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Delisting chinesischer ADRs

Anleger zwischen den Handelskriegfronten

31. Oktober 2020

In den letzten Tagen erhielten viele Anleger Post von ihren Depotbanken mit dem Angebot, ihre chinesischen ADRs in Aktien zu tauschen. Doch wie zahlreiche Leseranfragen zeigen, wissen viele Privatanleger nicht, was dies bedeutet und sind verunsichert. Aber es besteht kein Grund zur Panik.

Im Zuge des schon lange andauernden Handelskrieges zwischen den USA und China war der Skandal um Luckin Coffee der willkommene Anlass für Donald Trump, den Handel chinesischer Papiere an den US-Börsen zu beschränken. Als Teil dieser neuen Anti-China-Strategie verabschiedete der US-Senat am 20. Mai 2020 das „Gesetz zur Rechenschaftspflicht ausländischer Unternehmen“. Danach müssen chinesische Unternehmen, die in den USA gelistet sind, künftig transparenter bilanzieren. Das trifft vor allem auf die Firmen zu, die in Form von American Depository Receipts (ADRs) in den Vereinigten Staaten gelistet werden.

Diese ADRs sind Zertifikate, die das Eigentum an Aktien verbriefen und von US-amerikanischen Depotbanken (depositary banks) in den USA ausgegeben werden (vgl. ES 9/18). Diese Aktienzertifikate lauten auf Dollar und verkörpern eine bestimmte Anzahl ausländischer Originalaktien. Dafür hinterlegen die Unternehmen einen Teil ihres Kapitals bei der jeweiligen amerikanischen Bank. Diese bestimmt dann das Verhältnis von ADR zur Originalaktie und bringt sie mit eigener ISIN in den Handel. Exakte Vorschriften, in welchem Verhältnis ein ADR zur Originalaktie zu stehen hat, gibt es nicht. Bisher unterlagen diese ADR-Notierungen auch nicht so strengen Regulierungen. Nach dem neuen Gesetz aber soll nun die Public Company Accounting Oversight Board (PCAOB) Zugang zu Prüfungsunterlagen lokaler Wirtschaftsprüfer in China erhalten. Dies verstößt jedoch gegen chinesisches Recht.

Um einem Delisting der ADRs in den USA zuvorzukommen, streben nun viele chinesische Unternehmen ein Zweitlisting in Hongkong an. Zu diesem Zweck bieten sie den ADR-Besitzern einen Umtausch ihrer Papiere in Aktien an, was durchaus Sinn macht. Sechs Monate nachdem Alibaba ein Zweitlisting in Hongkong erhielt, wächst die Liste der Anwärter für ein Zweitlisting in Hongkong täglich an. In den vergangenen zwei Wochen folgten Netease und JD.com den Spuren von Alibaba. Auch Yum China, Trip.com, Huazhu und New Oriental Education sollen in den Startlöchern stehen. Insgesamt könnten in den nächsten ein bis zwei Jahren etwa 250 Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von sage und schreibe 1,5 Bill. US-Dollar über diesen Weg von der New Yorker Börse verschwinden. Dies wäre dann ein weiteres Eigentor der jetzigen US-Regierung.

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