„In einem dunklen Raum bewegt man sich mit kleinen Schritten“, so begründete EZB-chef Mario Draghi am vergangenen Donnerstag die Entscheidung der Euro-Wächter, die Leitzinsen bis zum Jahresende bei Null Prozent zu belassen. Der Einlagensatz für Banken bleibt ebenfalls unverändert bei –0,4 %. Die angekündigte Rückkehr zu einer normalen Geldpolitik fällt damit aus. 

Dass seine amerikanischen Kollegen schon vor drei Jahren angefangen haben, dem Geld wieder einen Preis zu geben (inzwischen 2,5 %), kann Draghi nicht beirren. Er wollte ganz sicher gehen und hat damit den Zeitpunkt verpasst, als sich Europas Konjunktur deutlich erholte und eine Zinserhöhung verkraftet hätte. Nun hat sich ihr Zustand wieder verschlechtert. Also verpasst er der Wirtschaft noch einmal eine zusätzliche Injektion billigen Geldes. 

Bei den Wachkoma-Patienten Banken erhöht er die Medizindosis, indem er eine Neuauflage von günstigen Langfristkrediten in Aussicht stellt. Gleichzeitig werden weiterhin Anleihen und Aktien von klammen Staaten und maroden Geldinstituten aufgekauft, für die am freien Markt keiner mehr Geld bezahlen will. 

Damit gehören die klapprigsten Patienten am Finanzmarkt wieder einmal zu den Gewinnern der Draghischen Geldpolitik, die Sparer bleiben die Verlierer. Denn ihr Geld ist die Zahl nicht mehr wert, die auf den Scheinen steht. Sie müssen selber sehen, wie sie ihre Rente absichern, ihnen gibt keiner eine Geldspritze. Im Gegenteil, sie werden weiter geschröpft und finanzieren all die teure Medizin. 

Nun bleibt wenigstens zu hoffen, dass diese auch wirklich anschlägt und sich der Patient Europa erholt. Denn die EZB hat den Pillenschrank leer geräumt, eine neue Therapie ist kaum möglich. Aber das wird dann das Problem von Draghis Nachfolger sein, wenn dieser Ende Oktober nach achtjähriger Amtszeit das Haus verlassen wird.

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