Ob Chinas Internetriese Alibaba, Russlands Ölgigant Gazprom oder Indiens größter Automobilhersteller Tata Motors – sie alle werden im Ausland als ADR gehandelt. Aber auch auf Xetra und in Frankfurt werden ADRs u.a. von der deutschen Allianz, BASF, Bayer oder RWE gehandelt. Damit stellt sich die Frage: Aktie oder ADR kaufen?

 

Streng genommen sind ADRs (American Depositary Receipts) Zertfikate, die das Eigentum an Aktien verbriefen. Sie werden von US-amerikanischen Depotbanken (depositary banks) in den USA ausgegeben. Diese Aktienzertifkate lauten auf Dollar und verkörpern eine bestimmte Anzahl ausländischer Originalaktien. Dafür hinterlegen die Unternehmen einen Teil ihres Kapitals bei der jeweiligen amerikanischen Bank. Diese bestimmt dann das Verhältnis von ADR zur Originalaktie. Entsprechend dem Verbriefungsverhältnis stellt das Finanzinstitut dann die Hinterlegungsscheine (Depositary Receipts) aus und bringt sie mit eigener ISIN in den Handel. Statt der Unternehmensaktie selbst wird dann nur das ADR gehandelt.

Es gibt keine exakten Vorschriften, in welchem Verhältnis ein ADR zur Originalaktie zu stehen hat. Ein ADR kann sowohl nur einen Bruchteil einer Aktie als auch mehrere Aktien verbriefen. Bei dem ADR des russischen Mobilfunkbetreibers Vimpelcom z.B. repräsentiert ein ADR nur 0,75 Originalaktien. Bei einer Notierung in Vorzugs- und Stammaktien liegen sogar oftmals unterschiedliche Verhältnisse den einzelnen Gattungen zu- grunde. So repräsentiert das gehandelte ADR der Surgutneftegaz Vorzüge 100 Original-Vorzugsaktien, das ADR der Stammaktien hingegen nur 50 Original-Stammaktien.

Die Guaranty Trust Co. (Vorgängerfirma von JP Morgan) war Vorreiter des ADR-Konzepts. Der Trust lancierte 1927 den ersten ADR an der New York Curb Exchange (dem Vorläufer der American Stock Exchange). So konnten US-amerikanische Anleger damals Aktien des berühmten und heiß begehrten britischen Einzelhandelsunternehmens Selfridges in den USA kaufen. Schon 1931 führte die Bank das sog. erste gesponserte ADR für das britische Musikunternehmen Electrical & Musical Industries (auch bekannt als EMI und später Label der Beatles) ein.

Bei den gesponserten (sponsored) ADRs geht die Initiative direkt vom ausländischen Unternehmen aus, das in den USA gehandelt werden möchte. Es wählt die amerikanische Bank für die Platzierung aus, schließt mit ihr die Vereinbarungen und trägt auch den Großteil der Kosten für die Emission seines ADR. Die Depotbank verpflichtet sich im Gegenzug, die Zertifikate auszugeben und zurückzunehmen, ggf. die Ausübung von Stimmrechten des Investors zu übernehmen sowie Dividenden- und Unternehmensinformationen weiterzugeben. Dafür wiederum erhebt die Bank dann wieder Gebühren, die beim ADR-Besitzer hängenbleiben. Bei Dividenden zahlenden ADR-Positionen werden diese Gebühren direkt von der Dividende abgezogen und von der Bank einbehalten. Bei allen anderen ADRs wird die Gebühr vom Konto abgezogen.

In Russland z.B. ist es bis heute kaum möglich, die Aktien im Ausland an die Börse zu bringen. Deshalb sind fast alle russischen Titel an ausländischen Märkten nur als Hinterlegungsschein handelbar. Gleiches gilt auch für Firmen aus anderen schwer zugänglichen Aktienmärkten, wie z.B. Brasilien oder Indien. Aber nicht nur dort sind die Unternehmen darum bemüht, an den ausländischen Börsen ADRs zu platzieren. Fast alle international aufgestellten Börsengesellschaften haben ein großes Interesse daran und initiieren entsprechende Programme. Deshalb sind die meisten auch gesponserte ADRs. Denn immer noch unterliegen vor allem institutionelle Investoren mit großen Kapitalvermögen (staatliche Pensionsfonds, Lebensversicherungen oder Kreditinstitute) in den USA gewissen Beschränkungen, wenn sie in ausländische Wertpapiere ihr Geld anlegen. Bei den sog. nicht gesponserten (unsponsored) ADRs geht die Initiative, ein ADR aufzulegen, allein von einer Depotbank oder einem Händler in den USA aus. Unsponsored ADRs sind jedoch nicht an allen Börsen handelbar.

Im Allgemeinen werden ADRs in drei Kategorien (Level) eingeteilt. Das Level-I-Programm ist die einfachste und effizienteste Möglichkeit, mit minimalem regulatorischen Aufwand und geringen Berichtspflichten in den amerikanischen Markt einzutreten. Die breite Masse sind daher Level-I-ADRs. Das europäische Pendant zu ADRs sind übrigens GDRs (Global Depository Receipts). Sie sind aber weniger verbreitet. Aktuell werden an der Frankfurter Börse und auf dem elektronischen Handelssystem Xetra 549 ADRs, aber nicht einmal hundert GDRs von deutschen und ausländischen Aktien gehandelt.

ADRs haben zwar durchaus auch Aktiencharakter, aber es sind keine Aktien. ADRs/GDRs sind lediglich Hinterle- gungsscheine einer Bank (z.B. der Bank of New York). Daran ändern auch das Recht auf Dividende sowie der Ausliefe- rungsanspruch in Aktien nichts. Der Käufer von ADRs muss darauf vertrauen, dass die Bank im Ernstfall auch die hinterlegten Aktien tatsächlich ausliefern kann. So können die Banken ADR- und GDR-Programme auch wieder schließen. Allerdings ist bei ADRs das Emittentenrisiko wesentlich geringer als bei gewöhnlichen Zertifikaten. Als reale Basis hinterlegt die zugehörige Gesellschaft ihre Aktien nämlich in einem Sperrdepot bei der jeweiligen Depotbank. Das Sperrdepot mit den Aktien stellt Sondervermögen dar, welches im Fall einer Insolvenz geschützt bleibt (s. ES 15/2013). Der Besitzer der ADRs geht selbst dann nicht leer aus, wenn die ausgebende Bank zahlungsunfähig wird. Steuerlich werden ADRs und GDRs wie Aktien behandelt. Sowohl für Kursgewinne als auch Dividenden muss der Inhaber Abgeltungssteuer zahlen.

An den jeweiligen Heimatbörsen ist jedoch die Liquidität in der Aktie stets höher als die von ADRs. Dies führt dann zu größeren Spreads zwischen An- und Verkaufskursen und damit zu ungünstigeren Konditionen für den ADR-Käufer. Alibaba z.B. ging in New York an die Börse und lässt sich in Deutschland nur als ADR handeln. Am 2.12.2017 wurden in Frankfurt 18.800 Alibaba-ADRs gehandelt – an der Nasdaq in New York dagegen 18,7 Mio. Aktien.

Europäische und amerikanische Aktien sollte man an den Heimatbörsen direkt handeln. Bei lateinameri- kanischen, asiatischen oder auch russischen Titeln können Privatanleger auf ADRs zurückgreifen, die auf Xetra und an der Frankfurter Börse gehandelt werden. 

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