Die Medizin feierte die sog. Genschere „CRISPR/Cas 9“ als den Durchbruch in der Forschung, der alles verändern kann. Durch diese neue Methodik werden Nahrungsmittelpflanzen optimiert, und Mediziner hoffen, bislang unheilbare Krankheiten besiegen zu können. Weltweit forschen Pharma- und Biotechkonzerne an CRISPR/Cas 9 – nicht ganz ohne Risiko. Aktionäre schauen sich die DNA der einzelnen Akteure daher genau an.
Hinter dem kryptischen Zungenbrecher CRISPR/Cas 9 (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats) stecken 30 Jahre Forschung, die in einem revolutionären Ergebnis mündeten. Die Funktionsweise der im Volksmund genannten Genschere ist zwar noch immer nicht völlig verstanden und somit auch nicht risikofrei, doch schon heute können die Erkenntnisse die gesamte Medizin und das Leben verändern. Verständlicherweise sind die Gefahren unter ethischen Bedenken groß, doch gleichzeitig gibt es schwer erkrankten Menschen wieder Hoffnung in ihrem Überlebenskampf.
Was sich so einfach anhört, die DNA (Desoxyribonukleinsäure) an einer bestimmten Stelle auszuschneiden, ist ein hochkomplexer molekularbiologischer Prozess. An dieser Schnittstelle können die Forscher Gene ausschalten oder sogar neue Abschnitte einfügen. Alle Genome (Erbgut) – ob menschlicher oder pflanzlicher Natur – lassen sich durch dieses Verfahren deutlich schneller und vor allem deutlich einfacher verändern. Diese Methode wird auch als Genom-Editing oder molekulares Skalpell bezeichnet. Stark vereinfacht funktioniert das Verfahren so: Das System besteht aus einer molekularen „Sonde“ (CRISPR) und einer „Schere“ (Cas 9-Protein). Die Sonde soll die genaue Zielstruktur für eine Mutation im Genom finden, und die Schere durchtrennt daraufhin den DNA-Doppelstrang.
Eher zufällig entdeckte die französische Biologin Emmanuelle Charpentier im Jahr 2012 das Potenzial von CRISPR, als sie scharlachauslösende Bakterien untersuchte. Ursprünglich stammt dieser Prozess jedoch aus der Natur. So nutzen Bakterien ihn als eine Art Immunsystem, mit dem sie feindliche Viren erkennen und abwehren können.
Zahlreiche etablierte Pharmakonzerne, aber auch Start-ups, investieren hohe Summen in die Forschung von CRISPR/Cas 9. Die Hoffnung, Erkrankungen zu heilen oder Erbkrankheiten sogar völlig zu besiegen, sind groß. Beispielsweise gibt es in der Krebsforschung einen Ansatz, entartete Zellen einfach herauszuschneiden. Saatgut-Konzerne arbeiten daran, mit der Genschere Pflanzen zu optimieren. Diese Pflanzen können durch die Veränderung des Genoms ertragreicher, nährstoffreicher und resistenter sein.
In Europa wird der Einsatz dieser Methode jedoch stark diskutiert und unterliegt strengen Aufsichtspflichten. Im Juli 2018 entschied etwa der Europäische Gerichtshof, dass CRISPR unter die europäischen Richtlinien der Gentechnik fällt. Somit müssen alle Pflanzen als gentechnisch veränderte Organismen gekennzeichnet werden. Dies ist einer der Gründe, warum mehrheitlich die Unternehmen, die an Genom-Editing forschen, in den USA ansässig sind. Hier zählen Intellia Therapeutics und Editas Medicine zu den bekanntesten Adressen. Der größte Forschungserfolg gelang jedoch bislang der Schweizer CRISPR Therapeutics. Das Biotech-Unternehmen gab im Februar bekannt, erstmals einen Menschen mit der Genschere behandelt zu haben. Konkret wurde die erbliche Erkrankung des roten Blutfarbstoffs Beta-Thalassämie behandelt. Patienten, die darunter leiden, besitzen zu wenige rote Blutkörperchen und benötigen oft Bluttransfusionen. CRISPR Therapeutics kooperiert dabei übrigens mit dem US-Pharma-Unternehmen Vertex.
Doch auch hierzulande wird auf dem Gebiet geforscht. So zählt Merck KGaA zu einem der erfolgreichsten Pioniere. „Wir sind ein führender Anbieter von Technologien wie CRISPR/Cas 9, mit denen gezielt Gene verändert werden können ... Mit CRISPR/Cas 9 ergeben sich neue Möglichkeiten in der gentechnischen Forschung. Diese können große Fortschritte bei der Behandlung schwerer Krankheiten oder bei der sogenannten „grünen Gentechnik“, also der Anwendung
genomverändernder Verfahren bei der
Pflanzenzüchtung, ermöglichen“, erklärt Merck-Pressesprecher Dr. Gangolf Schrimpf gegenüber dem ES. Die Darmstädter halten weltweit 13 CRISPR-Patente. „Wir sind Dienstleister für andere Pharmaunternehmen. Es gab mal eine Aussage von uns, dass man davon ausgehen könne, dass neun von zehn Unternehmen, die an Gentherapien arbeiten, unsere Kunden seien.“ Eines davon ist das US-Biotechnologieunternehmen bluebird bio. Der DAX-Konzern ist sich dabei seiner ethischen Verantwortung voll bewusst. „Unsere Richtlinie für die Technologie zur Genomeditierung (Genome Editing Technology Principle) gibt unseren Mitarbeitern einen verbindlichen ethischen und operativen Rahmen vor.“ Auch auf anderen Gebieten arbeitet Merck KGaA überaus erfolgreich. Unter den deutschen Pharmaaktien ist das Papier damit ein Top Pick.
Bei den deutschen Unternehmen mischen außerdem Qiagen und Bayer in Sachen CRISPR mit. Die Leverkusener arbeiten in einer Forschungsallianz mit den US-Unternehmen CRISPR Therapeutics und Pairwise Plants im Agrarbereich zusammen. Doch bekanntermaßen steckt Bayer im Monsanto-Klage-Debakel fest, sodass die Aktie sicherlich derzeit nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen ist.
Kaum ein anderes Verfahren hat das Potenzial, die Medizin und Landwirtschaft derart zu verändern. Anleger müssen sich allerdings ganz genau die DNA der einzelnen Unternehmen anschauen. Denn die Umsätze sind niedrig, wenn überhaupt welche gemacht werden. Dem stehen dann aber zumeist hohe Forschungsaufwendungen gegenüber. Wie bei allen Biotech-Unternehmen hängt die Entwicklung des Aktienkurses stark von den Ergebnissen klinischer Tests ab. Fallen diese gut aus, ist in der Regel mit einer überdurchschnittlichen Rendite zu rechnen.
CRISPR/Cas 9 entschlüsselt die DNA von Kursgewinnen.

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