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GameStop-Rebellion

Aufstand der Kleinanleger

Auch wenn Leerverkäufer an der Börse durchaus eine regulierende Wirkung haben können, weil sie z.T. einen guten Riecher für kranke und unseriöse Unternehmen haben, ist die gefährliche Seite ihrer Spekulation spätestens seit der Finanzkrise bekannt. Denn seinerzeit hatten große Investoren riesige Positionen aus Aktien, Anleihen und Optionen aufgebaut, die ihnen gar nicht gehörten. Sie hatten sie gegen eine Gebühr nur geliehen, um damit zu spekulieren – und zwar auf fallende Kurse. Short Selling (Leerverkauf) heißt diese Handelstätigkeit. Dabei werden die geliehenen Wertpapiere sofort weiterverkauft mit dem Ziel, sie später zu einem niedrigeren Preis an der Börse zurückzukaufen. Dann bekommt sie der Verleiher zurück, und der Leerverkäufer streicht die Differenz als Gewinn ein.

War das „Shorten“ ursprünglich mal als Absicherung des Portfolios gedacht, wird es heute von professionellen Investoren als Geschäftsmodell im großen Stil betrieben – oft auf Kosten der vielen Kleinanleger. Denn sie zahlen die Zeche für die Profite der Shortseller. Trotzdem ist diese Handelsstrategie nicht illegal. Allerdings wird sie spätestens dann unseriös, wenn man die Aktien eines Unternehmens nicht nur verkauft, sondern gleichzeitig schlechte Nachrichten im Markt streut, um den Kursverfall anzuheizen. Eine besonders aggressive und fragwürdige Variante sind auch die ungedeckten Leerverkäufe. Weil man dafür keine Wertpapiere leihen muss, fallen auch keine Gebühren an und theoretisch ist eine unbegrenzte Menge an Aktien handelbar.

Ein gefundenes Fressen für Leerverkäufer und zudem auch leichte Beute schien dagegen GameStop zu sein. Die Einzelhandelskette für Computerspiele und Unterhaltungssoftware aus Texas verkauft ihre Spiele immer noch vor allem in stationären Läden. Im Corona-Tief ging es für die Aktie bis auf 2,57 Dollar runter. Damit hatte sie gut 95 % von ihrem Höchststand eingebüßt. In der Spitze wurden 69,7 Mio. Aktien verliehen, mehr als das Unternehmen überhaupt ausgegeben hat. Gemessen am Streubesitz von 50,2 Mio. Aktien meldete der Börsendienst Bloomberg zuletzt eine Leerverkaufsquote von 142 %!

Doch zum Ende des Jahres 2020 kam es dann zu einer Gegenbewegung im Kurs – erst langsam, dann explosionsartig. Von umgerechnet rund 14 Euro am 4. Januar ging es bis auf 380 Euro rauf. Doch hinter dem Kursfeuerwerk stecken keine fundamentalen Gründe, sondern 2 Mio. Nutzer des Online-Portals reddit.com. Es sind meist nur kleine Beträge, die sie investieren, aber die Masse machts. Zeitweise war GameStop die meistgehandelte Aktie an der Wall Street. Einige Onlinebroker meldeten wegen des hohen Handelsaufkommens sogar Kapazitätsüberlastungen. Denn neben GameStop wurden auch AMC Entertainment, Blackberry, Nokia, Varta oder Bed Bath & Beyond durch Aufrufe in den Sozialen Medien getrieben. Die Communities entwickeln dabei geradezu sportlichen Ehrgeiz, die Märkte zu bewegen und den Shortsellern das Geschäft zu vermiesen – mit Erfolg! Die Verluste aller bei GameStop investierten Shortseller sollen sich inzwischen auf 20 Mrd. Euro summieren. Einer von ihnen, Melvin Capital, soll dabei die Hälfte seines Kapitals verloren haben und wurde musste 2,75 Mrd. Dollar gerettet werden. Die Reddit-Anleger dagegen hatten nicht nur ihren Spaß, sondern haben auch noch hohe Gewinne eingefahren. Und mit jedem Erfolg wird sich die Masse der Kleinanleger zunehmend ihrer Macht bewusst. Heute schossen die Kryptowährung Ripple und die Naked Brand Group-Aktie rakentenartig nach oben, getrieben durch die Reddit-Rebellen. Doch dies zeigt auch die Kehrseite: noch mehr Kursturbulenzen und einen Finanzmarkt, der zum Spielcasino verkommt.

Die Geister, die man rief, wird man nun nicht mehr so einfach wieder los. Viel zu lange haben die Aufsichtsbehörden das unseriöse Treiben großer Marktteilnehmer toleriert und damit diese Gegenbewegung einer neuen, selbstbewussten Anlegergeneration in den Sozialen Medien heraufbeschworen.

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