.
Kaum ein Markt ist innovationsgetriebener als die Halbleiterbranche, und nur wenige andere Produkte sind wichtiger für die Entwicklung einer Wirtschaft als Chips. Denn ohne Halbleiter keine Mobiltelefone, Computer oder Flachbildschirme, Autos, Flugzeuge oder medizinische Geräte. Die Anzahl der verbauten Halbleiterbauelemente wächst dabei fortwährend. Jahrzehntelang folgte auf ein rasantes Wachstum stets ein kräftiger Einbruch. Das lag an den Produzenten selbst: Wenn es gut lief, steckten die Konzerne Milliarden in neue Werke. Einmal in voller Fahrt, überschwemmten die neuen Fabriken den Markt mit Chips, und die Preise sanken. In der Folge fuhren die Anbieter ihre Investitionen zurück, doch mit der Zeit erholten sich die Preise wieder. In den vergangenen Jahren schien dieses Muster in der Branche überwunden. Das stürmische Wachstum flachte etwas ab, dafür wurde das Geschäft berechenbarer. Neben den üblichen konjunkturellen Schwankungen brach der Zollstreit zwischen den USA und China dann über die internationalen Märkte herein. Erschwerend kam in dieser Situation die anhaltende Strukturkrise in der Automobilindustrie hinzu. All dies führte zu vollen Lagern und damit zu einem Überhangangebot, das die Preise deutlich sinken ließ.
Hellhörig macht jedoch, dass der taiwanesische Produzent TSMC bei der Vorlage seiner Quartalszahlen nun ankündigte, die Investitionen in 2019 und 2020 um 4 Mrd. $ auf 14 bis 15 Mrd. $ anzuheben. TSMC begründet die höheren Investitionen mit deutlich besseren Erwartungen für die Verbreitung von Mobiltelefonen des 5G-Standards. Bereits für 2020 geht der Konzern davon aus, dass 15 % der global ausgelieferten Mobiltelefone über den neuen, besonders schnellen Datenübertragungsstandard verfügen. Bisher war man von einem einstelligen Prozentsatz ausgegangen.
Auch eine Studie von PricewaterhouseCoopers kommt zu dem Schluss, dass nach dem zyklischen Umsatzrückgang in 2019 die Halbleiterbranche im kommenden Jahr wieder wachsen wird. Die Gesellschaft prognostiziert, dass sich die weltweiten Erlöse mit Elektronikbauteilen in 2022 dann auf rd. 575 Mrd. $ summieren werden. Dies würde ausgehend von den 481 Mrd. $ Umsatz im Rekordjahr 2018 ein durchschnittliches Jahreswachstum von 4,6 % bedeuten. In Europa werden gerade von der Automobilindustrie starke Nachfrageimpulse erwartet. Die Umsätze mit Halbleitern für den Automobilbereich werden der Studie zufolge mit 11,9 % am schnellsten wachsen. So benötigen Elektro- und Hybridautos ungefähr doppelt so viele Halbleiter wie herkömmliche Fahrzeuge. Mit Chips für die neuen Antriebsarten, zur Unterstützung von künstlicher Intelligenz beim autonomen Fahren, Fahrassistenzsystemen, Fahrsicherheit, Infotainment usw. soll der Halbleiterumsatz in dem Bereich weltweit auf rd. 68 Mrd. $ hochfahren. Auch Charttechnisch stehen die Zeichen auf Trendwende, schließlich befindet sich der Halbleiterindex in einer doppelten Ausbruchsituation.
Als positives Signal kann auch der überraschend gute Ausblick des Chip-Giganten Intel gewertet werden. Für das Gesamtjahr rechnet man im kalifornischen Santa Clara nun mit Erlösen von 71 Mrd. $ – das sind 1,5 Mrd. $ mehr als bisher erwartet. Vor allem teure Server-Chips verkaufen sich prächtig. Auch Produkte für das Cloud-Computing, die für Intel ebenfalls hohe Margen bedeuten, konnten massenweise abgesetzt werden.Hier legten die Erlöse um 4 % zu.
Investitionen in das Automobilgeschäft hatten sich für das US-Unternehmen Nvidia schon im 2. Quartal ausgezahlt und dürften dies auch im Q3 tun. Zwar endete die Zusammenarbeit mit Tesla, dafür konnte aber das deutlich größere japanische Unternehmen Toyota für eine Zusammenarbeit gewonnen werden. Außerdem kooperiert Nvidia mit Daimler, Volvo, VW usw. Insgesamt stellt die Halbleitertechnologie das drittgrößte Exportgut der USA dar. Damit hat die Branche ein großes Interesse an einer Einigung im Handelskonflikt zwischen den USA und China.
Spätestens Anfang nächsten Jahres sollten Nachfrage und Preise für Speicherchips wieder steigen, weil viele Unternehmen ihre Investitionsbremsen lösen könnten, so auch die Ansicht des japanischen Finanzhauses Nomura. Diese Entwicklung wird auch dem Marktführer bei Speicherchips, Smartphones und Fernsehern, Samsung, zugutekommen. Der südkoreanische Technologiekonzern hatte im 3. Quartal wegen gesunkener Preise für Speicherchips zunächst erneut einen Gewinneinbruch erlitten. Der Überschuss sank um 52 % auf 6,3 Bill. Won. Der Umsatz fiel um 5,3 % auf 62 Bill. Won. Positive Signale sieht Samsung in den kommenden Monaten durch den steigenden Chip-Bedarf bei Rechen­zentren-Kunden sowie den Ausbau des neuen Hochgeschwindigkeits-Mobilfunknetzes 5G.
Unter die Top 10 der Speicherchip-Produzenten hat es auch die deutsche Infineon geschafft. Das DAX-Unternehmen ist mit seinen Systemlösungen für Industrieelektronik und Sicherheitsanwendungen in nahezu allen Lebensbereichen vertreten. Die 9 Mrd. € schwere Übernahme des US-Wettbewerbers Cypress macht die weiteren Ambitionen von Infineon deutlich. Cypress ist Spezialist für Chiplösungen beim autonomen Fahren. Schließlich ist Deutschlands größter Halbleiterhersteller bereit, das 4,5-Fache des Jahresumsatzes zu berappen. Mitte November präsentiert Infineon seine Zahlen für das 4. Quartal 2018/19 und die vorläufigen Zahlen für das Gesamtjahr. Bei einem Umsatz von 8,0 (7,6) Mrd. € wird eine Segmentergebnis-Marge von 16 (17,8) % anvisiert.
Die deutsch-britische Dialog Semiconductor hatte im 3. Quartal besser abgeschnitten als erwartet. Der Umsatz kletterte auf 409 (367) Mio. $. Erwartet worden waren lediglich 360 bis 400 Mio. $. Auch das bereinigte Betriebsergebnis konnte mit 104 Mio. nach 82 Mio. $ im Q2 positiv überraschen. Dialog, die bereits stark in den Segmenten Automobil und Mobilfunk unterwegs ist, investiert derzeit kräftig in das Geschäft mit dem Internet der Dinge. Dazu will das Unternehmen für rd. 80 Mio. $ den in Bingen angesiedelten Chiphersteller Creative Chips kaufen. Der Abschluss der Transaktion wird für das 4. Quartal erwartet.
STMicroelectronics hat im 3. Quartal von wieder besseren Geschäften mit Mikrocontrollern, Sensoren und Chips für die Autoindustrie profitiert. Die nach einem schwachen 2. Quartal gesenkte Umsatzprognose wurde konkretisiert. Demnach erwartet der Konzern nun Erlöse von rd. 9,48 Mrd. $ – und liegt damit in der Mitte der zuvor angepeilten Spanne zwischen 9,35 bis 9,65 Mrd. $.
Die langfristigen Treiber wie 5G-Technologie, E-Mobilität, autonomes Fahren, oder energieeffiziente Technologien bleiben für die Halbleiterbranche intakt. Das aktuell schwierige Umfeld und die Prognosereduzierungen sind inzwischen eingepreist. Ein guter Zeitpunkt, um sich in der Chipbranche wieder zu positionieren.