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Tesla kommt nach Brandenburg


Tesla ist nicht nur der größte Hersteller von Elektroautos, sondern auch ein gern gesehener Investor. Doch bisher wurden alle Tesla-Modelle im kalifornischen Hauptwerk Fremont produziert. Seit Kurzem aber baut Tesla darüber hinaus noch riesige Fertigungsstätten, um die gesamte Wertschöpfungskette abzudecken und daran mitzuverdienen. Die erste der sog. Gigafactorys wird in Reno (Nevada) gebaut. Obwohl Nevada erst zu einem Drittel fertig ist, gilt sie schon jetzt als aktuell größte Batteriefabrik der Welt. Hier arbeiten rund 10.000 Menschen, davon 3.000 beim Batteriezulieferer Panasonic. Die Gigafactory 2 steht in Buffalo im Bundesstaat New York, wo Solarmodule gebaut werden. Zudem produziert Teslas Tochterunternehmen Solar City auch Solarpanele und andere Photovoltaik-Anlagen für Privathaushalte. Eine dritte Gigafactory wurde erst Anfang des Jahres nahe Shanghai in China genehmigt und in nur 168 Arbeitstagen errichtet. Inzwischen laufen dort die ersten Autos des Typs Model 3 für den chinesischen Markt vom Band. Es ist das erste Autowerk überhaupt, das in China komplett einem ausländischen Hersteller gehört.

Für die Automatisierung der Produktion und eine schnellere Fertigung hatte Tesla 2016 den deutschen Maschinenbauer Grohmann aus Rheinland-Pfalz gekauft. Dessen Hightech-Anlagen und Spezialisten hatten endlich das Chaos im kalifornischen Stammwerk beendet und spielen nun eine Schlüsselrolle beim Aufbau der Gigafabriken. Die nächste XXL-Fabrik wird nun in Europa entstehen. Dass sich Tesla dabei letztlich für Deutschland entschieden hat, mag vor allem an dem exzellenten Ruf deutscher Ingenieure liegen. Schließlich hat Deutschland in der Automobilindustrie eine lange Tradition. In Süddeutschland sitzen mit BMW, Daimler, Audi und Porsche die Schwergewichte der deutschen Autoindustrie. Und wohl gerade deshalb wollte Elon Musk auch mit seinem Gigawerk nicht in die unmittelbare Nachbarschaft, sondern in die Hauptstadt Berlin.

Das „Alles-unter-einem-Dach-Prinzip“ aus Shanghai soll ähnlich auch in Berlin umgesetzt werden, wo neben Autos (vermutlich auch das neue Model Y) vor allem Batterien gefertigt werden sollen. Geeignete Standorte hat die Hauptstadt genug, einer davon der Cleantech Business Park in Marzahn. Der steht beinahe noch leer und ist einst für nachhaltige Technologien erschlossen worden.

Doch während die Verantwortlichen in Berlin immer noch grübelten, was Musk tatsächlich meinte, als er sagte, er wolle in Berlin ein Design- und Entwicklungszentrum bauen, begannen die Brandenburger schon um Tesla zu buhlen. Mehr als ein Jahr hat das Bundesland für sich geworben und dabei gleich mehrere Konkurrenten in Deutschland und Europa aus dem Rennen geworfen. Als Musk jedoch klar wurde, dass der gewählte Standort Grünheide gar nicht zu Berlin gehört, wäre der Vertragsabschluss fast noch geplatzt. Um den Tesla-Chef zu beschwichtigen und den Coup in letzter Minute zu retten, habe man sich schließlich in der Kommunikation auf die Formulierung „Großraum Berlin“ geeinigt, heißt es. „Ich bin glücklich, dass sich Elon Musk für unseren Standort Brandenburg entschieden hat“, sagte Ministerpräsident Dietmar Woidke hinterher. Die Freude ist durchaus nachvollziehbar, denn bis zu 4 Mrd. Euro will Tesla in den Bau seiner Gigafactory 4 nahe Berlin investieren. Mindestens 3.000, später bis zu 8.000 Arbeitsplätze sollen in dem beschaulichen Ort entstehen, in dem jetzt gerade mal knapp 9.000 Menschen leben.

Bisher gibt es in der Gemeinde nur eine öffentliche Tesla-Ladestation und zwei große Tesla-Fans. Dennoch ist Grünheide als Tesla-Standort geradezu prädestiniert, und zwar aus mehreren Gründen: 2001 wollte sich BMW schon auf dem Gelände niederlassen. Zwar ließen die Bayern das Projekt letztlich fallen, die Fläche ist aber seitdem als Industriegelände ausgewiesen und im aktuellen Bebauungsplan so eingetragen, was das Genehmigungsverfahren enorm beschleunigt. Der Ort ist zudem strategisch attraktiv angebunden: Man kommt direkt auf die A10, den östlichen Berliner Ring. Auch die Nähe zu Polen und damit zu hoch qualifizierten und gleichzeitig preiswerten Fachkräften dürfte eine Rolle gespielt haben. Die Autobahn A12 zum Grenzübergang bei Frankfurt/Oder ist jedenfalls schnell erreichbar. Und auch bis zum Berliner Hauptbahnhof sind es mit der Bahn nur knapp 35 Minuten. Sollte der Flughafen BER jemals fertiggestellt werden, wäre er ebenfalls quasi um die Ecke. In Berlin selbst wurde im September die erste Teststrecke für autonome Autos in einem Bereich der Innenstadt eröffnet. Und nur 130 Kilometer südöstlich liegt mit dem Lausitzring sogar eine ausgewiesene Teststrecke für selbstfahrende Autos.

Doch der Name Grünheide steht auch für eine andere Seite der Region – den Wald. Und diese grüne Seite könnte nun doch noch das Projekt zum Kippen bringen. Denn seit Jahrzehnten gibt es in Grünheide zwar nur wenige Einwohner, dafür aber umso mehr Natur. Für die Industriebebauung aber müsste nun Wald abgeholzt werden, überwiegend Kiefern. Musk will als Gegenleistung zwar die dreifache Menge wieder aufforsten lassen, doch in Deutschland reicht das nicht. Schließlich könnten durch die plötzliche Industrialisierung auch seltene, schützenswerte Pflanzen- und Tierarten bedroht sein. Aus Sicht der Naturschützer muss daher zunächst geprüft werden, ob der mittlerweile 20 Jahre alte Bebauungsplan den heutigen naturschutzrechtlichen Anforderungen noch genügt. Nach Angaben des Naturschutzbundes Nabu siedeln auf dem rund 300 Hektar großen Baugrundstück in Grünheide geschützte Reptilienarten sowie Baumfalken und Fledermäuse. Eine geplante Aufforstung andernorts werde das Problem nicht lösen, so Nabu-Geschäftsführerin Christiane Schröder.

Grünheide als Fertigungsstandort einer zukunftsorientierten Automobilindustrie könnte nun in letzter Minute doch noch ins Wanken geraten. Dabei sollen schon im nächsten Jahr die Bauarbeiten beginnen und ab 2021 die ersten Elektrofahrzeuge vom Band rollen. Das ist verdammt wenig Zeit, um mögliche Bürgerklagen abzuwehren und ggf. mehrere Tierarten umzusiedeln. Die Landesregierung hat zwar eine Taskforce eingesetzt, um die Ansiedlung von Tesla zu unterstützen. Doch es wäre nicht das erste Mal, dass hierzulande ein Milliardenprojekt durch die Grabenkämpfe verschiedener Interessengruppen gestoppt wird – ausgetragen über den Naturschutz. Jüngstes Beispiel und zugleich Mahnmal ist der 7,2 Kilometer lange Lückenschluss der Autobahn A 33, der am 18. November nach fast 60 Jahren Planungs- und Bauzeit für den Verkehr freigegeben wurde.

Willkommen in Deutschland, Tesla!